Lovely Me: «Ich dachte, ich werde für immer im Heim leben»
Publiziert

Lovely Me«Ich dachte, ich werde für immer im Heim leben»

Als Kind erlitt Heidi Vogel (36) bei einem Unfall ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Seither lebt sie mit körperlichen Beeinträchtigungen. Von denen lässt sie ihr Leben aber nicht bestimmen.

von
Michelle Muff
1 / 6
Als Heidi sieben war, stürzte sie einen Hang hinunter und zog sich ein schweres Schädel-Hirn-Trauma zu. Seit dem Unfall lebt sie mit körperlichen Beeinträchtigungen.

Als Heidi sieben war, stürzte sie einen Hang hinunter und zog sich ein schweres Schädel-Hirn-Trauma zu. Seit dem Unfall lebt sie mit körperlichen Beeinträchtigungen.

Privat
Nach dem Unfall wollte man die damals Siebenjährige in ein Behindertenheim schicken. Nur dank dem Einsatz von ihrer Mutter und ihrem damaligen Lehrer durfte sie bei ihrer Familie bleiben. «Jedoch gab es erst eine Probezeit, die wir als Familie bestehen mussten. Davon wusste ich damals aber nichts.»

Nach dem Unfall wollte man die damals Siebenjährige in ein Behindertenheim schicken. Nur dank dem Einsatz von ihrer Mutter und ihrem damaligen Lehrer durfte sie bei ihrer Familie bleiben. «Jedoch gab es erst eine Probezeit, die wir als Familie bestehen mussten. Davon wusste ich damals aber nichts.»

Privat
Heidi konnte die Primarschule sowie die Sekundarstufe an einer normalen, öffentlichen Schule absolvieren. «Es war nicht immer einfach, da ich in der Klasse manchmal gemobbt wurde. Auch musste ich mich mehr anstrengen, um mithalten zu können. Insgesamt hat mir die Schule aber sehr Spass gemacht, ich genoss es, eine Abwechslung zu haben.»

Heidi konnte die Primarschule sowie die Sekundarstufe an einer normalen, öffentlichen Schule absolvieren. «Es war nicht immer einfach, da ich in der Klasse manchmal gemobbt wurde. Auch musste ich mich mehr anstrengen, um mithalten zu können. Insgesamt hat mir die Schule aber sehr Spass gemacht, ich genoss es, eine Abwechslung zu haben.»

Privat

Um das gehts

  • Wegen eines Schädel-Hirn-Traumas lebt Heidi Vogel mit körperlichen Beeinträchtigungen.
  • Direkt nach dem Unfall wollte man sie in ein Heim schicken.
  • Sie konnte sich wehren und die öffentliche Schule absolvieren.
  • Früher haben sie ihre Beeinträchtigungen verunsichert.
  • Heute lebt sie allein und ist stolz auf ihre Selbstständigkeit.

Heidi, was ist dein «Makel»?

Als ich sieben Jahre alt war, erlitt ich bei einem Unfall ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Seit dem Vorfall lebe ich mit einigen Beeinträchtigungen, die man mir auch äusserlich ansieht.

Was ist beim Unfall passiert?

Ich war auf dem Weg zur Schule. Es war ein kalter Wintertag und der Boden war vereist. Ich lebte auf dem Land, mein Schulweg war lange und ging über mehrere Felder. Ich wollte eine Abkürzung nehmen und einen Hang runterrutschen. Dabei verlor ich jedoch die Kontrolle und stürzte rund 100 Meter den Hügel hinunter. Unten schlug ich mit dem Kopf auf dem Bordstein einer Strasse auf.

Was passierte dann?

Ich kann mich an den Unfall nicht erinnern, meine ersten Erinnerungen an die Zeit nach dem Sturz sind vom Kinderspital. Ich habe lange nicht realisiert, dass ich vom Unfall Einschränkungen davontrug. Dass ich auf meinem rechten Auge viel schlechter gesehen habe, merkte ich erst nach ein paar Tagen.

Was hatte der Unfall für Auswirkungen?

Nach dem Unfall musste ich Dinge, etwa das Laufen, komplett neu lernen. Ich musste mehrmals pro Woche in eine Therapie gehen. Es war eine intensive Zeit. Wegen des Sturzes lebe ich auch heute noch mit gewissen körperlichen Einschränkungen: Auf meinem rechten Auge sehe ich nach wie vor verschwommen, ich brauche länger, bis ich neue Dinge verstehe. Ausserdem zittert meine linke Hand oft und ich habe Orientierungsschwierigkeiten. Und ich spreche etwas langsamer.

Wie war deine Kindheit?

Man wollte mich nach dem Unfall in ein Behindertenheim schicken. Nur dank meiner Mutter und meinem Lehrer, die sich für mich eingesetzt haben, konnte ich bei meiner Familie aufwachsen. In ein Heim zu müssen, wäre für mich der Horror gewesen. Meine Kindheit verlief ansonsten ziemlich normal. Ich ging bis zur Sekundarstufe in eine normale öffentliche Schule.

