Aktualisiert 13.02.2020 08:42

Ex-Crypto-Mitarbeiter«Ich erzählte der Bundespolizei alles»

Ein Mitarbeiter der Crypto AG meldete die Spionage durch CIA und BND schon vor Jahren der Schweizer Polizei. Laut einem Geheimdienstdossier duldete der Bundesrat die Abhöraktion.

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dk/dgr/daw
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Die Zuger Firma Crypto AG verkaufte über Jahre hinweg von der CIA und vom BND manipulierte Verschlüsselungsgeräte.

Die Zuger Firma Crypto AG verkaufte über Jahre hinweg von der CIA und vom BND manipulierte Verschlüsselungsgeräte.

Keystone/urs Flueeler
Bruno von Ah hat im Jahr 1967 als Entwicklungsingenieur bei der Firma angefangen. Er sagt zu 20 Minuten, dass die normalen Angestellten nichts von den eingebauten Hintertüren gewusst hätten.

Bruno von Ah hat im Jahr 1967 als Entwicklungsingenieur bei der Firma angefangen. Er sagt zu 20 Minuten, dass die normalen Angestellten nichts von den eingebauten Hintertüren gewusst hätten.

SRF
«Die Algorithmen, die wir einbauen mussten, waren dermassen komplex, dass sogar wir nur sehr schwer herausfinden konnten, dass eine Hintertür eingebaut wurde.»

«Die Algorithmen, die wir einbauen mussten, waren dermassen komplex, dass sogar wir nur sehr schwer herausfinden konnten, dass eine Hintertür eingebaut wurde.»

Rama/lizenz Cc-by-sa-2.0-fr

Die Zuger Firma Crypto AG verkaufte über Jahre hinweg von der CIA und vom BND manipulierte Verschlüsselungsgeräte. Das zeigen Recherchen der SRF-Sendung «Rundschau». Bruno von Ah hat im Jahr 1967 als Entwicklungsingenieur bei der Firma angefangen. Er sagt zu 20 Minuten, dass die normalen Angestellten nichts von den eingebauten Hintertürchen gewusst hätten. «Die Algorithmen, die wir einbauen mussten, waren dermassen komplex, dass sogar wir nur sehr schwer herausfinden konnten, dass eine Hintertür eingebaut wurde.»

Zwar hätten die Ingenieure Entsprechendes vermutet, weil man unter strikter Anweisung stand, die Chiffrierung nicht zu ändern. «Und bei einem Gerät, das ich mitentwickelt habe, hatte die Nato ihr Verschlüsselungsgerät gebaut und von der Crypto AG gefordert, eine Variante für Nicht-Nato-Staaten mit kleinen Änderungen herzustellen.» Einen Beweis dafür, dass tatsächlich eine Hintertür eingebaut wurde, hatte man für eine lange Zeit aber nie.

«Jetzt weiss ich, wo die Hintertür ist»

«Bis zu einem Montagmorgen im Jahr 1975, als der Chefingenieur zu mir kam und sagte: ‹Jetzt weiss ich, wo die Hintertür ist.›» Sie seien aber beide zur Überzeugung gelangt, dass das ihr Geheimnis bleiben müsse, sagt von Ah. «Wenn das bekannt geworden wäre, wäre das wie wenn man den Ast absägt, auf dem man sitzt. Das wäre zum Super-GAU für die Crypto AG und deren Mitarbeiter geworden.» Nur wenig später sei der Chefingenieur unter fadenscheinigen Gründen entlassen worden.

Von Ah selbst wahrte das Geheimnis, bis er wegen des Falls Hans Bühler, eines Verkaufsingenieurs der Firma, der 1992 monatelang im Iran festgehalten wurde, vor Gericht geladen wurde. «Kurz darauf erhielt ich Besuch von einem Beamten der Bundespolizei und erzählte ihm alles.» Obwohl es nicht der erste Hinweis war, passierte nichts.

War Alt-Bundesrat Villiger informiert?

Vielmehr sei es zu einem Vergleich gekommen, die Crypto AG habe sich bereiterklärt, die Lösegeldforderung für Bühler – eine Million US-Dollar – die Deutschland vorgeschossen hat, zurückzuzahlen. «Zeitgleich wurde das Gerichtsverfahren sistiert und ich musste nie aussagen.» Ob neben dem Bundespolizisten auch weitere Vertreter des Nachrichtendienstes und der Regierung über seine Aussagen informiert wurden, wisse er nicht, sagt von Ah.

