Für Sex zahlen?: Ich, Feministin, war mit einem Callboy im Bett
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Für Sex zahlen?Ich, Feministin, war mit einem Callboy im Bett

Für Sex bezahlen als Feministin – darf man das? Ich habe den Versuch gemacht und einen Callboy gebucht.

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20 Minuten

(Video: Murat Temel)

«Die neue Art der Frau ‹zu lieben›. Der Weg zum nachhaltigen, unkomplizierten und unverfänglichen Genuss», schreibt eine Schweizer Callboy-Agentur in ihrem PR-Mail, das irgendwie den Weg in meine Inbox gefunden hat.

Für Sex zahlen, das klingt anrüchig, schmutzig, nach etwas, das verzweifelte Menschen tun – ganz sicher nicht ich.

Zuerst ist es nichts als reine Neugier, die mich auf der Seite surfen lässt. Für Sex zu bezahlen, das klingt zunächst anrüchig, schmutzig, nach etwas, das verzweifelte Menschen tun, die keine oder keinen rumkriegen. Auf jeden Fall etwas, das nur Männer machen – ganz sicher nicht ich.

Trainierte Oberkörper, tiefe Blicke, attraktive Männer im Anzug oder in Jeans: Rund zehn Callboys präsentieren sich mit teils freizügigen Bildern auf der Plattform. Detailliert beschreiben sie, was ihre Kundinnen erwarten dürfen. Auch wenn gemeinsame Nachtessen oder Massagen zum Angebot gehören – dass Sex im Zentrum steht, ist kein Geheimnis.

Eine Reise buchen – oder einen Callboy

Doch der Gedanke lässt mich nicht mehr los. Warum soll ich mir als emanzipierte Frau nicht einfach einen Lover mit der gleichen Selbstverständlichkeit kaufen, wie ich im Internet ein Kleid bestelle oder eine Reise buche?

Als Frau für Sex zu bezahlen: Ist das nicht vielleicht sogar ein weiterer Schritt Richtung Gleichberechtigung, wo Männer dasselbe doch seit jeher tun?

Ist es nicht vielleicht sogar ein weiterer Schritt in Richtung Gleichberechtigung, wo Männer dasselbe doch seit jeher tun? Dazu kommt: Die Callboys sollen ihren Service gemäss eigenen Angaben nicht aus existenzieller Not anbieten, sondern aus Freude an Leidenschaft, Dating, Sex und einem gut bezahlten Nebenerwerb. Weil sie, anders als Callgirls, Escorts oder Prostituierte, ihren Kundinnen in der Regel körperlich überlegen sind, ist das Risiko für Übergriffe viel kleiner.

Ich erkundige mich bei der Agentur Swiss Callboys und erfahre, wie das Geschäft läuft. Interessierte Männer müssen sich von der Agentur prüfen lassen, danach dürfen sie gegen eine Jahresgebühr ein Profil auf der Seite anlegen, Fotos hochladen und mit einem mehr oder weniger charmanten Text um Kundinnen werben.

Zum Beispiel:

«Marc, der Traum so mancher schlaflosen Nacht …

Er verbindet Romantik mit Rock 'n' Roll, vom Badboy zum smarten Loverboy, Leidenschaft in ihrer reinsten Form. Mit seiner offenen und fröhlichen Art wird er auch dich innert Sekunden verzaubern. Dich mit seinen zärtlichen, fordernden Berührungen entführen in eine Welt voller Magie, in der es keine Grenzen gibt.»

Die Kommunikation und Abrechnung mit den Frauen erledigen die Callboys selbst, die Agentur erhält keinen Anteil am Business. Wenn sich die Callboys von einer Frau nicht angesprochen fühlen, können sie ein Treffen jederzeit ablehnen oder abbrechen. Nur Schweizer Bürger dürfen auf der Seite werben – Zwangsprostitution, brutale Zuhälter oder internationaler Menschenhandel sind damit fast ausgeschlossen. Übrigens: Schon mal bemerkt, dass das Wort «Männerhandel» im allgemeinen Wortschatz nicht existiert?

