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Vermisste in Mexiko«Ich durchlebe Tage der Angst»

Mehr als 22'000 Menschen gelten in Mexiko als verschwunden. Seit einem Monat sind es 43 mehr. Von den in Iguala vermissten Studenten fehlt noch jede Spur.

von
M. Verza/C. Sherman
AP

Schon lange bevor im September 43 Lehramtsstudenten in Mexiko während einer Polizeiaktion verschwanden, fehlte von Francis Garcia Orozco eines Tages jede Spur. Es geschah im gleichen Ort: in Iguala im Süden des Landes. Seit mehr als vier Jahren sucht Mutter Guadalupe verzweifelt nach ihrem Sohn - wie Tausende andere mexikanische Mütter und Väter.

Mehr als 22'000 Menschen gelten nach offiziellen Angaben in Mexiko als vermisst. Präsident Enrique Peña Nieto versprach bei seinem Amtsantritt vor zwei Jahren Aufklärung. Laut Regierung wurden seitdem etwa 16'000 von damals 26'000 Verschollenen wiedergefunden. Doch in den beiden Amtsjahren von Pena Nieto verschwanden erneut mehr als 10'000 Menschen.

Von Soldaten abgeführt

Die andere Hälfte der gelisteten Fälle stammt aus den sechs vorherigen Jahren unter Staatschef Felipe Calderon. Mit dessen Offensive gegen das organisierte Verbrechen schnellten die Zahlen der Verschwundenen nach oben. Menschenrechtler haben dafür nicht nur die Drogenkartelle, sondern auch Sicherheitskräfte mitverantwortlich gemacht.

Ihr Sohn sei von Soldaten abgeführt worden, als er Gerätschaften aus einem Nachtclub für ein Festival auf einen Festplatz brachte, sagt Guadelupe Orozco. Das belegten Augenzeugenberichte und Aufnahmen einer Überwachungskamera. Die Soldaten wiesen die Vorwürfe zurück.

Anfangs hoffte die Mutter noch auf ein Lebenszeichen. Vergeblich. Jetzt fragt sie sich, ob ihr Sohn in einem der Gräber bei Iguala liegt, in denen kürzlich auf der Suche nach den verschwundenen Lehramtsstudenten 28 Leichen gefunden wurden. Fest steht bislang lediglich, dass es sich nicht um die vermissten Studenten handelt.

Bürgermeister als Drahtzieher der Tat

Die Frage, wer die Toten sind, ist noch offen. Der Bundesstaat Guerrero, in dem Iguala liegt, galt seit langem als Hochburg sowohl linker Guerrilleros als auch von Drogenhändlern. Also könnten die Toten aus beiden Gruppen stammen. Oder aus keiner.

«Ich durchlebe wieder diese Tage der Angst, der Verzweiflung, des Wünschens und Betens, dass das Telefon klingeln möge», sagt Orozco. Angesichts der bisher geringen Erfolgszahlen Mexikos bei der Identifizierung Verschwundener sind die Chancen der Mutter nicht rosig, über das Schicksal ihres Jungen Klarheit zu erhalten.

Auch bei den seit dem 26. September vermissten Studenten hat die Regierung noch kein Licht ins Dunkel gebracht. Die jungen Leute waren nach Protesten von Polizisten festgesetzt und angeblich an Handlanger einer Drogenbande übergeben worden. Es folgten mehr als 50 Festnahmen, darunter Polizisten und mutmassliche Mitglieder des Kartells Guerreros Unidos. Laut Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam ist kein geringerer als der Bürgermeister von Iguala Drahtzieher der Tat.

Massengräber im ganzen Land

Während das Schlaglicht der Aufmerksamkeit nun auf Guerrero fällt, zeigt eine Analyse der Zahlen in der Zeitung «Reforma», dass der Bundesstaat bei den Zahlen der Verschwundenen nicht einmal auf den Spitzenplätzen rangiert. An erster Stelle liegt Tamaulipas, wo vor drei Jahren die sterblichen Überreste Hunderter Menschen in Massengräbern entdeckt wurden. Jalisco, wo sich rivalisierende Drogenkartelle bekämpfen, folgt auf Platz zwei.

Im ganzen Land werden immer wieder Massengräber gefunden. Wer die Toten sind, ist bisher in den meisten Fällen ungeklärt. Zwar wurde dafür im Mai vergangenen Jahres eigens eine Abteilung bei der Generalstaatsanwaltschaft eingerichtet, doch die Arbeit scheint nur langsam voranzukommen. Zwischenergebnisse werden keine vorgelegt, die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat aber erst kürzlich Zahlen genannt: Demnach ging die Abteilung bisher 450 Fällen nach und fand 86 Verschwundene - 57 davon lebend, 29 tot.

«Wenn man sucht, dann findet man auch»

Derzeit verfügen nur sechs der 32 Bundesstaaten über Software, wie sie das Rote Kreuz zum Abgleich vermisster Personen mit gefundenen Leichen nutzt. Forensiker in Mexiko-Stadt haben erst in diesem Jahr damit begonnen, DNA-Proben aller nicht identifizierter Leichen zu sammeln.

Generalstaatsanwalt Murillo Karam hatte den Aufbau der eigenen Nachforschungsabteilung im Mai 2013 wenige Wochen nach einem Hungerstreik von Angehörigen Verschwundener angekündigt. Erika Montes de Oca gehörte zu denen, die die Regierung damals mit ihrem Protest unter Druck setzten. In ihrem Fall erzielte das neue Team einen traurigen Erfolg. Die Leiche ihres Neffen wurde in einem Massengrab entdeckt. «Mir sagt dies: Wenn man sucht, dann findet man auch», erklärt Montes de Oca.

In Iguala hofft und bangt Guadalupe Orozco weiter. Mit ihr warten etliche weitere auf eine Nachricht vom Verbleib ihrer vermissten Angehörigen. Seit Ende September sind es 43 verzweifelte Familien mehr.

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