Korrigierte Reproduktionszahlen: «Ich fühle mich durch den zu hohen R-Wert hintergangen»
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Korrigierte Reproduktionszahlen«Ich fühle mich durch den zu hohen R-Wert hintergangen»

Die Reproduktionszahl des Coronavirus musste mehrmals nach unten korrigiert werden. Bei Fitness- und Gastrobetreibern ist der Unmut gross.

von
Bettina Zanni
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«Wollen uns die Behörden eigentlich für blöd verkaufen?», empört sich Aniello Maiorino, Fitnesstrainer und Inhaber des Zürcher Studios Hit4Fit.

«Wollen uns die Behörden eigentlich für blöd verkaufen?», empört sich Aniello Maiorino, Fitnesstrainer und Inhaber des Zürcher Studios Hit4Fit.

Seiner Meinung nach hätten die Fitnessclubs nicht schliessen sollen, sagt Maiorino. Bezüglich R-Wert gebe es zu viele offene Fragen.

Seiner Meinung nach hätten die Fitnessclubs nicht schliessen sollen, sagt Maiorino. Bezüglich R-Wert gebe es zu viele offene Fragen.

Hit4Fit
Auch Frank Müller vom Zuerich Gym sagt: «Es reut mich unglaublich, dass wir aufgrund eines offenbar zu hoch eingeschätzten R-Werts schliessen mussten.»

Auch Frank Müller vom Zuerich Gym sagt: «Es reut mich unglaublich, dass wir aufgrund eines offenbar zu hoch eingeschätzten R-Werts schliessen mussten.»

Zuerich Gym

Darum gehts

  • Der Bundesrat ging bei seinen Entscheiden für die neuen Massnahmen von einer zu hohen Reproduktionszahl aus.

  • Die ETH hatte den R-Wert mehrmals nach unten korrigiert.

  • Er verstehe nicht, warum die Behörden auf Basis von unsicheren Werten solch drastische Massnahmen beschlossen hätten, sagt ein Fitnesstrainer.

Für die Gastrobetriebe und Sportzentren ging es Schlag auf Schlag. Am 11. Dezember beschloss der Bundesrat die Sperrstunde ab 19 Uhr. Eine Woche später schickte er die Betriebe in den Lockdown. Doch nun stellt sich heraus, dass sich der Bundesrat bei seinen Entscheiden für die neuen Massnahmen von einer zu hohen Reproduktionszahl (siehe Box), dem R-Wert, beeinflussen liess: Mehrmals passte die ETH den R-Wert nach unten an.

Für den 4. Dezember schätzte die ETH den R-Wert auf 1,13, was einem exponentiellen Wachstum entspricht. Eine Woche später korrigierte sie diesen auf 1,05 herunter. Am 28. Dezember folgte die nächste Korrektur: Dann wurde der R-Wert für den 4. Dezember noch lediglich auf exakt 1 berechnet. Bei den betroffenen Branchen ist der Unmut gross.

Er erwarte eine Korrektur des Entscheids

«Wollen uns die Behörden eigentlich für blöd verkaufen?», empört sich Aniello Maiorino, Fitnesstrainer und Inhaber des Zürcher Studios Hit4Fit. Er verstehe nicht, warum die Behörden auf Basis von unsicheren Werten solch drastische Massnahmen beschlossen hätten. «Ich fühle mich hintergangen und im Regen stehen gelassen.» Seiner Meinung nach hätten die Fitnessclubs nicht schliessen sollen. Bezüglich R-Wert gebe es zu viele offene Fragen.

Auch Frank Müller vom Zuerich Gym sagt: «Es reut mich unglaublich, dass wir aufgrund eines offenbar zu hoch eingeschätzten R-Werts schliessen mussten.» Stimme die Zahl tatsächlich nicht, erwarte er vom Bundesrat eine Korrektur seines Entscheids. «Dann müssten wir wieder öffnen können.» Er glaube aber auch, dass der Bundesrat nicht nur aufgrund des R-Werts entschieden habe. «Für die Massnahmen spielen sicher auch noch viele andere Faktoren eine Rolle.»

SVP Kanton Zürich fordert Öffnung

Auch Gastronomen sind sauer. «Die Gastrobranche ist der Spielball der hilflosen Politiker. Das jüngste Beispiel sind die zu hoch eingeschätzten R-Werte», sagt Ruedi Stöckli, der das Landgasthaus Strauss in Meierskappel LU führt und Präsident von Gastro Luzern ist.

Ähnlich fühlt René Baumann von der Kronen Bar in Ermatingen TG. «Ich komme mir stellenweise ‹verarscht› vor», sagt er. Es sei seltsam, wie die R-Werte gemessen würden. «Da kommt man nicht mehr draus. Die Behörden müssen über die Bücher gehen.»

Kritik gibt es auch von der SVP Kanton Zürich. «Es ist skandalös, wenn Massnahmen mit katastrophalen Folgen für das Wirtschaftsleben mit ungesicherten Daten begründet werden», heisst es in einer Mitteilung. Die Partei fordert deshalb, die Schliessung der Restaurants unverzüglich rückgängig zu machen und der Gastronomie so zu gestatten, über Silvester und Neujahr Gäste zu empfangen.

Zeitliche Verzögerung

Der R-Wert ist einer zeitlichen Verzögerung unterworfen: So dauert es im Schnitt acht bis zehn Tage, bis die Infektion erfolgt, erste Symptome auftreten und ein positiver Corona-Test vorliegt. Demnach kann der R-Wert auch zu tief eingeschätzt werden.

Der Bundesrat erlaubte am 11. Dezember Kantonen mit einem R-Wert unter 1, auf die Sperrstunde um 19 Uhr zu verzichten. Laut dem «Tages-Anzeiger» fielen die R-Werte von Ende November, die dafür berücksichtigt wurden, in den ersten Schätzungen jedoch zu tief aus.

Unsicher ist auch, ob die aktuell tiefe Reproduktionszahl verlässlich ist. Am 18. Dezember steckte eine infizierte Person laut der neuesten Berechnung der ETH nur noch 0,86 weitere Personen an. Dies würde auf eine rückläufige Pandemie hindeuten. Gesundheitsminister Alain Berset wies am Montag jedoch auf Verzögerungen bei den Meldungen und weniger Tests hin. «Wir werden einige Tage brauchen, um zu sehen, wie die Massnahmen wirken, die wir auf Bundesebene beschlossen haben.» Eine Anfrage der Redaktion bei der ETH zu den korrigierten R-Werten ist bei der ETH aktuell noch hängig. Am Dienstag um 14 Uhr informiert die Taskforce des Bundes über die aktuelle Lage zum Coronavirus.

R-Wert

Die Reproduktionszahl oder der R-Wert geben an, wie viele Personen eine infizierte Person im Schnitt ansteckt. Liegt die Zahl unter 1, nimmt die Gesamtheit aller angesteckten Personen ab. Liegt die Zahl über 1, nimmt die Summe aller angesteckten Personen zu. Laut der ETH erfolgt die Berechnung der zahl täglich auf Basis umfangreicher Zahlen zu den Testergebnissen und weitere Daten aus dem nationalen und internationalen Umfeld.

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