Küssen, Tantra, Sadomaso

Ich fasse mir ein Herz und klicke mich erneut durch die Fotogalerie. Dass ich einen dieser Callboys vielleicht bald treffen und berühren werde, scheint mir surreal. Gemeinsam mit Freundinnen beurteile ich das «Angebot»: Der eine hat ein süsses Lächeln, der andere einen unmöglichen Bart, der Dritte eine Brust, an die ich mich am liebsten sofort werfen würde.

Ob Küssen, Rollenspiele, Tantra, Cunnilingus oder Sadomaso – in einer Art Checkliste fassen die Männer zusammen, wozu sie bereit sind.

Doch das Aussehen ist nicht alles, auch das Angebot der «Boys» variiert. Ob Küssen, Rollenspiele, Tantra, Cunnilingus oder Sadomaso – in einer Art Checkliste fassen die Männer zusammen, wozu sie bereit sind und wo ihre Grenzen liegen. Ausserdem geben sie Auskunft über Körpergrösse und Gewicht, Augen- und Haarfarbe, Hobbys und Lieblingsessen, Alter und Wohnort.

Mein Callboy ist mehr als zehn Jahre jünger

Meine Wahl fällt auf Ray. Sein spitzbübisches Lachen gefällt mir genauso wie die gemeinsamen Interessen Reisen, Lesen und Musik. Dass er nicht aus «meiner» Stadt kommt und ich ihm nach unserem Date nicht ständig über den Weg laufen werde, beruhigt mich. Erst später bemerke ich, dass er mit seinen 23 Jahren mehr als zehn Jahre jünger ist als ich. Es ist mir peinlich, denn weder stehe ich auf junge Typen, noch will ich mir vorwerfen lassen, mir seine Jugend zu erkaufen. Weil alles andere passt, schicke ich ihm dennoch ein kurzes Mail.

Hallo Ray

Deine Fotos sind wunderschön!

Darf ich dich auf einen Drink einladen?

Höchstens 24 Stunden dauere es, bis die Callboys eine Nachricht beantworten würden, verspricht die Agentur. Immer wieder checke ich meinen Nachrichten – nichts. Nach zwei Tagen endlich Antwort. Ray entschuldigt sich, er sei im Ausland gewesen. Gerne wolle er mich kennen lernen. Aufgeregt schlage ich ein Datum und eine Bar vor. Zuerst etwas trinken, sage ich mir. Falls es nicht passt, kann ich es immer noch beenden.

Einen, der «es» nur wegen Geld macht, will ich nicht

Tagelang kreisen meine Gedanken um das Treffen. Was ziehe ich an, was erzähle ich über mich, was will ich von ihm wissen? Was mache ich, wenn das Gespräch stockt, wenn er mir nicht gefällt – oder ich ihm nicht? Die Vorstellung, dass sich ein Mann nur auf mich einlässt, weil er für das Treffen Geld erhält, finde ich abstossend. Dass ich mir einen Liebhaber mit Geld gefügig mache, gibt mir keinen Kick, so wie ich das aus Berichten von Freiern kenne. Ich nehme mir vor, das Date abzubrechen, wenn ich bei ihm kein echtes Interesse oder keine Lust spüre. Und ich merke: Sexarbeit, wenn man es denn so nennen möchte, ist für mich nur so lange vertretbar, wie es die Anbieterinnen und Anbieter aus freien Stücken tun, und nur unter Bedingungen, in denen sie ihre Arbeit ohne Risiko für ihre Sicherheit oder Gesundheit ausüben können. Mit allem anderen möchte ich nichts zu tun haben.

Wer zahlt, befiehlt

Und doch: Als Kundin bin ich Königin. Ich ringe zwar etwas mit mir, doch einen Tag vor unserem Date schreibe ich Ray ein Mail.

