Hass-Attacke auf eigene Tochter : «Ich denke täglich daran, wie mein Vater mir mit dem Messer in den Hals schnitt»
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Hass-Attacke auf eigene Tochter «Ich denke täglich daran, wie mein Vater mir mit dem Messer in den Hals schnitt»

Cataleyas Vater schnitt ihr vergangenes Jahr mit einem Messer in die Kehle. Am Donnerstag muss er sich wegen versuchten Mordes vor dem Regionalgericht in Burgdorf verantworten.

von
Zora Schaad
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Cataleya (18) wurde vergangenes Jahr von ihrem Vater attackiert. 

Cataleya (18) wurde vergangenes Jahr von ihrem Vater attackiert.

Zora Schaad
Er hatte mitbekommen, dass sein Kind, das damals noch als Mann lebte, homosexuell war – darauf schnitt er ihr die Kehle auf. 

Er hatte mitbekommen, dass sein Kind, das damals noch als Mann lebte, homosexuell war – darauf schnitt er ihr die Kehle auf.

privat

Darum gehts

  • Der Vater von Cataleya griff die damals 17-Jährige mit einem Messer an.

  • Nur mit viel Glück überlebte die junge Frau mit irakischen Wurzeln den tiefen Schnitt am Hals.

  • Am Donnerstag beginnt die Verhandlung gegen ihren Vater. Der Anklagepunkt: versuchter Mord.

  • Im Exklusivinterview mit 20 Minuten spricht Cataleya über die Beziehung zu ihrem Vater, ihre Geschlechtsangleichung als Frau und wie sie das Trauma verarbeitet.

Im Mai 2019 attackierte der Vater von Cataleya sie mit einem Messer. Er hatte mitbekommen, dass sein Kind, das damals noch als Mann lebte, homosexuell war. Nur durch Glück überlebte die damals 17-Jährige den Angriff. Der Vater wurde wegen versuchten Mordes angeklagt und in Untersuchungshaft genommen. Am Donnerstag beginnt die Verhandlung vor dem Regionalgericht in Burgdorf.

Kurz vor dem Prozess treffe ich Cataleya. Sie trägt lange, künstliche Wimpern, sorgfältig aufgetragenen Lippenstift und einen bauchfreien Rollkragenpullover, der die Narben an Hals, Brust, Rücken und Armen verdeckt.

Cataleya, vor eineinhalb Jahren versuchte dein Vater, dich umzubringen. Wie ist es dir seither gegangen?

Ich war eine Woche im Spital, danach kam ich in eine neue Wohnung, die die Kesb für mich organisiert hatte, weil ich noch minderjährig war. Ich habe versucht, meine Lehre bei der Bahngesellschaft BLS abzuschliessen. Aber es ging nicht. Was mein Vater mir angetan hatte, war noch zu frisch, die Bilder waren immer da. Ich konnte mich in der Schule nicht konzentrieren und habe immer wieder gefehlt. Drei bis vier Monate nach der Tat habe ich meine Lehrstelle verloren – dabei ist eine Arbeit als Mitarbeiterin am Bahnschalter bis heute ein grosser Traum von mir. Die Tat hat mich aus der Bahn geworfen, ich habe meine Arbeit verloren und muss mit sehr wenig Geld klarkommen.

Wie geht es dir körperlich?

Mein Vater hat in meine Kehle geschnitten. Ich habe Narben an der Luftröhre, kann nicht gut schlafen, nicht gut atmen. Die Narben auf meiner Brust, meinem Hals und meinem Rücken spüre ich mal mehr, mal weniger. Der Schmerz ist aushaltbar. Aber sie stören mich, sie erinnern mich jeden Tag an die Tat. Ohne Rollkragenpullover verlasse ich das Haus nicht mehr, nicht mal im Hochsommer. Ich werde meine Narben von einem Dermatologen behandeln lassen, vielleicht verschwinden sie noch ein bisschen mehr.

Cataleya zeigt ihre Narben anderthalb Jahre nach der Tat.

Zora Schaad

Hast du eine Therapie gemacht?

Ja, ich habe ein paar Anläufe genommen, aber es hat nicht gepasst. Eine Therapeutin meinte gar, meine Art, also dass ich queer bin, sei «gegen die Natur». Mit so einer Person kann es nicht gut kommen.

Aber es ist schon so, dass mich die Tat immer noch sehr verfolgt. Ich denke jeden Tag daran, wie mein Vater mit einem Messer auf mich losging. In der Nacht habe ich Albträume. Ich wache auf und merke, dass ich mein Shirt und mein Kissen im Schlaf nass geweint habe.

Warum, denkst du, hat dein Vater das getan?

Mein Vater ist strenggläubiger Muslim, dazu aufbrausend. Seine Abneigung gegen Homosexuelle hat er nie verheimlicht. Dazu kommt, dass er als Ausländer auf dem Land immer stark darauf geachtet hatte, dass unsere Familie nicht negativ auffällt, dass seine Kinder ihm keine Schande machen. Er hatte grosse Angst vor einem Gesichtsverlust – und nun hat er sich seinen Ruf durch seine Tat selbst ruiniert.

