Leben mit Misophonie: «Ich gehe ziemlich allein durchs Leben»
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Leben mit Misophonie«Ich gehe ziemlich allein durchs Leben»

Nadines Hass auf menschliche Geräusche hat sie jahrelang isoliert. Im Interview erzählt die 20-Jährige, wie sie versucht, sich langsam aus der Einsamkeit zu kämpfen.

von
Berit Gründlers
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Nadine ist 20 Jahre alt und leidet seit ihrem zwölften Lebensjahr unter Misophonie - einer Krankheit, über die wenig bekannt ist. Sie äussert sich durch extreme Aggression auf menschliche Geräusche wie Kau- und Schluckgeräusche oder schweres Atmen. Da es für Nadine über viele Jahre unmöglich war, viel Zeit mit anderen Menschen zu verbringen, hat sie sich stark isoliert. Seit einem Jahr macht sie eine Therapie und ist so auf dem Weg der Besserung.

Nadine ist 20 Jahre alt und leidet seit ihrem zwölften Lebensjahr unter Misophonie - einer Krankheit, über die wenig bekannt ist. Sie äussert sich durch extreme Aggression auf menschliche Geräusche wie Kau- und Schluckgeräusche oder schweres Atmen. Da es für Nadine über viele Jahre unmöglich war, viel Zeit mit anderen Menschen zu verbringen, hat sie sich stark isoliert. Seit einem Jahr macht sie eine Therapie und ist so auf dem Weg der Besserung.

Um abschalten und sich auspowern zu können, geht Nadine in den Wald biken. Mit ihrer Familie hat die junge Frau kaum noch Kontakt: «Sie dachten immer, ich sei einfach ein Sensibelchen. Seit ich in Therapie bin und Medikamente nehme, kann ich offener mit meinen Mitmenschen sein. So haben auch meine Eltern verstanden, dass Misophonie eine Krankheit ist.»

Um abschalten und sich auspowern zu können, geht Nadine in den Wald biken. Mit ihrer Familie hat die junge Frau kaum noch Kontakt: «Sie dachten immer, ich sei einfach ein Sensibelchen. Seit ich in Therapie bin und Medikamente nehme, kann ich offener mit meinen Mitmenschen sein. So haben auch meine Eltern verstanden, dass Misophonie eine Krankheit ist.»

«Ich backe auch echt gerne, das entspannt mich und manchmal kommen dabei solche Kreationen heraus», sagt Nadine.

«Ich backe auch echt gerne, das entspannt mich und manchmal kommen dabei solche Kreationen heraus», sagt Nadine.

Hallo Nadine, danke, dass Sie über Ihre psychische Krankheit sprechen wollen. Was genau haben Sie?

Ich leide unter Misophonie. Das ist eine Form der verminderten Geräuschtoleranz. Bestimmte Geräusche lösen in mir eine extreme Wut aus. Man nimmt an, dass es sich um eine neurologische Krankheit handelt. Da sie aber kaum erforscht ist, kann man nicht genau sagen, woher sie kommt. So geht man auch davon aus, dass die Zahl der Betroffenen viel höher ist als gemeldet. Viele schämen sich, ihre Wut auf die Geräusche ihrer Mitmenschen zu formulieren. Oder sie nehmen ihre Symptome nicht ernst.

Auch mich stören hin und wieder die Geräusche meiner Mitmenschen, was ist bei Ihnen anders?

Sie würden niemals so wütend auf diese Person sein wie ich. Sie würden auch nicht persönlich werden. Ich bekomme einen regelrechten Hass auf den Menschen. Menschen mit Misophonie können Geräusche nicht von Gegenständen trennen. Wenn Sie einen Apfel sehen, dann sehen Sie nur einen Apfel. Ich sehe die Frucht und höre das Geräusch, das ein Mensch macht, wenn er den Apfel isst.

Welche Geräusche stören Sie?

Essgeräusche wie Kauen, Schlucken oder Trinken. Aber auch Husten, Atmen, Nasehochziehen, Naseputzen, Klicken mit dem Kugelschreiber oder Bewegungen, etwa mit dem Bein wackeln, lösen diese Wut bei mir aus. Die psychische Belastung wird aber erst richtig heftig, wenn ich eine Person besser kenne. Was natürlich schlimm ist, weil ich es nicht aushalten kann mit Menschen, die mir nahestehen zusammen zu sein.

Was passiert, wenn Sie mit diesen Geräuschen konfrontiert werden?

Ich verkrampfe mich am ganzen Körper und starre den Verursacher an. Ich kann einfach nicht wegschauen, obwohl ich es sollte. Ich fühle dann nur noch Wut und Ekel. Ich bin wütend auf einen Menschen, der eigentlich eine ganz normale, menschliche Tätigkeit ausübt. Das geht so weit, dass ich Gewaltphantasien entwickle.

