Lovely Me: «Ich dachte, ich werde nie eine Freundin haben»
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Lovely Me«Ich dachte, ich werde nie eine Freundin haben»

Philipp (27) aus Zürich kam mit einem grossen Muttermal im Gesicht zur Welt. Mittlerweile hat er seinen Makel akzeptiert.

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mim
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Philipp (27) aus Zürich kam mit einem kongenitalen Nävus auf die Welt. Das ist ein grossflächiges, angeborenes Muttermal.

Philipp (27) aus Zürich kam mit einem kongenitalen Nävus auf die Welt. Das ist ein grossflächiges, angeborenes Muttermal.

Privat
Als Kind hat ihn sein Fleck nicht gestört – er habe gar nicht richtig realisiert, dass bei ihm etwas anders ist. Dennoch gibt es bei ihm eine Szene aus seiner Kindheit, die sich bei ihm eingebrannt hat: «Ich war in den Skiferien alleine auf dem Sessellift. Neben mir sassen zwei Franzosen, die auf französisch sagten ‹Schau dir das Kind an, das Ding in seinem Gesicht sieht aus wie ein verfaulter Apfel›. Da meine zweite Muttersprache französisch ist, habe ich alles verstanden.» Er habe sich damals nicht getraut, etwas zu erwidern.

Als Kind hat ihn sein Fleck nicht gestört – er habe gar nicht richtig realisiert, dass bei ihm etwas anders ist. Dennoch gibt es bei ihm eine Szene aus seiner Kindheit, die sich bei ihm eingebrannt hat: «Ich war in den Skiferien alleine auf dem Sessellift. Neben mir sassen zwei Franzosen, die auf französisch sagten ‹Schau dir das Kind an, das Ding in seinem Gesicht sieht aus wie ein verfaulter Apfel›. Da meine zweite Muttersprache französisch ist, habe ich alles verstanden.» Er habe sich damals nicht getraut, etwas zu erwidern.

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Während der Pubertät habe ihn sein Muttermal aber sehr gestört: «Ich war wirklich sehr besorgt. Ich dachte, dass ich als einsamer Einzelgänger enden werde, der niemals eine Freundin haben wird.»

Während der Pubertät habe ihn sein Muttermal aber sehr gestört: «Ich war wirklich sehr besorgt. Ich dachte, dass ich als einsamer Einzelgänger enden werde, der niemals eine Freundin haben wird.»

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Philipp, was ist dein Makel?

Ich bin mit einem kongenitalen Nävus auf die Welt gekommen. Das ist ein grossflächiges Muttermal, dass bereits bei der Geburt vorhanden ist. Dadurch habe ich einen braunen Fleck, mitten im Gesicht neben meiner Nase. Man sieht es nicht immer gleich gut. Wenn ich etwas gebräunt bin, sieht es eher aus wie ein Schatten.

Musstest du dich deswegen schon einmal medizinisch behandeln lassen?

Früher war man der Annahme, dass ein kongenitaler Nävus das Hautkrebs-Risiko erhöht. Heute konnte man das widerlegen. Medizinisch gesehen, habe ich damit keinerlei Einschränkungen im Alltag – es ist ein rein optisches Problem.

Wie bist du früher damit umgegangen?

Als Kind habe ich nicht sonderlich viel davon mitbekommen. Als ich mit 12 in die Pubertät kam, hat sich das jedoch verändert. Ich fing an, mir Gedanken über mein Äusseres zu machen. Mein Fleck bereitete mir deshalb wirklich grosse Sorgen.

Inwiefern?

Ich dachte, dass ich als einsamer Einzelgänger enden würde, der niemals eine Freundin finden wird. Ich war damals gegenüber Frauen ziemlich schüchtern. Dass in der Oberstufe manchmal gewisse Mitschüler dumme Sachen über mich sagten, machte die Sache nicht besser.

Was musstest du dir anhören?

Es gab Leute, die nannten mich gefleckte Kuh. Und jemand verbreitete das Gerücht, dass ich mein Muttermal täglich rasieren müsste. Das stimmte natürlich nicht. Es war eine sehr belastende Zeit.

Wie ging es weiter?

Ich machte mir so viele Gedanken über meinen Fleck, dass meine Mutter mich mit 18 schlussendlich zu einem Arzt schickte. Dort erklärte mir der Doktor, dass es die Möglichkeit gibt, das Muttermal operativ entfernen zu lassen.

Hattest du es in Erwägung gezogen?

Ja, aber als ich 22 war, habe ich mich endgültig dagegen entschieden. Ich realisierte, dass das Muttermal nunmal ein Teil von mir ist. Ich bin damit auf die Welt gekommen. Ich, sowie alle anderen, kennen mich nur mit diesem Mal. Würde ich es wegoperieren, wäre ein Teil von mir weg – und das wäre schade.

Wie gehst du heute mit deinem Muttermal um?

Ich sehe es als mein Markenzeichen und schäme mich nicht mehr dafür. Es ist nichts Schlimmes. Es ist vielleicht auf den ersten Blick speziell, aber man gewöhnt sich sehr schnell daran. Und wenn jemand mich wegen meines Flecks tatsächlich verurteilt, ist mir das egal – denn so eine Person brauche ich nicht in meinem Leben.

Wie bist du zu dieser Einstellung gekommen?

Durch meine Lebenserfahrung hat sich meine Sichtweise geändert. Irgendwann habe ich realisiert, dass es im Leben nicht nur um Äusserlichkeiten geht. Ich habe auch mit meinem Muttermal gute Kollegen gefunden und beim Dating hatte ich nicht weniger oder mehr Erfolg als andere.

Was rätst du anderen mit einer Unsicherheit?

Man muss akzeptieren, dass jeder seine Eigenheiten hat. Bei manchen Leuten sind die sichtbarer als bei anderen. Jeder von uns hat seine Problemzonen, ob körperlich oder psychisch. Man muss sich fragen: Was ist wirklich schlimm? Schränkt mich etwas gesundheitlich wirklich ein, oder rede ich mir nur ein, dass etwas an mir nicht normal ist?

Philipp kommt ursprünglich aus Basel und lebt heute in Zürich. In seiner Freizeit macht er Crossfit und geht gerne Segeln. Er hat Pharmazie studiert und ist momentan dabei, seine eigene Bio-Kosmetikfirma zu gründen.

Lovely Me

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