02.10.2020 11:21

Serie sexualisierte Gewalt«Ich dachte, es sei Liebe – doch es war Gewalt»

J.* bricht nach fünf Monaten Beziehung zusammen. In der Psychiatrie kommt ans Licht, was ihr widerfahren ist.

von
Anja Zingg
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J.* war mit ihrem ersten Freund fünf Monate zusammen.

J.* war mit ihrem ersten Freund fünf Monate zusammen.

zVg
«Er hatte eine unglaubliche Macht über mich», erzählt J. (Symbolbild)

«Er hatte eine unglaubliche Macht über mich», erzählt J. (Symbolbild)

KEYSTONE
«Ich habe ihn angezeigt, aber es gab keine Beweise für meine Aussagen. Darum wurde er vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen», sagt J.  (Symbolbild)

«Ich habe ihn angezeigt, aber es gab keine Beweise für meine Aussagen. Darum wurde er vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen», sagt J. (Symbolbild)

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Darum gehts

  • J.* erlebt mit 13 in ihrer ersten Beziehung Gewalt durch ihren Freund.
  • Sie erzählt niemandem davon – eines Tages bricht sie zusammen.
  • Angehörige und Betroffene müssen Warnzeichen ernst nehmen, so eine Expertin im Interview.

«Er war mein erster Freund und um einiges älter als ich. Ich war damals 13 Jahre. Als ich ihn kennen lernte, sagte er, er sei 16 Jahre alt. Erst später gab er zu, bereits 21 zu sein. Wir waren fünf Monate zusammen. In dieser Zeit hatte er eine unglaubliche Macht über mich. Er vergewaltigte mich wiederholte Male. Doch ich habe das zu Beginn gar nicht realisiert. Ich war so verliebt, ich merkte gar nicht, was er mir antat. Ich dachte, das sei Liebe. Für mich war die Gewalt normal, ich kannte ja nichts anderes. Er war mein erster Freund und ich hatte auch mein erstes Mal mit ihm.

Nach fünf Monaten brach ich zusammen. Ich konnte einfach nicht mehr aufstehen. Meine Mutter brachte mich in die Psychiatrie. Ich war dann mehrere Wochen auf der geschlossenen Station. Dort wurde eine posttraumatische Belastungsstörung festgestellt. Aber zu Beginn wusste niemand, weshalb ich daran litt. Erst in der Therapie erzählte ich, was mir widerfahren war. Nachdem ich mich in der Klinik jemandem anvertraut hatte, wurde die Polizei zugezogen. Es wurde ein Verfahren eröffnet. Meine Mutter begleitete mich auf den Polizeiposten, aber die Aussage machte ich allein. Ich setzte mich unglaublich unter Druck, damit meine Aussagen immer gleich sind und ich ja nichts vergesse. Ich hatte die ganze Zeit Angst, dass sie dachten, ich lüge. Nach der Aussage passierte drei Monate lang nichts. Dann vernahm ich, dass er in U-Haft kam, ich weiss aber nicht, für wie lange.

Nochmals drei Monate später kam das Urteil. Es hiess, es gäbe keine handfesten Beweise. Aber es gab zum Beispiel Chatverläufe und Nacktbilder von mir auf Tumblr. Es gibt sogar ein Foto, auf dem ich weine. Aber vor Gericht hiess es, es sei nicht klar ersichtlich, dass es sich bei den Bildern um mich handle. Darum wurde er schliesslich nur zu einer Geldstrafe verurteilt. Ausserdem erhielt ich 3000 Franken Schadenersatz. Ich finde das Urteil lächerlich.

Nach dieser Zeit mit ihm hatte ich grosse Schwierigkeiten, jemandem zu vertrauen. Eine Zeit lang war ich auf Medikamente angewiesen. Aber heute geht es mir gut, Medikamente muss ich keine mehr nehmen.»

*Name der Redaktion bekannt

Serie sexualisierte Gewalt

Amata (19) und Cyrill (20) fordern: «Sprecht darüber, was passiert ist!»

«Wenn du nicht darüber sprichst, dann kannst du es auch nicht verarbeiten», ist Amata überzeugt. Die 19-Jährige hat vor langer Zeit selbst sexualisierte Gewalt erlebt. Und immer wieder hörte sie ähnliche Geschichten aus ihrem Freundes- und Bekanntenkreis. «So viele Betroffene trauen sich nicht, darüber zu sprechen», erzählt Amata. «Sie haben Angst, dass man ihnen nicht glaubt, oder ihnen sogar die Schuld daran gibt. Dabei ist es so wichtig, dass man über sexualisierte Gewalt spricht – denn sie findet statt.»

In einem Instagram-Aufruf suchten die beiden nach Personen, die eine solche Situation durchmachen mussten. «Es meldeten sich rund 150 Personen. Wir waren überrascht, wie schnell so viele Stimmen zusammenkamen. Wir wollen, dass das Thema wieder vermehrt von der Gesellschaft wahrgenommen wird. Damit endlich ein nötiger Diskurs entsteht», so Cyrill. Drei Frauen erzählen ihre Geschichte anonymisiert bei 20 Minuten. Jedes Schicksal wird von einem Experteninterview begleitet.