Betreff: Ein Wunsch.

Lieber Ray

Ich bin ziemlich aufgeregt. Ich hatte noch nie ein solches Treffen ... Hoffentlich kannst du mir meine Unsicherheit nehmen?

Du hast mich wegen Kleidervorlieben gefragt. Eigentlich bin ich recht offen. Aber was ich nicht so mag, sind zerrissene Jeans und stark bedruckte Shirts.

Ein paar Stunden später seine Antwort:

Wir haben keinen Stress, alles easy. Ich freue mich sehr, dich persönlich kennen lernen zu dürfen und mehr über dich zu erfahren.

Und selbstverständlich werde ich in einem gepflegten Outfit erscheinen :)

Seine Schüchternheit ist hinreissend

Etwas zu früh bin ich am nächsten Tag in der Bar. Ich trage ein schwarz-weisses Kleid, Strümpfe und Pumps. Die Haare offen. Geschminkt bin ich wie immer, vielleicht eine Spur sorgfältiger. Um meine Anspannung zu lösen, bestelle ich ein Cüpli.

Mir fällt auf, wie Ray zwischendurch seine Hände knetet. Ist er auch nervös? Seine Schüchternheit finde ich hinreissend.

Kaum habe ich den ersten Schluck getrunken, steht er plötzlich da. Ich habe ihn nicht kommen sehen, bin einen Moment überrascht – aber nicht negativ. Ray trägt ein schwarzes Hemd, dunkelblaue Hose, Lederschuhe. Er sieht älter aus als 23 Jahre und ist sehr attraktiv. Er lächelt mich an. Wir umarmen uns, kommen ins Gespräch.

Ich hatte erwartet, dass Ray als Flirtprofi sofort in die Vollen geht. Für ihn geht es bei diesem Gespräch schliesslich um «deal or no deal»: Wenn er mich nicht «rumkriegt», erhält er nur die Reisespesen vergütet. Doch Ray ist sehr anständig, zurückhaltend fast. An einem Pfefferminztee nippend, erzählt von seiner Kindheit auf Jamaica und seinem Job als Personal Trainer in einem Fitnesscenter. Mir fällt auf, wie er zwischendurch seine Hände knetet. Ist er etwa auch nervös? Seine Schüchternheit finde ich hinreissend.

«Ich werde für mein Hobby bezahlt»

Auf meine Frage hin erzählt er, dass er seit vier Monaten als Callboy arbeite und im Schnitt ein bis zwei Dates pro Woche habe. «Dieser Job reizt mich, schon seit ich ein Teenager war. Ich verwöhne gerne Frauen, habe gerne Dates. Nun werde ich dafür sogar bezahlt.»

Die Kundinnen seien jünger, als er im Vorfeld angenommen habe. Sogar eine 22-Jährige sei darunter gewesen. Durchaus attraktive Frauen, die vielleicht sehr schüchtern seien, Angst vor Verletzungen hätten oder sich aufgrund ihrer beruflichen Position nicht auf unverbindliche Abenteuer einlassen könnten. Ich fühle mich plötzlich alt. Ray winkt sofort ab. «Das ist kein Problem, wirklich. Wenn ich ehrlich bin, mein Geschmack, so im Privaten … da beginnt es erst ab 30. Wirklich! Die Themen, über die man mit Gleichaltrigen spricht, die sind oft langweilig.»

Findet er mich überhaupt anziehend?

Vier Frauen trifft Ray regelmässig: «Bei meinen Stammkundinnen wird das Verhältnis schon etwas näher. Aber ich trenne strikt zwischen privat und beruflich und würde auch nie eine Kundin nach Hause nehmen.»

Kurz überlege ich, ob er mich vielleicht nicht genug anziehend findet. Da spüre ich seinen Blick auf mir.

