Segler Alan Roura im Interview: «Ich fange an, jetzt jede Woche Euromillions zu spielen»
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Segler Alan Roura im Interview«Ich fange an, jetzt jede Woche Euromillions zu spielen»

Alan Roura hat die Vendée Globe erneut als jüngster Skipper erfolgreich absolviert. Im Interview spricht er über die Einsamkeit, die drei Telefonate mit seiner Frau und sein nächstes Ziel.

von
Erik Hasselberg

Direkt nach der Zielankunft blickt der Schweizer Alan Roura zurück auf die vergangenen, harten Monate.

Video: Vendée Globe Media

Darum gehts

  • Alan Roura (27) hat zum zweiten Mal in Folge als jüngster Teilnehmer die härteste Solo-Nonstop-Regatta der Welt bestritten.

  • Im Interview spricht er darüber, wie es für ihn war, als junger Vater seine Frau und Tochter zurückzulassen.

  • Ausserdem sagt er, dass er nur zur Vendée Globe zurückkehrt, wenn er ein gewinnfähiges Projekt hat.

Alan Roura, das Leben auf dem Wasser zeichnet Sie extrem, nach dieser Vendée Globe ist Ihr Gesicht noch gegerbter, der Bart noch grauer.

Alan Roura: Ich weiss. Danke! Können wir jetzt gehen? (lachend zu seiner Frau) Wenn ich mal 30 bin, sehe ich aus wie 45.

Aurélia Mouraud: Nach jeder Regatta wird er grauer. (Zu Alan) Langsam wirst du ein Mann.

Vor einer Woche haben Sie zum zweiten Mal die härteste Solo-Nonstop-Regatta der Welt erfolgreich auf Rang 17 beendet. Wie ist es, wieder an Land zu sein?

Alan Roura: Ich bin glücklich, wieder da zu sein, es war eine harte Regatta. Natürlich würde ich am liebsten wieder sofort segeln, aber dieses Mal brauche ich mehr Zeit, mich zu erholen. Ich muss etwas atmen, Zeit mit meiner Familie verbringen. Während der letzten vier Jahre habe ich mehr als 360 Tage auf See verbracht. Ich vermisse mein Boot, die Abreise war auch sehr hektisch, nicht mal eineinhalb Tage nach meiner Ankunft sind wir nach Paris abgereist, dann in die Schweiz. Es ist immer das gleiche, wenn du die Vendée beendest: Du rennst überall hin. Zu Medien, Sponsoren. Klar, es ist Teil meines Berufs. Aber manchmal möchte ich einfach einen Tag relaxen, mein Boot putzen.

Während Sie 95 Tage und sechs Stunden auf See waren, hat sich die Welt weitergedreht.

Schon als ich zur Vendée Globe in See gestochen bin, war die Situation schrecklich mit Covid. Ich habe davon geträumt, dass sich alles ändert, dass ich zurückkehre in eine wunderschöne Welt, wo niemand mehr eine Maske trägt und alle normal leben. Und jetzt ist alles noch schrecklicher (lacht). Es wär schön, so frei davon zu sein, sich nicht immer die Hände waschen zu müssen alle fünf Minuten.

«Ich höre rechts immer weniger. Auch die Sehkraft lässt nach»: Alan Roura über die körperlichen Einbussen, die sein Beruf als Extremsegler mit sich bringen. 

«Ich höre rechts immer weniger. Auch die Sehkraft lässt nach»: Alan Roura über die körperlichen Einbussen, die sein Beruf als Extremsegler mit sich bringen.

20min/Michael Scherrer

Sie wollten das Rennen in 80 Tagen auf einem Top-Ten-Platz beenden. Jetzt haben Sie keines Ihrer Ziele erreicht, sind aber mit einem beschädigten Boot heil ins Ziel gekommen. Haben Sie schon realisiert, was Sie geschafft haben?

Ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe. Ich meine, ich bin 27 Jahre alt und habe zweimal die Welt umrundet, das ist schon ziemlich cool (lacht). Aber jetzt brauche ich Zeit, um das Rennen im Kopf nochmals durchzugehen, zu analysieren, wo ich Fehler gemacht habe. Das ist wichtig für mich, für die Zukunft. Aber ich kann das noch nicht jetzt machen, ich bin immer noch ganz woanders, mit dem Kopf noch gar nicht richtig angekommen.

