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Junge Spanier«Ich fühle mich total hintergangen»

Während die Hälfte der jungen Spanier arbeitslos ist, wird ein Korruptionsfall nach dem anderen aufgedeckt. Was denkt die Jugend? Und warum protestiert sie nicht?

von
K. Leuthold

Soraya F. L.* ist 28 Jahre alt und wohnt in Madrid. Sie ist Musiklehrerin und Zeichnerin, spricht neben Spanisch auch noch Englisch und Italienisch. «Ein bisschen Deutsch kann ich auch», fügt sie hinzu. Doch obwohl Soraya einen Uni-Titel und einen Hochschulabschluss hat, findet die junge Frau keine Stelle als Lehrerin. «Im Moment arbeite ich in einem ganz anderen Bereich für 3,50 Euro pro Stunde, nachdem ich sieben Monate lang arbeitslos war», sagt sie zu 20 Minuten.

So wie Soraya geht es in Spanien Zigtausenden. Laut einem Bericht des Wirtschaftsportals Statista liegt die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien bei 53,7 Prozent. Viele der jungen Menschen gehören zur sogenannten «Generation ni-ni» («Generation weder-noch»). Das sind jene Jugendliche, die weder einen Beruf erlernt noch das nötige Geld zum Studieren haben.

Die jungen Spanier sind wütend

Die Frustration unter den jungen Spaniern ist daher gross – und mit jedem neuen Korruptionsskandal, der aufgedeckt wird, wird sie noch grösser (siehe Bildstrecke oben). Erst vor zehn Tagen waren 51 Politiker und Geschäftsleute bei einer Razzia festgenommen worden – darunter sechs Bürgermeister der Region Madrid und der Politiker Francisco Granados, der bis 2011 die Nummer zwei der konservativen Volkspartei (PP) von Ministerpräsident Mariano Rajoy war.

«Ich bin empört», sagt Soraya, «dass sich einige Politiker nicht schämen, in Saus und Braus zu leben, während es so vielen von uns so schlecht geht.» Die Politiker würden auf ihre Kosten leben, meint die 28-Jährige. «Es macht mich wütend und ich fühle mich hintergangen.»

Keine Demonstrationen, keine Krawalle

Und dennoch ist es trotz der vielen Korruptionsfälle recht ruhig in Spanien. Keine Demonstrationen, keine Krawalle. Es ist fast unheimlich. Was ist los?

Antonio N.**, ein Anführer der «Empörten», einer Bewegung, die sich zwischen 2011 und 2013 mit Protesten gegen die Sparpakete der Regierung gewehrt hatte, glaubt, dass seine Landsleute schlicht und einfach «nicht mehr an die Politiker und an die Regierung glauben und sich daher vom System abgewendet haben».

Die jüngsten Skandale rund um Bestechungsgelder und geheime Bankkonten in der Schweiz überraschen N. nicht. «Vielleicht wundern sich die Leute im Ausland, wieso bei uns jetzt nicht die Hölle los ist. Nun ja, diese Fälle sind nur ein weiterer Beweis dafür, dass Korruption in der Politik völlig verankert ist. Egal, ob es die amtierende Volkspartei oder die Sozialisten sind, seit 30 Jahren haben sich die Politiker ein Netzwerk aufgebaut, durch das sie sich untereinander Gefallen austauschen und Aufträge vergeben.»

Es besteht Hoffnung – ab 2015

«Wir haben gelernt, dass Protestieren nichts bringt», sagt N. weiter, «vor allem seit mit dem neuen Gesetz jeder Demonstrant den Status eines Schwerkriminellen bekommt». Einen Ausweg aus dieser Situation sieht er woanders: «Wir lassen das korrupte System einfach aussterben und arbeiten mit voller Energie an neuen Formen von Demokratie.»

Hunderttausende junge Spanier würden sich zurzeit in Kooperativen zusammentun und neuartige Plattformen aufbauen, erzählt Antonio N. Viele haben sich demnach in der neuen Partei Podemos gefunden. Für den Aktivisten besteht durchaus Hoffnung — allerdings erst ab 2015: «Nächstes Jahr finden Wahlen statt. Dann werden wir endlich dieses korrupte Regime los.»

* Name der Redaktion bekannt.

** Antonio N. ist Anführer der «Empörten»-Bewegung. 20 Minuten hat mit ihm in den letzten Jahren mehrmals Interviews geführt.

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