Mutter von Lucie: «Ich erwarte eine lebenslange Verwahrung»
Aktualisiert

Mutter von Lucie«Ich erwarte eine lebenslange Verwahrung»

Dieser Mord liess niemanden unberührt: Daniel H. tötete die 16-jährige Lucie in seiner Wohnung. Das Aargauer Obergericht könnte nun seine «normale» Verwahrung in eine lebenslange umwandeln.

von
aeg

Der Mörder von Lucie, Daniel H., wurde in einem aufsehenerregenden Prozess im Februar 2012 vom Bezirksgericht Baden zu einer lebenslangen Haftstrafe und anschliessender «normalen» Verwahrung verurteilt. Die Chancen, dass er jemals wieder freikommt, sind sehr gering.

Ab heute Donnerstag nimmt sich in zweiter Instanz das Aargauer Obergericht des Falls an. Die zentrale Frage, die sich die Richter stellen müssen, ist: Ist Daniel H. therapierbar oder nicht? Das Bezirksgericht Baden konnte auf diese Frage keine eindeutige Antwort finden – zwei Gutachten ergaben jeweils gegenteilige Resultate.

Das Ziel der Staatsanwaltschaft ist es, Daniel H. lebenslang zu verwahren. Dafür muss bewiesen werden, dass er «dauerhaft nicht therapierbar ist». Bei der jetzigen «normalen» Verwahrung wird sein Zustand regelmässig überprüft. Im Falle einer Verurteilung vor dem Obergericht ist so gut wie sicher, dass Daniel H. nie wieder freikommen wird.

Lucies Gastmutter Mualla vor Prozessbeginn

Staatsanwalt: «Kolossale Fehleinschätzung des Bezirksgerichts»

Der zuständige Staatsanwalt Dominik Aufdenblatten sagte in seiner Berufungsbegründung, die im Gesetz festgehaltene Voraussetzung «dauerhaft nicht therapierbar» könne auch als «chronische Untherapierbarkeit» bezeichnet werden.

Lucie-Mörder im Kastenwagen

Das Bezirksgericht Baden sei unter Beizug eines Wörterbuchs davon ausgegangen, dass mit dieser Formulierung «bis ans Lebensende» gemeint sei. Dies bezeichnete der Staatsanwalt als «kolossale Fehleinschätzung».

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Wesentlich sei nicht eine psychiatrische Prognose bis ans Lebensende. Diese sei auch wissenschaftlich gar nicht möglich. Vielmehr sei die Unveränderbarkeit des Täters wichtig.

Anwalt will höhere Genugtuung für Geschwister von Lucie

Die Voraussetzung für eine lebenslängliche Verwahrung seien gegeben, sagte Aufdenblatten. Nach seinen Worten betonte der Anwalt der Opferfamilie erneut, dass es sich um ein sexuell motiviertes Tötungsdelikt gehandelt habe.

Im anderen Punkt der Berufungsverhandlung verlangte der Anwalt der Geschwister eine Erhöhung der Genugtuung. Das Bezirksgericht Baden hatte beiden je 16 000 Franken zugesprochen. Neu werden für den Bruder 25 000 Franken, für die Schwester 40 000 Franken verlangt.

Täter erstmals befragt

Im Anschluss an die Berufungsbegründungen wurde ein erstes Mal der verurteilte Mörder befragt, der unter grossen Sicherheitsvorkehrungen aus dem Gefängnis ins Gerichtsgebäude gebracht worden war.

Der 29-jährige Schweizer gab sich in der Befragung gefasst und ruhig. Er zeigte sich offen für eine Therapie. Bereits jetzt treffe er sich im Gefängnis alle zwei Wochen mit einem Psychiater und bespreche mit diesem auch sein Verhalten nach dem Delikt.

Beim Vorwurf der Störung des Totenfriedens wich er aus, bestritt seine Taten jedoch nicht. Er hatte die Leiche gewaschen und ihr einen Strumpf über den Kopf gestülpt. Wie bereits in erster Instanz wies er zurück, den Mord aus sexuellem Motiv begangen zu haben.

Beide Gutachter halten sexuelle Motivation für wahrscheinlich

Sein Anwalt wies den Antrag auf eine lebenslängliche Verwahrung zurück. In den psychiatrischen Gutachten sei keine Untherapierbarkeit für einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren festgehalten.

Zur Therapiefähigkeit von Daniel H. hat das Obergericht zwei psychiatrische Gutachter befragt. Ihre Aussagen sind entscheidend in der Frage der lebenslänglichen Verwahrung.

In über 30 Jahren in diesem Gebiet und zahlreichen Fällen habe er nie eine solche Erklärung wie jene des erstinstanzlich verurteilten Mörders gehört, sagte Volker Dittmann, ehemaliger Chefarzt der Forensischen Psychiatrischen Klinik der Universität Basel.

Die Erklärung betraf das Verhalten nach dem Tötungsdelikt: Der 29- Jährige gab an, das Opfer deshalb gewaschen und ihm einen Strumpf über den Kopf gestülpt zu haben, weil er nach der brutalen Tat etwas Gutes tun habe wollen.

Dittmann hält eine sexuelle Motivation für viel wahrscheinlicher als die Version des 29-jährigen Schweizers. Beim Opfer waren Spuren von Urin und Sperma gefunden worden. Auch der zweite Gutachter, Thomas Knecht von der Klinik Münsterlingen TG, hält eine sexuelle Komponente für wahrscheinlich.

Keine genauen Prognosen für 29-Jährigen

Zur Frage der Therapierbarkeit gab es am Donnerstag keine neuen Erkenntnisse. Wie bereits vor Bezirksgericht betonten beide Gutachter, dass eine Therapie nur über einen sehr langen Zeitraum von 15 bis 20 Jahren Erfolg haben könne.

Bislang haben weder Dittmann noch Knecht eine derart lange Therapie vorgenommen. Sie verzichteten denn auch darauf, eine genaue Prognose für die allfällige Therapierfähigkeit des 29-Jährigen abzugeben.

Der vorbestrafte Gewalttäter sei durch seinen Aufenthalt im Massnahmenzentrum Arxhof BL sehr therapieerfahren, hielt Dittman fest. Die Wahrscheinlichkeit sei gross, dass er Muster der Therapie erkennen und die von ihm gewünschten Antworten geben könne.

Zeitpunkt des Urteils unklar

In der Berufungsverhandlung kommen nun die beiden psychologischen Gutachter zu Wort, welche Expertisen über den Mörder verfasst haben. Zum Abschluss werden nun noch die Anwälte ihre Plädoyers halten.

Das Obergericht hat für den Prozess die Sicherheitsvorkehrungen verschärft und eine Sicherheitskontrolle beim Eingang eingerichtet. Wie lange die Verhandlung dauert und ob das Urteil noch am Donnerstag gesprochen wird, ist offen.

Modelfotos als Köder

Der Mann hatte am 4. März 2009 in seiner Wohnung in Rieden bei Baden AG das 16-jährige Au-pair-Mädchen Lucie brutal umgebracht. Der damals arbeitslose und drogenabhängige Koch hatte das Mädchen in Zürich angesprochen.

Er lockte es mit dem Versprechen, von ihm Modelfotos zu machen, in seine Wohnung in Rieden bei Baden. Die 16-Jährige stammte aus dem Kanton Freiburg und war damals Au-pair-Mädchen bei einer Familie im Kanton Schwyz.

Nicole Trezzini, die Mutter der ermordeten Lucie

20 Minuten Online hält sie über die Verhandlung auf dem Laufenden.

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