Haben Sie nie mit sich gehadert?

Ich habe mich die ganze Regatta hinterfragt, was ich tun soll. Es war ein seltsames Rennen, mit seltsamen Wetterbedingungen. Dennoch bin ich stolz, ich habe gekämpft, nie aufgegeben, alles aus mir und meinem havarierten Boot herausgeholt, auch wenn ich nicht mehr am Limit segeln konnte. Aber das nächste Projekt werde ich nur in Angriff nehmen, wenn ich auch wirklich die Chance habe, zu gewinnen. Meine erste Vendée war ein Abenteuer, die aktuelle Ausgabe sehr anstrengend. Jetzt möchte ich den Sieg.

Haben Sie sich denn schon wieder an die Menschen um sich herum gewöhnt?

Fast am schwierigsten ist es, meine acht Monate alte Tochter Billie zu sehen. Als ich gegangen bin, war sie noch ein kleines Bündel, jetzt sitzt sie hier, hält und greift ihr Spielzeug, lächelt die ganze Zeit (schaut zu seiner Tochter hinüber, die auf dem Schoss seiner Frau sitzt). Grundsätzlich bin ich es ja gewohnt, alleine zu sein. Und aufgrund der Corona-Situation war es dieses Mal eigentlich fast einfacher, sich wieder zurecht zu finden. Normalerweise empfangen dich in Les Sables-d’Olonne im Ziel und am Kanal 20’000 bis 30’000 Menschen. Jetzt waren es nur so rund 40. Es ging alles Schritt für Schritt. Allerdings hoffe ich schon, dass wir eines Tages noch eine grosse Party feiern können, ich weiss zwar nicht wann, aber ich wünsche es mir.

«Ohne meine Tochter hätte ich das Rennen aufgegeben.»

Wie schwer war es letztendlich für Sie, als frisch gebackener, junger Vater Ihre Familie im vergangenen November zu verlassen?

Es war einfacher, als ich dachte, ehrlich gesagt. Wir Segler, ich weiss nicht, wie ich das erklären soll, wir schaffen es oftmals, aus schwierigen Momenten und Situationen Kraft zu schöpfen. Für normale Menschen ist es hart, ihre Familien zu verlassen, alleine der gefährlichen See zu trotzen. Mich hingegen pusht es. Weil ich wusste, ich tue das für meine Tochter. Du musst sie stolz auf dich machen, egal wie dumm gerade das ist, was du machst. Ohne Sie hätte ich das Rennen, als ich Probleme mit dem Boot und dem Kiel hatte, aufgegeben.

Erleichterung pur und Freude bei Alan Roura, als er Kap Hoorn umrundet: Zeit, eine Flasche Sekt zu köpfen.

Video: Vendée Globe Media

Hatten Sie oft Kontakt mit Aurélia?

Wenn ich segle, dann bin ich in meiner eigenen Welt, dann will ich nicht viel Austausch. Meine Frau und ich haben während der Vendée nur dreimal telefoniert. Natürlich haben wir jeden Tag WhatsApp-Nachrichten geschrieben, aber Videos oder Sprachnachrichten, das mag ich nicht. Wie gesagt, ich bin es gewohnt, alleine zu sein.

Und dennoch haben Sie die Fans weltweit auch in schwierigen Momenten, als die Hydraulik Ihres Kiels versagte und Ihr ganzes Bootsinnere voller Öl war, an Ihrem Leid teilhaben lassen, mittels Video.

Ich kann nicht lügen. Ich habe mich aber teilweise verpflichtet gefühlt, mein Leben an Bord zu teilen. Nur denkst du dir manchmal, dass es einfach gerade nichts Besonderes zu zeigen gibt. Ich meine, was ist schon speziell an einem Sonnenuntergang. Wenn, dann will ich die Realität zeigen, so wie es da draussen wirklich ist. Manchmal lachst du, manchmal weinst du, manchmal ist dir langweilig. Ich möchte ehrlich sein und das heisst, dass ich auch mal während des Rennens einen Film schaue.

