Sophie Hunger: «Ich freue mich aufs Verschwinden»
Aktualisiert

Sophie Hunger«Ich freue mich aufs Verschwinden»

Sechs Jahre lang war sie fast permanent auf Tour. Jetzt braucht die Schweizer Sängerin eine Pause, wie sie im Interview mit 20 Minuten verrät.

von
Marlies Seifert

Sophie Hunger, packt Sie nach Hunderten von Konzerten noch das Lampenfieber?

Sophie Hunger: Im Vergleich zu früher habe ich mehr Muskeln im Kampf gegen die Ängste, ich kann sie kontrollieren. Manchmal blödle ich bis kurz vor dem Auftritt herum oder schlafe. Wenn ich mich dann hinter den Vorhang stelle und all die Leute sehe, die zwei Stunden ihres Lebens an meinem Konzert verbringen möchten, packt mich der Respekt. Das ist auch eine Verantwortung.

Weshalb haben Sie sich dazu entschieden, einen Tourfilm zu drehen? Sie scheinen normalerweise eher darauf bedacht, nicht zu viel von sich zu zeigen.

Ich höre das oft, aber ich gebe viel und habe nicht das Gefühl, dass ich versuche, mich zu verstecken. Das wäre ja ein Widerspruch. All die Sachen, die ich mache, sind ja nichts anderes, als etwas von mir zu zeigen. Ich hoffe, dass der Film etwas preisgibt. Es enttäuscht mich selber, dass ich so distanziert wirke. Ich habe mich in den letzten Jahren sehr verändert.

Inwiefern?

Vor sechs Jahren war mein Horizont noch sehr eingeschränkt. Auf der Bühne ging mein Radius nicht weiter als bis zu meiner Gitarre. Jetzt interessiere ich mich für jeden Aspekt meines Berufs. Ich habe letztes Jahr zum ersten Mal ein Video für einen Song aufgenommen. Durch das viele Reisen kann ich heute überall hingehen und mit fast jedem schnell und intensiv Kontakt aufnehmen. Es fällt mir leicht, sehr schnell auf jemanden einzugehen und ich empfinde es in dem Moment auch als aufrichtig, wenngleich es unverbindlich bleibt. Das geniesse ich sehr.

Es klingt auch, als hätten sie Selbstvertrauen geschöpft.

Am Anfang war mir sehr unwohl mit dem Beruf. Die Aufmerksamkeit war sehr schnell da, sodass ich zunächst alle Leute von mir wegstossen und Platz für mich einfordern musste. Das bereue ich nicht. Es hat viel Respekt geschaffen.

Sie sind in diesem Jahr 30 geworden. Werden Sie öfter auf einen allfälligen Kinderwunsch angesprochen?

Ich werde das nicht oft gefragt, weil die Leute sich nicht trauen. Es ist aber etwas, an das ich oft denke. Es ist ein Traum, der mit den fortschreitenden Jahren sicher auch nicht kleiner wird. Ich möchte ganz viele Kinder haben und auf dem Land leben. Ich wäre sehr traurig, wenn ich sterben würde, ohne eine Familie gegründet zu haben. Gleichzeitig habe ich diesen Beruf, den ich sehr brauche.

Schaut man sich Ihren Tourplan von diesem Jahr mit über 100 Konzerten an, bekommt man schon fast den Eindruck, Sie seien eine Getriebene.

Ja, das stimmt. Ich weiss aber, dass das nicht immer nur gut ist. Jetzt ist die Tour fertig und das Live-Album und der Film sind ein Resümee. Ich habe grosse Lust, jetzt zu verschwinden und nicht zu wissen, was als Nächstes passiert. Ich kann mir alles Mögliche vorstellen. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, eine Pause zu brauchen. So weitermachen geht jedenfalls nicht.

Weshalb?

Das Leben um einen herum löst sich auf. Es ist beängstigend. In Zürich war ich dieses Jahr kaum, ich verliere den Bezug, obwohl ich hier meine Eltern, Geschwister und Freunde habe. Ein Zuhause muss man pflegen, damit es einem nicht fremd wird. Es gibt Momente, in denen ich heim in meine Wohnung komme und fast lieber ins Hotel gehen würde, weil es daheim beinahe unheimlicher ist. Nach einer Tournee sorge ich erst einmal dafür, dass ich die nächsten Tage irgendwie beschäftigt bin, um das Ankommen hinauszuzögern.

Was passiert nach Ihrem letzten Konzert am 22. Dezember?

Ich kann es kaum erwarten zu verschwinden und freue mich aufs Ungewisse. Bei meiner Plattenfirma habe ich mich abgemeldet und gesagt, dass sie wieder von mir hören, wenn ich bereit bin. Es gibt Momente, da lese ich meinen Namen oder sehe ein Foto von mir und könnte kotzen. Ich möchte jetzt einfach mal etwas weg von diesem Leben in der Öffentlichkeit und probiere mit ganzem Herzen, Ferien zu machen. Vielleicht ist es auch eine Form von Neugier. Ich habe jetzt sechs Jahre in diesem Zustand gelebt. Es interessiert mich, was passiert, wenn nichts mehr passiert.

Sie haben nichts Konkretes geplant?

Nach Weihnachten fliege ich nach San Francisco und bleibe erst einmal dort. Vielleicht komme ich nach zwei Wochen heim oder nach zwei Jahren oder nach zehn Jahren. Nächstes Jahr habe ich einen einzigen Termin in Europa, der fix ist, und ich möchte keine weiteren. Ich werde weiterarbeiten, aber unsichtbar und nur für mich.

Das Buch «The Rules of Fire» mit zwei Live-CDs und einer DVD ist ab sofort erhältlich.

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