18.11.2020 20:10

Corona-Skeptiker«Ich dachte, Corona sei erfunden, dann erkrankte ich selbst»

Drei Skeptiker berichten, wie sich ihre Meinung zur Corona-Pandemie verändert hat.

von
Jacqueline Straub
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«Heute schäme ich mich dafür, dass ich die Pandemie als harmlos abgetan habe», sagt C.F.

«Heute schäme ich mich dafür, dass ich die Pandemie als harmlos abgetan habe», sagt C.F.

Privat
Im Oktober steckte sich C.F. mit Covid-19 an. Wochenlang ging es ihr schlecht, hatte schlimmen Husten und Atemnot. (Symbolbild)

Im Oktober steckte sich C.F. mit Covid-19 an. Wochenlang ging es ihr schlecht, hatte schlimmen Husten und Atemnot. (Symbolbild)

Getty Images
«Ich konnte zu Beginn den Lockdown noch nachvollziehen, weil keiner wusste, was auf uns zukommt. Aber je länger die Krise andauert, umso skeptischer werde ich», sagt Ivan Beeler.

«Ich konnte zu Beginn den Lockdown noch nachvollziehen, weil keiner wusste, was auf uns zukommt. Aber je länger die Krise andauert, umso skeptischer werde ich», sagt Ivan Beeler.

Privat

Darum gehts

  • C.F. dachte anfangs, dass das Coronavirus nicht existiere.

  • Marco Arena hielt die Pandemie für reine Panikmache.

  • Ivan hatte Corona und wurde dadurch noch skeptischer gegenüber den Massnahmen.

Sie demonstrieren mit Plakaten gegen die Massnahmen des Bundes, schreiben teils wütende Kommentare in den sozialen Medien oder beklagen sich im Freundeskreis über die Corona-Krise. Nun werden sogar Stimmen laut, dass Corona-Skeptiker Konsequenzen drohen sollten: Der Gesundheitsökonom Willy Oggier fordert, Corona-Skeptikern bei Engpässen kein Bett auf der Intensivstation zur Verfügung zu stellen, wenn diese bewusst die Hygiene- oder Abstandsmassnahmen nicht befolgt hatten.

Wir haben mit drei Skeptikern gesprochen: Zwei davon haben ihre Meinung zu den Massnahmen geändert – einer geht seit seiner Corona-Erkrankung mit der Krise noch kritischer um.

C.F.* (39): «Ich dachte, dass Corona eine erfundene Sache sei. Dann erkrankte ich selbst.»

«Lange war ich überzeugt, dass Covid-19 eine erfundene Sache ist. Später dachte ich, dass es nur eine Grippe ist und man aufhören sollte, so ein Drama zu machen. Eine Maske habe ich zwar getragen und auch Abstand gehalten, aber eigentlich nur, um die Risikogruppen in meinem Familienkreis zu schützen. Ich dachte, dass es mich eh nicht treffen würde.

Zu wissen, dass ich mich mit Corona angesteckt habe, war ein Schock für mich, denn ich habe das Virus immer belächelt. Mitte Oktober hatte ich Migräne und dachte mir nichts dabei. Am Abend kam dann der Husten. Am nächsten Morgen hatte ich Fieber und sehr starke Gliederschmerzen. Ohne Schmerzmittel ging gar nichts mehr. Als die Atemnot kam, war der Tiefpunkt meiner Krankheit erreicht. Mehrmals täglich hatte ich das Gefühl, zu ertrinken. Das waren die schlimmsten Minuten meines Lebens. Ich dachte, dass ich sterbe. Mein Ehemann lebte in der Zeit isoliert von mir im Nebenzimmer. Wenn ich wieder Atemnot bekam, konnte ich nicht mehr rufen oder reden. Ich konnte meinem Mann nur noch eine SMS schreiben. Er musste dann im Türrahmen warten und mit ansehen, wie ich nach Luft rang. Hätte ich mich nicht immer wieder beruhigt, hätte er sofort den Notruf betätigt. Spätestens da wusste ich: Corona gibt es, und es ist nicht nur ein harmloses Grippevirus.

Heute schäme ich mich dafür, dass ich die Pandemie als harmlos abgetan habe. Ich finde auch, dass es in der Schweiz zu wenig Massnahmen gegen die Bekämpfung des Coronavirus gibt. Die flächendeckende Maskenpflicht etwa in Läden hätte es viel früher geben müssen. Ebenso denke ich, dass ein zweiter Lockdown nicht verkehrt wäre.