Als Roura zu Beginn der Regatta die Tränen kommen, weil er in einer Flaute steckt, hält er das auf Video fest.

Video: Vendée Globe Media

Allerdings ist doch nicht nur das Psychische anstrengend, sondern auch der physische Aspekt bei so einem Event nicht zu unterschätzen.

Es gibt Dinge, die kann man sehen, den Muskelschwund und Gewichtsverlust nach einer Regatta. Dieses Mal habe ich immerhin nur 3 kg verloren. Aber es gibt Sachen, die sind weniger offensichtlich. Die abnehmende Sehkraft beispielsweise oder Hörprobleme. Ich merke schon seit Jahren, dass ich rechts immer weniger höre. Telefonieren geht zur Zeit nur links. Und auch die Augen sind schrecklich, ich müsste ständig eine Brille tragen. Weil klar, du hast Salz in den Augen, Salz an den Händen, die du dir nicht richtig wäschst. Zähne verlierst du natürlich auch, weil du dich auf dem Boot nicht jeden Tag so um sie kümmerst, sie putzt, wie du solltest. Segler altern verdammt schnell.

«Wir befinden uns in einer Welt, die sich rasend schnell verändert.»

Sie haben schon unmittelbar nach der Vendée gesagt, wie anstrengend und speziell die aktuelle Ausgabe war.

Ich habe noch nie so seltsame meteorologische Bedingungen gesehen, nicht mal auf dem Atlantik. Und ich segle ja schon einige Jahre. Wir befinden uns in einer Welt, die sich rasend schnell verändert, in der sich das Klima immer mehr verändert.

Sehen Sie es als Ihre Aufgabe, auf den Klimawandel aufmerksam zu machen?

Ich werde die Welt nicht verändern, es ist auch nicht mein Job darüber im Fernsehen Interviews zu geben, das liegt nicht in meinem Charakter. Aber ich kann den Leuten sagen, was ich sehe und gesehen habe, um ihr Bewusstsein für diese Problematik zu schärfen.

Zeigt sich im Gespräch herzlich, offen und sympathisch: der 27-jährige Familienvater Alan Roura.

Zeigt sich im Gespräch herzlich, offen und sympathisch: der 27-jährige Familienvater Alan Roura.

20min/Michael Scherrer

Der Vertrag mit Ihrem Hauptsponsor läuft aus und wie Sie vorhin gesagt haben, wollen Sie nur noch teilnehmen, wenn Sie wirklich auch eine Chance haben, die Vendée zu gewinnen. Wie steht es um das nächste Projekt? Und vor allem das Geld dafür?

Nun, ich fange an, jetzt jede Woche Euromillions zu spielen (lacht). Es gibt Gespräche mit neuen Sponsoren, aber noch nichts Konkretes. Mein Boot steht zum Verkauf, das muss auch abgewickelt werden. Ich werde viel pendeln müssen, zwischen der Schweiz und meinem Wohnort Lorient. Und ja, eine Woche Ferien wäre auch mal schön. Aber dafür muss das neue Projekt laufen, das ich ja als Chef auch von meinem Team verantworte und leite. Das will ja auch bezahlt werden. Vielleicht, je nach Geld, baue ich auch mein eigenes Boot, das komplett auf mich ausgerichtet ist. Das würde allerdings bedeuten, zwei Jahre komplett in die Entwicklung, Konstruktion, den Bau zu stecken alles Zeit, die ich nicht segeln, nicht testen kann.

Deine Meinung

8 Kommentare
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Palme564

22.02.2021, 07:16

Symphatischer Typ, spannendes Interview! Bitte mehr davon. 😊

Marko Novak

22.02.2021, 06:59

Hab auch gemacht bis ich 20chf für 4 richtige gekriegt hab. Währen es 5 richtigen, wurde ich sogar um die 1000chf kriegen konnen. Vergleicht man die Gewinne (als auch Preise) mit ausländischen Euromilionen, dann macht die Sache schon ein wenig mehr Sinn, Schweiz eben…

Falscher Ansatz

22.02.2021, 06:59

Überlebenssegler für Werbung, Konsum und Aktionäre. Wo bleiben Freude und Erholung am Segeln.