30 Jahre Reitschule: «Ich dachte, die Bewegung läuft sich zu Tode»

Aktualisiert

30 Jahre Reitschule«Ich dachte, die Bewegung läuft sich zu Tode»

Am Wochenende feiert die Reitschule ihren Dreissigsten. Erinnerungen an die Besetzung im Jahr 1987 werden wach, auch beim Sohn des damaligen Polizeidirektors.

von
Mira Weingartner

Rückblick: 30 Jahre Reitschule Bern.

Vor dreissig Jahren, am 25. Oktober 1987, forderte der damalige Berner Polizeidirektor Marco Albisetti die Besetzer der Reitschule auf, das in der Nacht zuvor annektierte Gebäude auf der Schützenmatte zu verlassen. «Ihr habt gestern euer Fest gehabt, geht jetzt wieder nach Hause», verkündete der Stadtberner Politiker via Megafon. Doch die jungen Aktivisten liessen sich nicht von ihrem Plan abbringen. Nach weiteren Demonstrationen und Protesten wurde das Gebäude beim Bollwerk Ende Oktober 1987 schliesslich besetzt und bis heute nicht wieder freigegeben. Für Bernardo Albisetti, den damals 20-jährigen Sohn des Polizeidirektors, war die damalige Zeit besonders prägend.

Herr Albisetti, als die Reitschule im Herbst 1987 besetzt wurde, wurden Sie genau zwanzig Jahre alt. Ihr Vater war als Stadtberner Polizeidirektor das Feindbild dieser Szene, also ihrer Altersgenossen.

Für mich war das Ganze völlig surreal. Einerseits war da mein Vater, der sich als Gemeinderat und Jurist für Recht und Ordnung einsetzten musste. Andererseits waren da meine Kollegen, die sich vehement gegen die städtische Politik einsetzten. Dennoch war ich mit vielen Leuten aus dieser Bewegung in Kontakt. So habe ich mich völlig herausgehalten, wenn es ums Thema Reitschule gegangen ist.

Sie hatten doch bestimmt eine politische Haltung?

Zwar hatte ich für die kulturellen Anliegen meiner Generation Verständnis, mit den politischen Ansichten der Bewegung konnte ich jedoch schon damals nicht viel anfangen. Ich empfand das Ganze als eine Art «Revolutions-Romantik». Vielmehr habe ich meinen Vater verstanden, der die Anspruchshaltung der Reitschüler nicht duldete und dagegen vorging.

Ihre Freunde verspotteten ihren Vater als «Albiseppli», an der Wand der Reitschule malten sie eine Karikatur von ihm. Machte Sie das nicht wütend?

Diese Angriffe empfand ich nicht als primitiv, also konnte ich gut damit leben. Als sie meinen Vater jedoch mit Farbe beschmissen oder Reitschüler einst gar versuchten, ihn in einen Brunnen zu werfen, da hatte ich schon grosse Mühe. Noch schwieriger aber war die Situation damals für meinen Vater. Er selber war kulturell sehr interessiert und hätte unter gewissen Bedingungen das Kulturzentrum vielleicht gar gefördert. Dennoch galt er als Gegner.

Noch immer ist die Reitschule ein politischer Zankapfel. Hätten Sie gedacht, dass die selben Diskussionen auch noch dreissig Jahre später geführt werden müssen?

Ich dachte, die Bewegung läuft sich zu Tode. Aber die Strukturen bestehen nach wie vor. Doch eigentlich hat sich seit dem Anfang nicht viel geändert. Ich bin der Meinung, die basisdemokratische Entscheidungsstrukturen wirken sich konservierend auf das Verhältnis mit der Stadt aus. So hat der Betrieb stets mit den selben Problemen zu kämpfen.

Ihr Vater ist vor 25 Jahren gestorben. Wäre er heute Gemeinderat und für die Sicherheitsdirektion zuständig, was würde er wohl unternehmen?

Ich denke, er würde ähnlich handeln wie Reto Nause heute. Einerseits würde er den kulturellen Wert der Institution schätzen, gleichzeitig würde er aber auch die politische Haltung der Reitschüler klar hinterfragen. Zudem wäre für ihn sicher auch einmal Feierabend – man kann nicht ewig diskutieren.

Können Sie SVPler Erich Hess also verstehen, der die Reitschule schliessen will?

Die SVP sieht das Ganze schwarz-weiss. Ich habe Mühe, mich mit diesen Ansichten zu identifizieren. Meiner Meinung nach macht die SVP mit ihrer Reitschul-Zwängerei einfach Propaganda, um die wenigen Wähler, die sie in der Stadt Bern hat, bei Laune halten.

Sie haben selber Kinder. Sind diese auch ab und an im Kulturzentrum anzutreffen?

Meine ältere Tochter ist 16 Jahre alt. Sie ist in dem Alter, in dem man halt in den Ausgang geht. So ist sie auch ab und zu dort unterwegs. Mir ist es aber ehrlich gesagt lieber, sie besucht dann und wann die Reitschule, als dass sie im McDonald's im Westside herumhängt.

Deine Meinung