Ich lag vier Wochen schwer krank im Bett, und noch heute bin ich nicht ganz gesund. Der Husten und die Müdigkeit sind noch immer da. Wenn ich eine Stunde auf den Beinen bin, muss ich mich danach wieder eine Stunde hinlegen. Das Virus hat mir alle Energie geraubt. Ich hoffe, dass ich nächste Woche wieder Teilzeit im Homeoffice arbeiten kann und spätestens in vier Wochen wieder voll arbeitsfähig bin.»

* Name der Redaktion bekannt

Marco Arena (47): «Für mich war Corona reine Panikmache – bis mein Onkel daran starb.»

«Vergangene Woche Donnerstag ist mein Onkel im Spital an Corona verstorben. Er war 74 Jahre alt, hatte aber keine grossen gesundheitlichen Gebrechen. Als ich letztes Wochenende mit ihm telefoniert habe, war er noch fit. Sein Gesundheitszustand hat sich dann durch die Infektion sehr schnell verschlechtert. Zwei Tage nach unserem Gespräch konnte er nicht mehr gut atmen und fühlte sich schlapp. Ein Tag darauf fiel er ins Koma, und am nächsten Tag war er tot.

Ich muss ehrlich zugeben: Bevor mein Onkel erkrankt ist, dachte ich, dass um Corona ein viel zu grosses Theater gemacht wird und die ganzen Massnahmen übertrieben sind. Ich war zwar nie auf einer Demo, aber empfand die Corona-Krise als reine Panikmache. Ich dachte, dass Corona nur so aufgebauscht wird, um von anderen Problemen in der Welt oder in der Politik abzulenken, etwa von der Klimakrise, finanziellen Interessen oder der Armut. Für mich war Corona bis vor kurzem einfach nur eine normale Grippe.

Heute sehe ich das Ganze etwas anders: Ich mache mir Sorgen um meine Eltern und die Risikopatienten in unserer Gesellschaft. Obwohl ich ein Corona-Skeptiker war, habe ich die Massnahmen immer eingehalten, um die Risikogruppen zu schützen. Aber jetzt bin ich viel vorsichtiger und nehme noch mehr Rücksicht.

Menschen, die sich heute ohne Masken und Mindestabstand treffen, finde ich verantwortungslos. Wenn mir jemand sagt, dass er oder sie die Massnahmen vom Bund übertrieben findet, sage ich, dass ich früher auch so gedacht habe – bis mein Onkel an Corona gestorben ist. Ich kannte zuvor keinen in meinem Umfeld, der sich mit Covid-19 infiziert hatte. Corona war ganz weit weg. Doch ich musste lernen, umzudenken.»

Ivan Beeler (31): «Bei meiner Grippe vor zwei Jahren ging es mir schlechter.»

«Im Oktober war ich für eine Woche mit Schweizer Freunden in Deutschland auf einem Segelschiff. Wir waren 26 Personen im Alter von 20 bis 35 Jahren. Schon nach wenigen Tagen hatten die ersten leichte Symptome wie Fieber, Husten und Schnupfen, wir hatten das dem kühlen und nassen Wetter zugeschrieben. Da wir auf dem Schiff auf sehr engem Raum lebten, haben wir uns alle mit Corona angesteckt. Ich hatte keine Symptome, habe mich dennoch testen lassen und war Corona-positiv. Während der Quarantäne habe ich von zu Hause aus gearbeitet. Niemand aus meiner Segelgruppe hatte stärkere Symptome als bei einer Grippe. Vor zwei Jahren hatte ich Grippe und lag vier Tage mit Fieber im Bett. Da ging es mir wesentlich schlechter. Ich bin mir schon bewusst, dass das Coronavirus für gewisse Personen, etwa Ältere und Vorerkrankte, gefährlich ist. Das ist eine Grippe aber auch.

Ich muss ehrlich sagen: Ich finde es übertrieben, dass um die ganze Corona-Krise solch ein Drama gemacht wird. Ich konnte zu Beginn den Lockdown noch nachvollziehen, weil keiner wusste, was auf uns zukommt. Aber je länger die Krise andauert, umso skeptischer werde ich. Für mich stehen die Massnahmen in keinem Verhältnis. Ich staune, dass die jungen Menschen nicht rebellieren, denn ihnen wird derzeit alles weggenommen, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Die finanzielle Last werden diese aber tragen müssen.»

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Corona-Zeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

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