Ansturm aufs Tessin : «Ich fürchte, dass uns nach Ostern ein Gemetzel droht»
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Ansturm aufs Tessin «Ich fürchte, dass uns nach Ostern ein Gemetzel droht»

98 Prozent der Unterkünfte im Tessin sind auf Booking am Wochenende ausgebucht. Im Südkanton löst das Freude, aber auch Misstöne aus.

von
Daniel Graf
Daniel Waldmeier
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Anders als im Vorjahr sind Touristen im Tessin dieses Jahr willkommen. Die Maskenpflicht wurde aber verschärft.

Anders als im Vorjahr sind Touristen im Tessin dieses Jahr willkommen. Die Maskenpflicht wurde aber verschärft.

20 minuti/Patrick Stopper
Noch ist es in Lugano ruhig – es werden in der Osterwoche aber viele Touristen erwartet. Bereits hört man viel Schweizerdeutsch in der Stadt. 

Noch ist es in Lugano ruhig – es werden in der Osterwoche aber viele Touristen erwartet. Bereits hört man viel Schweizerdeutsch in der Stadt.

20 minuti/Patrick Stopper
Die Hoteliers freuen sich über die Einnahmen. 

Die Hoteliers freuen sich über die Einnahmen.

20 minuti/Patrick Stopper

Darum gehts

  • Die Unterkünfte im Tessin über Ostern sind fast komplett ausgebucht.

  • Es werden sehr viele deutschschweizer Touristen erwartet.

  • Das freut den Tourismus, schürt aber auch Ängste davor, wie sich die Infektionszahlen in den Wochen danach entwickeln werden.

Während der Bundesrat die Deutschschweizer vor einem Jahr aufforderte, zuhause zu bleiben, ist dieses Jahr alles anders. Alain Berset sagte am Mittwoch, er würde sich davor hüten, der Bevölkerung zu sagen, sie müsse über Ostern zuhause bleiben. «Ich wäre jetzt auch lieber draussen als mit euch hier drin», sagte der Gesundheitsminister an einer Pressekonferenz.

Freie Hotelzimmer gibts im Tessin nur noch wenige, auf Booking waren am Mittwochnachmittag 98 Prozent der Unterkünfte ausgebucht. Die Tourismusorganisation spricht von einer Auslastung von 90 Prozent – und das, obwohl die Gäste aus dem Ausland wegbleiben. Allein in Ascona und Locarno erwartet man 20’000 Übernachtungsgäste. Prophylaktisch haben mehrere Gemeinden, darunter Ascona und Lugano, eine Maskenpflicht im Freien eingeführt.

Während sich die Hoteliers über klingelnde Kassen freuen, sind nicht alle begeistert über die «Invasion» der Touristen aus der Restschweiz. Zu reden gibt in den sozialen Netzwerken etwa, dass die Touristen, so sie Hotelgäste sind, im Restaurant essen dürfen, während die Einheimischen picknicken müssen. Zudem befürchten manche, die Deutschschweizer nähmen es mit den Corona-Regeln zu wenig genau.

«Touristen tragen keine Maske»

Auch Giovanni Cossi, Präsident der Bürgermeisterkonferenz der Gemeinden des Malcantone, einer bekannten Tourismusregion, ist nicht erfreut. Er wollte vor einem Jahr den Gotthard sperren, um zu verhindern, dass die deutschschweizer Touristen über Ostern ins Tessin strömen. «Das würde im Moment gar nichts mehr bringen, weil die Touristen alle schon hier sind», sagt er.

Bei einem Spaziergang durch Lugano sei ihm aufgefallen, wie wenige deutschschweizer Touristen eine Maske tragen. «Wir appellieren jetzt wirklich an alle: Bitte tragt in der Öffentlichkeit eure Masken, auch Kinder über zehn Jahren. Sonst befürchte ich, dass sich die Corona-Situation im Tessin in den Wochen nach Ostern dramatisch wird.» Die verschiedenen Corona-Mutationen träfen jetzt im Vergleich zur 1. Welle öfter Kinder. «Wir steuern auf eine unvorstellbare Katastrophe zu, gesellschaftlich und wirtschaftlich», sagt Cossi.

«14 Tage nach Ostern droht ein Gemetzel»

Die Reproduktionszahl im Tessin ist noch vor Ostern wieder auf 1,12 hochgeschnellt, auch die Fallzahlen sind zuletzt wieder angestiegen. Äusserst besorgt zeigt sich darum auch Franco Denti, Präsident der Tessiner Ärztekammer: «Ich erwarte in einer Woche 80’000 Touristen aus der Deutschschweiz während einer Pandemie mit einem R-Wert über eins und der ansteckenden britischen Mutation. Auch die Spitäler haben bereits wieder mehr Patienten, ausser den Restaurants ist alles offen. Ich fürchte, dass uns zehn bis 14 Tage nach Ostern hier ein Gemetzel droht.»

