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«Ich dachte, er schläft»

Die Mutter des sechsjährigen Dennis, dessen Leiche jahrelang in der Kühltruhe der Familie lag, hat für ihr Verhalten um Entschuldigung gebeten. Die arbeitslosen Eheleute bestritten erneut, die alarmierende Abmagerung des Jungen erkannt zu haben.

«Ich möchte mich noch mal dafür bei meiner Familie und meinen Kinder entschuldigen, dass ich so gehandelt habe», sagte die 44-jährige Angelika B. am Freitag vor dem Landgericht Cottbus. Dort muss sie sich gemeinsam mit ihrem 38-jährigen Mann Falk B. verantworten, weil beide ihren Sohn zu Tode vernachlässigt haben sollen.

Die arbeitslosen Eheleute bestritten erneut, den lebensgefährlichen Zustand des Jungen erkannt zu haben. Falk B. räumte aber ein, dass Dennis stark abgemagert war. Bei einer Vernehmung des Haftrichters hatte er gesagt, die Knie des Jungen seien dünner als dessen Beine gewesen. Eigentlich sei am ganzen Körper kein Fleisch mehr gewesen. Vor Gericht erklärte der Mann nur: «Ich habe immer gesagt, wir müssten mal zum Arzt mit dem.» Er vermute aber, seine Frau habe sich geschämt, «dass der Junge so dünn ist.» Auch er habe bemerkt, dass Dennis «etwas abgemagert» war.

Auf Nachfragen gaben die Eheleute zu, ihre fünf kleineren Kinder nachts oft im Kinderzimmer eingeschlossen und die Tür mit einer Kette verriegelt zu haben. Falk B. begründete dies damit, dass Dennis oft nachts herumgelaufen sei. Beim Haftrichter hatte er zudem berichtet, seine Frau habe den Jungen oft nächtelang mit dem Bademantelgürtel ans Bett gefesselt. Im Gerichtssaal erklärte er dagegen, dies habe er nie gesehen.

Angelika B. sagte, nach ihrer Erinnerung sei Dennis am 20. Dezember 2001 gestorben. «Daran kann ich mich genau erinnern, weil mein Mann zur Weihnachtsfeier bei seiner damaligen Arbeit war», sagte sie. Die Staatsanwaltschaft geht gemäss einem gerichtsmedizinischen Gutachten jedoch davon aus, dass der Junge schon im Frühsommer 2001 an Auszehrung starb. Erst im Juni 2004 wurde die Leiche entdeckt.

Stockend berichtete die Angeklagte über den Tag, an dem der Junge starb. Sie habe für ihn in der Küche Tee gekocht, weil er stark gezittert habe und sie dies für Frieren hielt. Kurz danach habe der Junge reglos auf dem Bett gelegen. «Ich dachte, er schläft», erklärte die elffache Mutter. Nach wenigen Minuten sei ihr aber klar geworden, dass Dennis nicht mehr am Leben war. Weil kurz darauf ihre anderen Kinder in die Wohnung zurückkehrten, habe sie Panik bekommen und die Leiche im Bettkasten versteckt. «Da habe ich nicht gewusst, wie ich reagieren sollte», sagte sie. Erst einige Tage später habe sie den Toten in die Kühltruhe gelegt, weil es stank.

Angelika B. sagte ihren anderen Kindern, sie müssten in einem anderen Zimmer schlafen, weil Dennis krank sei. Falk B. erklärte, er sei gegen 22.00 Uhr von einer Weihnachtsfeier nach Hause gekommen und sei nach einem kurzen Gespräch mit seiner Frau schlafen gegangen. «Am nächsten Morgen habe ich gemerkt, dass Dennis fehlte», sagte er. Seine Frau habe gesagt, der Junge sei mit dem Rettungshubschrauber in ein Berliner Krankenhaus gebracht worden. «Das habe ich ihr geglaubt», sagte der Mann. Obwohl das Kind bis zur Entdeckung der Leiche im Juni 2004 zweieinhalb bis drei Jahre fehlte, habe er aber nie versucht, Kontakt zu ihm aufzunehmen.

Anwalt spricht von «Allerweltsfall»

Für Empörung unter den Zuschauern sorgte auch Verteidiger Hans-Joachim Kelleners, als er das Verbrechen in einer Erklärung als einen «Allerweltsfall» einstufte, über den nur berichtet werde, weil die Leiche in der Kühltruhe lag. Dies aber sei keine Straftat, sagte er. Später entschuldigte er sich.

Zu Beginn des Verhandlungstages hatte der Anwalt einen Dokumentarfilm des WDR über die Angeklagten vorführen lassen, weil dies Angelika und Falk B. zum Reden motivieren sollte. Diese Hoffnung erfüllte sich nur teilweise. Beider Aussagen blieben stockend und unvollständig.

Die Eheleute sind wegen Totschlags und der Misshandlung eines Schutzbefohlenen angeklagt. Der Mutter wird zudem Betrug vorgeworfen, weil sie noch anderthalb Jahre nach dem Tod des Jungen für diesen Sozialleistungen bezogen haben soll.

(dapd)

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