Hast du deinen Vater seit der Tat je wiedergesehen?

Ja. Bei der Einvernahme im Frühling 2020 bin ich meinem Vater zum ersten Mal wieder gegenübergestanden. Wir waren zusammen in einem Raum, das war sehr unangenehm.

Was erhoffst du dir vom Prozess?

Ich gehe nicht mit Hass an die Verhandlung. Klar trage ich eine Wut in meinem Bauch. Mein Vater tut mir aber auch leid, weil er so sehr in seinen homophoben Ideen gefangen ist. Mit seiner Tat hat er sein Leben ruiniert. Und ja, ich hoffe, dass das Gericht Gerechtigkeit schafft, dass mein Vater bestraft wird und im Gefängnis bleiben muss. Eine Entschuldigung würde mich freuen, aber es ist utopisch, dass solche Worte über seine Lippen kommen.

Siehst du deine Familie noch?

Leider habe ich durch die Tat meine Familie verloren. Wahrscheinlich stehen meine Mutter und meine Geschwister in einem inneren Konflikt, mein Vater ist für sie trotz allem ein geliebtes Familienmitglied. Das alles macht mich sehr traurig, und ich verstehe es nicht. Vor allem meinen kleinen Bruder, dem ich nahegestanden bin, vermisse ich sehr.

Als die Tat geschah, lebtest du als junger Mann, heute als Frau. Wann wurde dir klar, dass du im falschen Körper geboren wurdest?

Seit ich neun Jahre alt bin, ist mir klar, dass ich nicht im richtigen Körper lebe, dass ich trans bin. Als Kind konnte ich mich niemandem anvertrauen. Ich habe immer zu Gott gebetet, «normal» zu werden. Schon nur als ich mir Ohrlöcher stechen liess, wollte mein Vater mich zusammenschlagen. Ich gehe als Frau an den Prozess, ich verstecke mich heute nicht mehr. Auch nicht vor meinem Vater.

Wie geht dein Weg nun weiter?

Damit die Krankenkasse meine Behandlung übernimmt, musste ich mir von einem Psychiater bestätigen lassen, dass ich trans bin. Seit dem Sommer nehme ich nun Testosteronblocker und klebe mir Östrogenpflaster auf. Die Wirkung der Hormone ist bereits sichtbar: Meine Haut ist weicher geworden, ich habe stärkere Rundungen an Po und Hüften und weniger Haare im Gesicht und am Körper. Auch meine Brüste sind gewachsen, alle sagen mir, dass ich schon sehr weiblich aussehe. Trotzdem plane ich im nächsten Frühling eine geschlechtsangleichende Operation und eine offizielle Geschlechtsänderung in meinen Papieren. Ich denke, beides hilft mir auch, mein Trauma aus der Tat besser zu verarbeiten.

Hast du keine Angst vor der Operation?

Es ist ein grosser Eingriff, das stimmt. Aber dann denke ich an die Messerattacke, die gegen meinen Willen und bei vollem Bewusstsein geschah … nein, ich habe keine Angst.

Wie ist es, als Frau zu leben?

Die Männer reagieren auf mich, auf der Strasse und auch auf Instagram flirten sie mit mir. Ich erhalte viel mehr Beachtung als früher. Meistens tut mir das gut und bestätigt mich auf meinem Weg. Es gibt aber Männer, die mir eklige Nachrichten schreiben, sexistisch und hasserfüllt. «Willkommen in der Frauenwelt», sagen meine Freundinnen bloss. Verstärkend kommt in meinem Fall dazu, dass ich nie ein Geheimnis aus meiner Trans-Identität mache. Manche Männer geilt das erst recht auf. Aber ich möchte nicht als aussergewöhnliches Sexualobjekt gelten, sondern einfach eine normale Frau sein.

Was möchtest du queeren jungen Menschen mitgeben, die aus einer muslimischen Familie kommen?

Ich war früher sehr religiös, kann Arabisch schreiben und lesen. Nach der Tat aber habe ich mich vom Islam abgewendet. In den meisten islamischen Ländern werden Homosexuelle diskriminiert. Ich rate jungen Muslimen, sich vor ihrem Coming-out bei einer Fachstelle Hilfe zu holen. Ich weiss, dass es auch offene muslimische Familien gibt, die mit der Queerness ihres Kindes gut umgehen können. Ich habe leider ganz andere Erfahrungen gemacht.

LGBTQI+: Hast du Fragen oder Probleme?

Hier findest du Hilfe:

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Du-bist-du.ch, Beratung und Informationen

Lilli.ch, Informationen und Verzeichnis von Beratungsstellen

Milchjugend, Übersicht von Jugendgruppen

Elternberatung, Tel. 058 261 61 61

Pro Juventute, Tel. 147

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