Das Problem sei, dass die Deutschschweizer sich weniger gut an die Regeln hielten: «Sie sind hier in den Ferien und verhalten sich anders als zu Hause. Ich hoffe deshalb sehr, dass die Polizei hart durchgreifen, die Touristen sensibilisieren und wenn nötig auch direkt Bussen verteilen wird.»

«Das Tessin freut sich über jeden Touristen – wenn er sich verantwortungsvoll verhält»

Marco Solari, Präsident des Filmfestivals Locarno, sagt zu 20 Minuten: «Die Tessiner Bevölkerung ist enorm gastfreundlich. Das Tessin freut sich über jeden Touristen, der in dieser schwierigen Zeit ins Tessin kommt. Unter einer Bedingung: Die Touristen müssen wissen, dass sie eine Verantwortung haben.» Die Distanzen und die Maskenpflicht, die in den Städten gelte, müssen respektiert werden. Das fordert auch Regierungspräsident Norman Gobbi. «Das Tessin ist nicht der Ballermann.»

Im Tessin habe man grossen Respekt vor dem Virus, sagt Solari, der während der ersten Welle selbst schwer an Covid erkrankte: «Wir haben die Folgen der Pandemie am stärksten gespürt. Wir haben vor einem Jahr erlebt, wie die Leute wie Fliegen starben. Die Zustände in der Lombardei, unserem Nachbarn, haben sich in die Köpfe eingebrannt.» Verhielten sich die Touristen aber verantwortungsvoll, sei er sicher, im August auch das Filmfestival eröffnen zu können.

Ticino Turismo vertraut den Schutzkonzepten

Erfreut über das volle Haus ist Jutta Ulrich, Kommunikationschefin von Ticino Turismo: «Uns freut es natürlich, gar keine Frage.» Sie betont, dass sich die Hotels gut vorbereitet hätten und über Schutzkonzepte verfügten. «Tourismus muss möglich sein. Das haben die Kollegen ja auch gezeigt in den Kantonen, wo Tourismus in den Wintermonaten stattgefunden hat.» Sie stösst sich am Begriff Ansturm, der negativ bewertet sei: «Wir rechnen mit Gästezahlen, wie sie an Ostern üblich sind.»

Verhaltensregeln für die Gäste gibt Ticino Turismo nicht heraus. Jeder solle sich an die vom Bund festgesetzten Regeln halten. «Es gibt Orte, die eine Maskenpflicht ausgesprochen haben, aber das ist auch vom Bund vorgesehen.» Es gebe eine Sensibilisierungskampagne des Kantons, die dezent darauf aufmerksam mache.

Auch der Tourismusdirektor Angelo Trotta sieht das Hauptproblem nicht im grossen Zustrom an Touristen. «Wir sind eher beunruhigt, weil die Restaurants und die Terrassen zubleiben. So könnte es viele Touristen geben, die nicht wissen, wo sie ihre Mahlzeiten essen sollen.»

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Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Deine Meinung

344 Kommentare
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Buba Bär ohne Login

02.04.2021, 08:24

Öffnet die Fitnessstudios und Restaurants für die, die nicht im Tessin hocken.

Luca Luca

01.04.2021, 08:59

«Italien hat zwei Wochen Vorsprung auf die Schweiz»; «Die Spitäler werden nächste Woche überlastet sein»; «Spitäler warnen vor Kollaps nach Weihnachten» - wer’s glaubt wird Seelig! Soll mir bitte jemand aufzeigen, welche dieser Schlagzeilen sich – zum Glück nicht – bewahrheitet hat. Liebe Medien, euch kommt eine riesige Verantwortung zu, also fängt bitte endlich an diese auch tatsächlich wahrzunehmen, anstatt euch mit euren angstschürenden Schlagzeilen aufzuplustern und auch das letzte Stück an Glaubwürdigkeit verliert.

nicht so

01.04.2021, 08:59

das ganze ist ein irrsinn. man lässt die ganze meinte reisen. um dann wenn die Zahlen ach Schreck steigen, alles wieder zu schliessen. die ganze Wirtschaft zu zerstören wenigstens die kleinen. Geld zerstören das Geld aus dem Fenster werfen um irgend welche gross Firmen und Sport Vereine zu unterstützen. sind die alle mit dem corona untergegangen??????