Al-Beblawi: «Ich fühle mich schlecht, wenn Leute sterben»
Aktualisiert

Al-Beblawi«Ich fühle mich schlecht, wenn Leute sterben»

Der ägyptische Übergangs-Regierungschef Hasem al-Beblawi lässt sich erstmals von einem US-Sender zu den Unruhen in seinem Land befragen. «Ich habe keine Schuldgefühle», sagt er der Interviewerin.

von
jbu

«Ich habe keine Angst vor einem Bürgerkrieg.» Dies erklärte der ägyptische Übergangs-Regierungschef Hasem al-Beblawi am Dienstag in seinem ersten TV-Interview seit seinem Amtsantritt im letzten Monat. Er könne zwar nicht ausschliessen, dass es in den kommenden «Wochen oder Monaten» noch «weiter andauernde Probleme» im Land gebe. Einen Bürgerkrieg, wie ihn gewisse Nachbarländer von Ägypten erlebt hätten, drohe seiner Meinung nach aber nicht.

Weiter verteidigte Hasem al-Beblawi das gewalttätige Vorgehen des Militärs gegen die Demonstranten, bei dem allein letzte Woche mindestens 900 Menschen starben. «Sie verhielten sich nicht friedlich», erklärt der Übergangspräsident gegenüber ABC News. «Was passiert ist, ist schlecht. Ich habe keine Schuldgefühle. Aber wenn man Leute sterben sieht (...), fühlt man sich schlecht, weil es menschliches Blut ist.»

Warnung an USA

Al-Beblawi hat die USA im Interview weiter vor einer Einstellung der Militärhilfe für sein Land gewarnt. Mit einem solchen Schritt würde Washington einen «Fehler» begehen, sagte al-Beblawi.

Eine Einstellung der US-Militärhilfe wäre «ein schlechtes Signal» und würde das ägyptische Militär «für einige Zeit hart treffen». Letztlich würde sein Land aber auch ohne die Hilfe aus Washington auskommen, betonte der Chef der Übergangsregierung. So könnte ja beispielsweise Russland militärische Unterstützung leisten.

Ein Ende der US-Hilfe wäre also «nicht das Ende der Welt», sagte al-Beblawi. «Wir können auch unter anderen Umständen leben.» Der Interims-Regierungschef bedauerte dessen ungeachtet die derzeitige Verschlechterung der Beziehungen zu Washington. Dies sei vor allem auf «eine Menge Missverständnisse» zurückzuführen, sagte er.

(Quelle: ABC News)

1,3 Milliarden jährlich

Die USA unterstützen das ägyptische Militär mit 1,3 Milliarden Dollar pro Jahr. Nach dem Sturz von Präsident Mohammed Mursi und angesichts des rücksichtslosen Vorgehens der Sicherheitskräfte gegen die Muslimbrüder wird in Washington zunehmend eine Einstellung der Militärhilfe diskutiert.

Allerdings vermeidet es die US-Regierung bislang, den Sturz Mursis durch die Streitkräfte als «Putsch» zu bezeichnen. In diesem Fall wäre sie rechtlich verpflichtet, die Finanzhilfen für Ägypten umgehend zu stoppen.

Seit Mursis Entmachtung durch das Militär am 3. Juli liefern sich die Muslimbrüder und die vom Militär gestützte Übergangsregierung in Ägypten einen blutigen Machtkampf. Dabei wurden innerhalb einer Woche mehr als 900 Menschen getötet.

Auch EU berät über Sanktionen

Auch die EU-Aussenminister wollen angesichts der unverminderten Gewalt ihre künftigen Beziehungen zu Ägypten überprüfen. Das Thema soll heute Mittwoch bei einer Sondersitzung erörtert werden. Diplomaten halten einen vorläufigen Stopp von Waffenlieferungen für möglich. Sicher sei dies jedoch nicht. Die Finanzhilfen dürften allerdings fortgesetzt werden, sofern sie der Bevölkerung oder Nichtregierungsorganisationen im Kampf für die Demokratie zugutekommen.

Mehrere westliche Regierungen hatten bereits Konsequenzen aus den jüngsten Ausschreitungen in Ägypten gezogen. Deutschland und einige andere europäische Staaten strichen Hilfsprojekte, um den Druck zu erhöhen. (jbu/sda)

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