Jetzt verdichten sich die Hinweise, dass die neutrale Schweiz die Spionage über die Zuger Firma tolerierte: Der deutsche Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidbauer, laut dem die Operation die «Welt sicherer gemacht hat», sagt in der SRF-«Rundschau»: «Ich nehme an, dass die Schweizer Dienste nicht uninformiert waren.»

Die Sendung zitiert auch aus einem CIA-Dossier: «Die ausländische Kontrolle der Crypto AG war ein Geheimnis, über das Schlüsselpersonen in der Regierung nicht sprechen wollten. Sie wussten aber eindeutig darüber Bescheid.» So soll der frühere FDP-Bundesrat Kaspar Villiger über die Vorgänge in der Crypto AG informiert gewesen sein. «Villiger wusste, wem das Unternehmen gehörte, und fühlte sich moralisch verpflichtet, dies offenzulegen.» Jedoch habe Villiger nichts unternommen.

«Handlangerdienste niemals gedeckt»

Der Alt-Bundesrat bestreitet diese Darstellung in der «Rundschau» vehement: Handlangerdienste für Drittstaaten hätte er niemals gedeckt. Villiger: «Ich war in diese nachrichtendienstliche Operation nicht eingeweiht.»

Weshalb die Bundespolizei nach dem Hinweis von Mitarbeiter von Ah kein Verfahren einleitete, erklärt der damalige Vorermittler und heutige Vizedirektor des Nachrichtendienstes des Bundes, Jürg Bühler, mit mangelnden Beweisen: «Es gab keine Hinweise auf Manipulationen. Tatsache war, dass uns niemand präzise Auskunft geben konnte oder wollte.»

Beim Nachrichtendienst des Bundes laufen gemäss der «Rundschau» derzeit interne Abklärungen. Der Bundesrat hat eine Untersuchung der Vorfälle angeordnet, um die Faktenlage zu klären. Bis Ende Juni 2020 sollten die Ergebnisse vorliegen.

«Spionieren gehört dazu – Auffliegen ist das Problem»

Wer wusste von den Vorfällen?

Thomas Buomberger: Es ist anzunehmen, dass zumindest der Nachrichtendienst Kenntnis von den Vorfällen hatte. Ob der zuständige Bundesrat (Kaspar Villiger, Anm. d. Redaktion) davon wusste, ist schwierig zu sagen. Das Beispiel der Fichenaffäre zeigt, dass das Militärdepartement bei den Aktivitäten des BND teilweise lieber weggeschaut hat, nach dem Motto: «Wenn ich nichts weiss, kann mich später auch niemand dafür belangen.»

Weshalb sind bisher sämtliche Untersuchungen im Sand verlaufen?

Dass die Voruntersuchungen der Bundespolizei in den 90er-Jahren zu keinem Ergebnis führten, ist sehr erstaunlich. Es gab ja bereits seit langem extrem dichte Vorwürfe, dass die Crypto AG in Spionagetätigkeiten verwickelt sein könnte. Eine liechtensteinische Firma kauft für 25 Millionen ein Schweizer Unternehmen und die Bundespolizei findet nicht heraus, wer dahintersteckt. Das lässt den Verdacht aufkommen, dass auch hier weggeschaut wurde.

Welche Folgen haben die Enthüllungen für die neutrale Schweiz?

Der Reputationsschaden ist gewaltig. Spionage gehört zum politischen Geschäft dazu. Probleme gibt es erst, wenn man sich dabei erwischen lässt. Transparenz ist jetzt der einzige Weg, um den Schaden in Grenzen zu halten. Die Schweiz wäre gut beraten, offenzulegen, welche Länder wann von den Spionagetätigkeiten betroffen waren, und sich bei diesen Ländern zu entschuldigen.

Was erhoffen Sie sich von den kommenden Untersuchungen?

Ich bin überzeugt, dass Niklaus Oberholzer seinen Job seriös machen wird. Die Frage wird sein, wie viele Ressourcen und welche Kompetenzen er zur Aufklärung der Vorfälle bekommt. Ich spreche mich deshalb für eine parlamentarische Untersuchungskommission aus. Eine PUK hat ähnliche Kompetenzen wie ein Untersuchungsrichter, sie kann beispielsweise Personen unter Strafe befragen. Das würde eine lückenlose Aufklärung sicherlich begünstigen.

Gibt es vergleichbare Vorfälle?

Es gibt viele Beispiele, in denen die Schweiz nicht so neutral gewesen ist, wie sie vorgegeben hat. So wurden in den 50er- und 60er-Jahren Boykotte der USA gegen den Ostblock unterstützt oder der Luftraum für die Nato freigegeben. Das waren klare Verletzungen der Neutralität.

Thomas Buomberger ist Historiker.

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