Lovely Me: «Ich dachte, ich werde mein Bein verlieren»
Aktualisiert

Lovely Me«Ich dachte, ich werde mein Bein verlieren»

Caroline (19) hat eine Wachstumsstörung: Mit fünf Jahren war ihr rechtes Bein 15 cm kürzer als das linke. Sie musste sich in ihrer Kindheit vielen Verlängerungsoperationen unterziehen.

von
Michelle Muff
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Caroline aus Baar kam mit einer Wachstumsstörung der Knochen auf die Welt: Als sie fünf war, war ihr rechtes Bein 15 Zentimeter  kürzer als das linke.

Caroline aus Baar kam mit einer Wachstumsstörung der Knochen auf die Welt: Als sie fünf war, war ihr rechtes Bein 15 Zentimeter kürzer als das linke.

Privat
Schon früh wurde sie deswegen operativ behandelt.  «Wie viele Eingriffe ich deswegen hatte, weiss ich schon gar nicht mehr.»

Schon früh wurde sie deswegen operativ behandelt. «Wie viele Eingriffe ich deswegen hatte, weiss ich schon gar nicht mehr.»

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Einige Behandlungen dauerten mehrere Monate. Die Knochen in ihrem rechten Bein wurden gebrochen und eine Metallstange eingeführt, die während mehreren Monaten die Knochen auseinander dehnte.

Einige Behandlungen dauerten mehrere Monate. Die Knochen in ihrem rechten Bein wurden gebrochen und eine Metallstange eingeführt, die während mehreren Monaten die Knochen auseinander dehnte.

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Um das gehts

  • Caroline (19) hat eine Beinlängendifferenz.
  • Als sie fünf war, war ihr rechtes Bein 15 Zentimeter kürzer als das linke.
  • Sie musste sich in ihrer Kindheit vielen Verlängerungsoperationen unterziehen.
  • Ihre Kindheit war geprägt von Schmerzen.
  • Heute hat sie grosse Narben am Bein. Mittlerweile ist sie darauf aber stolz.

Caroline, was ist dein Makel?

Als ich klein war, hat man festgestellt, dass mein rechtes Bein langsamer wuchs als mein linkes. Als ich fünf Jahre alt war, betrug der Längenunterschied fast 15 Zentimeter. Ausserdem war mein rechter Fuss verkümmert. Ich musste mich verschiedenen operativen Behandlungen unterziehen.

Wie sahen die Behandlungen aus?

Ich hatte unzählige Verlängerungsoperationen. Wie viele es waren, kann ich gar nicht mehr sagen. Meine erste hatte ich, als ich 5 Jahre alt war, die letzte mit 18. Man brach mir den Knochen in meinem kürzeren Bein und befestigte im Inneren eine Metallstange, die die Knochen langsam auseinanderdehnte. Das war unglaublich schmerzhaft und brauchte viel Geduld.

Haben dich die Operationen eingeschränkt?

Ja, auf verschiedene Art und Weise. Einerseits musste ich während einiger Behandlungen für mehrere Monate an Krücken gehen. Das war sehr einschränkend. Gerade als Kind war ich traurig, denn ich konnte an vielen Tätigkeiten, die meine Schulkameraden täglich machten, nicht teilnehmen. Ebenfalls fand ich es belastend, dass ich oft auf fremde Hilfe angewiesen war: Stets musste irgendjemand meinen Rucksack tragen, wenn ich gerade an Krücken ging. Auch meine Wohnsituation änderte sich wegen meines Beins.

Inwiefern?

Ich bin in der Schweiz geboren, zog aber, als ich drei Jahre alt war, mit meiner Mutter in ihre Heimatstadt nach Mexiko-Stadt. Dort hatte ich auch meine ersten Behandlungen und Operationen, die alle erfolgreich verliefen. Mit zwölf kam ich zurück in die Schweiz – unter anderem weil wir dachten, dass ich hier eine kompetentere Behandlung erhalten würde. Das war leider nicht so.

Wieso?

Die Operationen in der Schweiz verliefen mit sehr vielen Komplikationen. Es wurde falsch operiert, meine Knochen im Bein waren danach in eine falsche Richtung gekrümmt. Ich hatte wirklich Angst, mein Bein zu verlieren. Zugleich wurde ich auch depressiv, da meine Behandlungen eigentlich schon längst hätten beendet sein sollen. Durch die OP-Fehler ging alles viel länger. Die Zeit war wirklich hart. Deswegen entschied ich mich dazu, wieder für ein Jahr nach Mexiko zurückzukehren, um dort meine Behandlungen abzuschliessen. In Mexiko waren die Ärzte schlicht kompetenter als hier, auch wenn das für viele kaum vorstellbar ist.

Hat dich dein Bein früher verunsichert?

Ich war lange sehr unsicher wegen meiner Narben. Gerade im Turnunterricht habe ich mich geschämt, kurze Hosen zu tragen. Als ich wieder in die Schweiz in eine kleine Gemeinde auf dem Land zog, fiel ich durch mein Bein doppelt auf: Ich war nicht nur die Ausländerin, die schlecht Deutsch sprach, sondern auch noch die mit dem Metall im Bein. Wenn ich Mobbing erlebt habe, war es aber wegen meiner Herkunft, nicht wegen meines Beins.

Wie geht es dir heute?

Sehr gut. Meine Behandlungen sind abgeschlossen, ich habe praktisch keine Schmerzen mehr. Der Längenunterschied beträgt heute nur noch 3 cm, was von blossem Auge nicht erkennbar ist. Auch mit meinen Narben kann ich heute gut umgehen und versuche nicht mehr, sie zu verstecken, im Gegenteil: Heute bin ich richtig stolz auf sie. Mein verkümmertes Bein hat mich viel gelehrt.

Was genau?

Die starken Schmerzen während der Behandlungen haben mich gelehrt, dass man selbst kleine Dinge nicht als selbstverständlich sehen darf und dankbar sein muss. Ich schätze es heute unglaublich, normal gehen zu können. Und ich habe realisiert, dass die Zeit auf Erden für uns kurz ist. Dadurch bin ich mutiger geworden und traue mich nun öfters, Dinge zu riskieren. Statt lange über Entscheidungen nachzudenken, mache ich nun einfach.

Caroline lebt in Baar ZG. In ihrer Freizeit macht sie Theater, spielt Saxofon, tanzt und singt gerne. Sie spricht fünf Sprachen, Stand-up-Comedy ist ihre Leidenschaft. Aktuell macht sie ein Praktikum bei der UBS.

Die Beinverlängerungs-OP

Um eine Beinverlängerung operativ zu erreichen, gibt es zwei unterschiedliche Verfahren: entweder die externe oder die interne Beinverlängerung. Bei der externen Verlängerung wird der Ober- oder Unterschenkel kontrolliert durchtrennt. Dann werden in die beiden Teile des Knochens Stäbe implantiert, die schlussendlich ausserhalb des Beines in einem Fixateur befestigt werden. Über diesen Apparat kann der Knochenspalt nach und nach vergrössert werden – der Körper bildet dabei kontinuierlich Knochenmaterial. Bei der internen Verlängerung wird statt eines Fixateurs ein Marknagel in die Knochenenden eingeführt, der von aussen nicht sichtbar ist. Die beiden Methoden ermöglichen eine Verlängerung des Beines um bis zu 8 Zentimeter.

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