«Die Liebe, die man empfindet, lässt einen über vieles hinwegsehen»

Regula Schwager, Co-Leiterin der Beratungsstelle Castagna, über sexualisierte Gewalt in Beziehungen.

Frau Schwager, was löst ein solches Erlebnis bei minderjährigen Betroffenen wie J. aus?Gewalterfahrungen sind immer traumatisierend. In der Regel brauchen die Betroffenen spezialisierte Hilfe, um die traumatischen Ereignisse zu verarbeiten. In den meisten Fällen passiert die sexuelle Ausbeutung im Kindes- und Jugendalter durch eine Bezugsperson und nicht durch einen Unbekannten. Dieser schwerwiegende Vertrauensbruch verletzt zusätzlich. Und die sexuellen Übergriffe sind in der Regel nicht die einzigen Grenzüberschreitungen.

Sondern?Es gibt häufig Warnzeichen. Personen, die so schwere Sexualgewalttaten begehen, überschreiten in der Regel auch auf anderen Ebenen wiederholt die Grenzen ihres Gegenübers. Zum Beispiel auf psychischer Ebene, indem sie das Gegenüber zu manipulieren versuchen, es verhöhnen, es entwerten und kleinmachen. Oder auf körperlicher und sexueller Ebene, indem sie ihrer Partnerin einen Kuss oder eine Berührung aufzwingen.

Was kann man in solchen Situationen tun?Solche Zeichen muss man ernst nehmen, als Betroffene wie als Angehörige. Aber natürlich ist das schwierig. Die Zuneigung oder Liebe, die man empfindet, lässt einen über vieles hinwegsehen. Es ist wichtig, dass Kinder und Jugendliche lernen, dass niemand ihnen zu nahe kommen darf, dass sie immer Nein sagen dürfen.

Worin liegt die Schwierigkeit, solche Taten zu ahnden?Es ist wichtig, dass die Mechanismen von Täter-Opfer-Beziehungen nachvollzogen werden können, gerade in der Strafuntersuchung. Dass zum Beispiel Richter verstehen, weshalb ein Opfer immer wieder zum Täter zurückkehrt und hofft, dass er die Grenzen von nun an respektiert.

Was muss sich gesellschaftlich ändern?Gesellschaftlich wünsche ich mir, dass Opfer ernst genommen werden. Denn niemand hat ein Interesse daran, einen geliebten Menschen zu Unrecht zu beschuldigen. Die meisten Opfer empfinden zudem viel zu grosse Scham- und Schuldgefühle, als dass sie ihre Peiniger anklagen würden. Zudem haben sie Angst davor, dass ihnen nicht geglaubt wird. Denn genauso, wie sie es selbst noch immer nicht glauben können, dass der geliebte Mensch sie so sehr verletzen konnte, genauso schwierig ist es für das Umfeld, sich das vorstellen zu können. So fällt es einfacher, ein Opfer der Lüge zu bezichtigen. Und die Betroffenen werden allein gelassen.

Strafverfolgung

Sexuelle Gewalt bei Minderjährigen

Werden Kinder oder Jugendliche in ihrer sexuellen Integrität verletzt, übernehmen spezialisierte Ermittlerinnen und Ermittler die Einvernahme. Sie unterscheidet sich von Kanton zu Kanton. Bei der Kantonspolizei Zürich gibt es dafür den Fachdienst Sexualdelikte/Kinderschutz. Dieser teilt auf Anfrage mit: «Die Befragung bei minderjährigen Opfern von schweren Delikten wird in der Regel videografisch, also mit Bild und Ton, von einer zu diesem Zweck ausgebildeten Ermittlerin oder einem Ermittler durchgeführt. Mit dabei ist auch ein Spezialist, meist ist dies ein Psychologe. Das Opfer darf in der Regel während des Verfahrens nicht mehr als zweimal einvernommen werden. Jedes Opfer, unabhängig vom Alter, hat das Recht auf die Begleitung einer Vertrauensperson. Jedoch kann es Gründe geben, eine Vertrauensperson von einer Einvernahme auszuschliessen.»

Sexualisierte Gewalt

Hier findest du Hilfe

Sexualisierte Gewalt kann jeden treffen – ob Mann oder Frau. Betroffene oder Angehörige finden bei folgenden Stellen verschiedene Angebote:

Lantana: Die Opferhilfestelle des Kantons Bern. www. stiftung-gegen-gewalt.ch

Castagna: Beratungs- und Informationsstelle für sexuell ausgebeutete Kinder, Jugendliche und in der Kindheit ausgebeutete Frauen und Männer. www.castagna-zh.ch

Frauen-Nottelefon: Beratungsstelle für von sexueller und/oder häuslicher Gewalt betroffene Frauen. www.frauennottelefon.ch

Die Dargebotene Hand: Tel 143 – steht Menschen in schwierigen Lebenslagen mittels Telefonseelsorge bei. www.143.ch

Eine Übersicht zu den Opferberatungsstellen in deinem Kanton findest du unter: www.opferhilfe-schweiz.ch

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