Wie war deine Schulzeit?

Nicht immer einfach: Ich wurde oft von meinen Klassenkameraden gemobbt und musste mich mehr anstrengen, um mit den anderen mithalten zu können. Grundsätzlich ging ich aber sehr gern in die Schule. Die Bürolehre konnte ich aber nicht in einem normalen Betrieb absolvieren.

Wo hast du sie gemacht?

In Bern in einem Ausbildungheim für Körperbehinderte. Zuerst habe ich mich dagegen gesträubt, ich sagte mir, ich will doch nicht in einem Heim wohnen und arbeiten. Doch während der Lehre wurde ich nicht ausgeschlossen. Das war ein schönes Gefühl. Als ich im Wohnheim lebte, dachte ich mir, dass ich nie mehr fortgehen möchte. Ich fragte mich: Wie habe ich das draussen eigentlich ausgehalten? Die Arbeit hat mir sehr viel bedeutet. Irgendwann war ich aber trotzdem nicht mehr ganz zufrieden.

Wieso?

Zuerst dachte ich, ich werde wohl für immer im Wohnheim leben. Doch irgendwann kam der Wunsch auf, auszuziehen und extern für meinen Arbeitgeber zu arbeiten. Ich merkte, dass ich eigentlich ziemlich selbstständig bin – und realisierte, dass ich diese Selbstständigkeit wohl verlieren werde, wenn ich immer von Pflegern umgeben bin. Mein Antrag, auszuziehen, wurde erst abgelehnt, später jedoch bewilligt.

Wie war es, auszuziehen?

Schön und furchteinflössend zugleich. Am ersten Abend wollte ich nichts anderes als zurück ins Wohnheim. Doch dann sprang ich über meinen eigenen Schatten, kam mit meinen Nachbarn in Kontakt und konnte mich so einleben. Heute geniesse ich es sehr, allein zu leben. Ich war schon immer eher eine Einzelgängerin und schätze die Ruhe, die ich im Wohnheim nie hatte.

Gab es Zeiten, in denen du unsicher warst?

Die gab es durchaus. Lange war ich sehr schüchtern und versuchte stets, mich so in die Gesellschaft einzugliedern, dass meine Einschränkungen nicht sofort auffallen. Das funktionierte natürlich aber nicht immer. Gewisse Situationen haben meine Unsicherheit noch grösser gemacht.

Hast du ein Beispiel für eine konkrete Situation?

Vor einiger Zeit bekam ich einen Werbeanruf. Nach wenigen Sätzen fragte mich die Dame am Apparat, ob ich «besoffen» sei, weil ich «so komisch» spreche. Natürlich konnte sie nicht wissen, dass ich wegen meiner Beeinträchtigung langsamer spreche. Trotzdem fand ich das sehr frech und drückte die Leitung ab. Solche Momente können dich schon treffen.

Wie geht es dir heute?

Sehr gut. Heute bin ich sehr viel selbstbewusster als früher und traue mich, für mich einzustehen. Vor einiger Zeit habe ich spontan in einem Reisebüro allein eine Reise nach Australien gebucht. Das hat mich sehr viel Überwindung gekostet und meine Familie ist ziemlich erschrocken. Ich hatte dort aber eine grossartige Zeit. Auch gesundheitlich geht es mir gut: Ich gehe regelmässig in die Physiotherapie und mache auch heute immer wieder kleine Fortschritte. Mein Gangbild hat sich in den letzten Jahren nochmals sehr verbessert.

Was würdest du anderen Personen mit einer körperlichen Beeinträchtigung raten?

Man soll sich nicht einschränken lassen. Man muss versuchen, selbstständig zu bleiben – auch wenn man dafür hie und da über seinen eigenen Schatten springen muss.

Heidi arbeitet als Büroangestellte auf der Gemeinde. In ihrer Freizeit spielt sie gern Klavier, hört Musik und liest gern Bücher. Auch ging sie vor der Coronakrise manchmal auf den Markt, wo sie ihre Autobiografie «Mein langer Weg» verkauft hat.

Lovely Me

Hast auch du eine Geschichte zu erzählen?

Entsprichst du nicht den klassischen Schönheitsidealen, hast du viele Tattoos oder auch Body-Modifications? Hast du eine Krankheit, mit der du zu leben gelernt hast, oder hattest du einen Unfall, und seither ist alles anders, aber nicht unbedingt schlechter? Dann erzähle uns davon!
Für das Format «Lovely Me» suchen wir Männer und Frauen, die nicht den klassischen Schönheitsidealen unserer Zeit entsprechen und sich trotzdem, oder gerade deswegen, wohlfühlen.

Wenn du uns von deinen Erfahrungen mit Selbstliebe und Body-Positivity erzählen möchtest, dann melde dich unter onelove@20minuten.ch.

Deine Meinung