Ein einziges Mal habe er einer Frau absagen müssen. «Ich wusste, sie und ich – das geht einfach nicht. Ich habe es ihr schonend mitgeteilt und wir haben uns wieder verabschiedet.» Kurz überlege ich, ob er mich vielleicht auch nicht genug anziehend findet. Da spüre ich seinen Blick auf mir. «Bei dir ist es anders. Bei dir dachte ich schon beim Reinkommen: wow!» Wir schauen uns an und beschliessen zu gehen. Ich bestelle die Rechnung. Dass die Kundin die Getränke übernimmt, gehört zu den Regeln.

Sein Bizeps, sein Sixpack: Das ist einfach hot!

Zu Fuss laufen wir zu mir. Zu Hause angekommen, kehrt die Nervosität zurück. Ich bin zwar die Gastgeberin, aber er ist der Dienstleister. Wer macht den ersten Schritt?

Ich hätte statt Spitzenwäsche auch den ausgeleiertesten BH anziehen können. Er schaut ohnehin nicht hin.

In diesem Moment fragt Ray, ob ich eine Massage möchte. Natürlich! Ich setze mich aufs Bett und ziehe mich aus, während er das Massageöl aus seiner Tasche holt. Innerlich grinse ich. Ich hätte statt Spitzenwäsche auch den ausgeleiertesten BH anziehen können, er schaut ohnehin nicht hin. Ich schon: Bevor er zu mir kommt, zieht er sein Hemd aus. Seine Brustmuskeln, sein Bizeps, sein Sixpack – ich finde mich selbst in diesem Moment etwas gar einfach gestrickt, aber hey: Das ist einfach hot!

Ray sagt mehrmals, wie schön er mich finde. Kurz denke ich, dass das zum Konzept gehört, dass er das allen Frauen sagt.

Die Massage fühlt sich zuerst fast an wie bei einem Physiotherapeuten. Ray knetet meine Muskeln und kommentiert meine Verspannungen. Ich spüre seine kräftigen Hände und geniesse die Berührungen, die immer mehr in ein Streicheln übergehen. Von Unsicherheit keine Spur mehr. Nun will auch ich ihn spüren und streicheln. Er fühlt sich gut an. Wir küssen uns und schlüpfen unter die Decke. Ray sagt mehrmals, wie schön er mich finde, wie weich meine Haut sei, wie sehr ich ihm gefalle. Kurz denke ich, dass das zum Konzept gehört, dass er das allen Frauen sagt. Kurz stört mich das ein bisschen. Dann gelingt es mir, mich fallen zu lassen.

Er ist länger geblieben als abgemacht

Später ist es wie aufwachen aus einem Traum. Ein romantischer Traum mit einem erfahrenen, plötzlich gar nicht mehr so fremden Mann. Der jetzt allerdings auch ein Geschäftsmann ist. Während ich in seinen Armen liege, wirft er einen Blick auf die Uhr. Er ist länger geblieben als abgemacht. Muss ich das nun zahlen? Hätte ich Stopp sagen und die Zeit im Auge behalten müssen? Wir bleiben beim vereinbarten Betrag, den ich ihm bar aushändige.

Noch kurz kuscheln, dann steht er ohne Hast auf, kleidet sich an. Ich begleite ihn zur Tür. Zum Abschied eine Umarmung, ein Kuss. Ich bin 550 Franken ärmer. Und eine spezielle Erfahrung reicher.

Wie Feministinnen über Prostitution denken

Für die einen bedeutet Prostitution Ausbeutung: Frauen, die ihren Körper verkaufen, tun dies nicht aus freien Stücken, sondern weil sie keine Wahlfreiheit haben. Sei es aus existenzieller Not oder weil sie Opfer von Unterdrückung oder Zwangsarbeit sind. Sie betrachten das Sexgewerbe als brutales Business, dominiert von Menschenhändlern, Zuhältern und Freiern.

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