04.11.2020 18:20

Attentat in Wien«Ich dachte: Das wars jetzt für mich»

Der letzte Abend vor dem Lockdown wurde zum Horror für Wien: Die Bernerin L.P.* (23) erlebte das Attentat am Montagabend hautnah mit.

von
Leo Hurni
Anna Meier
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Die Bernerin L.P. (23) hat das Attentat in Wien miterlebt.

Die Bernerin L.P. (23) hat das Attentat in Wien miterlebt.

KEYSTONE
Von überall seien Polizeiautos aufgetaucht und viele Passanten wusste nicht, was gerade passierte.

Von überall seien Polizeiautos aufgetaucht und viele Passanten wusste nicht, was gerade passierte.

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«Den Menschen stand die Angst ins Gesicht geschrieben.»

«Den Menschen stand die Angst ins Gesicht geschrieben.»

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Darum gehts

  • Die Bernerin L.P. (23) hat das Attentat am Montag in Wien miterlebt.

  • Auf dem Weg in die Innenstadt traf sie auf panische Menschen und die Polizei – niemand wusste wirklich, was vor sich ging.

  • Der Zusammenhalt auf Social Media hilft ihr bei der Verarbeitung.

Die Schweizerin L.P.* (23) wollte einen letzten Abend vor dem Lockdown in unbekümmerter Gesellschaft verbringen – doch die Nacht wurde für sie und ganz Wien zum Horror. «Viele Menschen gingen noch ein letztes Mal aus, das haben die Attentäter ausgenutzt», glaubt die Bernerin, die seit zwei Jahren in Wien studiert.

Der Schrecken begann auf dem Weg in die Innenstadt: L.P. schlendert am Montagabend in die Richtung Karlskirche, als sie plötzlich Absperrungen bemerkt und eine panische Menschenmenge: Die Leute rennen durcheinander, Polizeiautos fahren auf und Polizisten schreien, dass alle nach Hause gehen sollen. «Niemand wusste, was los war», erzählt L.P, «den Menschen stand die Angst ins Gesicht geschrieben.»

Wiener reagieren entspannter als die Schweizer

L.P. beobachtet, wie auf der Kreuzung unweit vom Karlsplatz ein kleiner, weisser Transporter vorfährt. Sie verspürt Todesangst. Denn für sie ist klar: «Wenn hier eine Bombe drin ist, dann wars das für mich.» Die anwesenden Polizisten zücken sofort ihre Waffen und bringen den Fahrer des Transporters zum Anhalten. Dann die Erleichterung: Die Polizisten reden kurz mit dem Fahrer, dann fährt der Transporter weiter. L.P. findet Unterschlupf in der nahegelegenen Wohnung eines Freundes, bis sich die Lage etwas beruhigt.

Trotz aller Aufregung glaubt L.P., dass die Wiener entspannter reagierten, als Schweizer es getan hätten. «In einem Video war zu sehen, wie ein Wiener aus seinem Fenster den Terroristen auf der Strasse beschimpft und einen Blumentopf nach ihm wirft. Das ist typisch Wiener Grant.» Die Städter in ihrer Wahlheimat seien generell abgebrühter und wehrhafter als die Schweizer. Und der Zusammenhalt untereinander sei gross: Nach dem Tag des Attentats stösst L.P. in den sozialen Medien auf zahlreiche Solidaritätsbekundungen. Das helfe auch ihr, den Schock zu verarbeiten.

Doch die Stimmung in Wien sei noch immer beklemmend. L.P. habe nach dem Horrorabend schlecht und nur vier Stunden geschlafen. «Alle sind noch unter Schock», so L.P. Die Strassen seien wie leergefegt. Sogar die Schlange vor dem Arbeitsamt, die L.P. täglich aus ihrer Wohnung beobachten kann, sei heute ausgeblieben.

* Name der Redaktion bekannt

Das hilft beim Verarbeiten des Erlebten

Birgit Kleim ist Professorin an der Universität Zürich und forscht unter anderem zu Krisenkompetenz und posttraumatischen Belastungsstörungen. Das verstärkte Gemeinschaftsgefühl, das L.P. in den sozialen Medien erlebt, überrascht Kleim nicht. «Wir haben das auch bei anderen derartigen Ereignissen, zum Beispiel bei 9/11 bemerkt. Hier entsteht oft eine grosse Solidarität unter den Betroffenen und Bürgern. Die soziale Unterstützung ist ein wichtiger Faktor, der extrem viel ausmacht für einen gesunden Umgang mit dem Erlebten. Die Betroffenen haben dann auch eine Chance, über das Erlebte zu sprechen und sich auszutauschen. Das kann sich positiv auf die Verarbeitung des Erlebten auswirken.» Die Unterstützung könne verschiedene Formen annehmen. Am einfachsten sei es, eine Bezugsperson aus dem eigenen sozialen Umfeld zu finden, mit der man sich austauschen kann. Aber auch Solidarität im Internet könne helfen, das Erlebte besser zu verarbeiten. Grundsätzlich sei am Anfang der Schock gross, der sich dann aber mit der Zeit verflüchtige. «Unmittelbar nach einem Trauma ist verlässliche emotionale und praktische Unterstützung wichtig. Ein Grossteil der Personen, die so was erlebt haben, sind widerstandsfähig, das hat man immer wieder herausgefunden», sagt die Expertin. «Sie finden Wege der Verarbeitung und Integration des Erlebten in ihr Leben und können damit umgehen.» Wenn längerfristig Symptome, zum Beispiel intrusive emotionale Erinnerungen an das Erlebte, Flashbacks, Angespanntheit oder Schlafprobleme hinzukommen, rät Birgit Kleim, professionelle Hilfe zu suchen.

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22 Kommentare
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Die schaffen das

05.11.2020, 08:55

Die Wiener Politik liebt es bunt und die Sozialindustrie hat alles im Griff.

B.Gattiker

05.11.2020, 01:46

Wir lieben es bunt ! Farbe bekennen und Rotgrün Wählen.Wir schaffen das

A.Ferkel

05.11.2020, 01:30

Wir schaffen das