Wann und wie haben Sie gemerkt, dass Sie Geräusche krankhaft stören und was waren die Symptome?

Das dauerte sehr lang. Denn ich habe nicht geglaubt, dass meine Geräuschempfindlichkeit beziehungsweise die Wut darauf krankhaft ist und mich sehr geschämt. Aber die gemeinsamen Mahlzeiten mit meiner Familie waren der absolute Horror. Vor allem, wenn mein Vater ass, bin ich fast implodiert. Der Moment, in dem ich gemerkt habe, dass es so nicht weitergehen kann, war, als ich daran dachte, ihm etwas anzutun. Ich wollte einfach, dass er aufhört, diese Geräusche zu machen. Damals war ich zwölf Jahre alt. Ich begann, mich selbst zu verletzten, denn ich musste meine Wut rauslassen. Die Ärzte dachten, ich sei depressiv. Dass ich unter Misophonie leide, habe ich erst herausgefunden, als ich im Internet recherchierte.

Wie nehmen Sie denn Ihre Mahlzeiten ein?

Eigentlich immer nur allein in meinem Zimmer. Seit mehr als sieben Jahren habe ich nicht mehr mit meiner Familie gegessen. Ich erinnere mich an ein Familienfest in einem Restaurant. Schon bei der Vorspeise war ich so fertig, dass ich heulend den Raum verliess und mehrere Stunden im Auto gewartet habe, bis wir endlich heimfahren konnten. Ich konnte die vielen Essgeräusche einfach nicht aushalten.

Wie gross muss der Abstand zu einer Person sein, damit Sie ihre Geräusche nicht mehr stören?

Das ist egal. Solange ich zu einer Person Sichtkontakt habe, kann ich mir vorstellen, wie es tönt. Wenn zum Beispiel jemand in 20 Metern Entfernung Kaugummi kaut und ich sehe das, fange ich schon an, mich zu verkrampfen.

Wie hat die Misophonie Ihr Leben verändert?

Sie hat mein Leben übernommen und mich komplett isoliert. Ich wollte mich anderen Menschen irgendwann nicht mehr antun, weil ich ständig so viel Wut in mir hatte. Einige Freunde haben den Kontakt von sich aus abgebrochen, von anderen habe ich mich zurückgezogen, denn ich wollte nicht, dass sie sich schlecht fühlen, weil sie eigentlich ganz normale Geräusche machen. Seither gehe ich sehr allein durchs Leben.

Wie geht es Ihnen heute?

Besser. Ich bin seit einem Jahr in Therapie und nehme Medikamente. Ich fühle mich ruhiger und weniger emotional. Das heisst, die Geräusche stören mich zwar noch, aber ich steigere mich nicht mehr so in die Wut hinein. Es gibt aber keine Hoffnung, dass ich jemals von der Krankheit befreit sein werde. Ich hoffe, dass ich irgendwann wieder ein Sozialleben haben kann, das brauche ich sehr.

Wie sind Sie in Beziehungen mit Ihrer Krankheit umgegangen?

Generell ist Misophonie ein extremer Beziehungskiller. All meine Partnerschaften sind daran zerbrochen. Es ist schrecklich, wenn man eine Person, die man eigentlich sehr mag, nicht ertragen kann. Ich konnte meinen Ex-Freunden oft nicht sagen, warum ich nicht in ihrer Nähe sein wollte. Darum habe ich sie angelogen und Ausreden erfunden. Zu meinem letzten Freund war ich erstmals offen. Leider zerbrach auch diese Partnerschaft. Aber ich bin stolz auf mich, dass ich mich nicht verstellt habe.

Wie geht Ihr Umfeld mit der Misophonie um?

Ich habe kein wirkliches Umfeld mehr. Aber seit es mir besser geht, habe ich gelernt, offener gegenüber anderen zu sein. Ich arbeite in einem Grossraumbüro und es war der Horror, denn der Kollege vor mir isst gern Äpfel und der hinter mir Gurken und Rüebli. Ich konnte nur noch mit Kopfhörern arbeiten und musste meinem Lehrmeister natürlich sagen, was los ist. Er war sehr verständnisvoll. Heute brauche ich keine Musik mehr. In der Berufsschule haben sie gut auf meine Offenheit reagiert und meine Eltern sehen nun endlich ein, dass ich doch nicht nur übersensibel bin, sondern eine Krankheit habe.

Was empfehlen Sie Menschen, die merken, dass es ihnen ähnlich geht?

Man sollte das unbedingt abklären lassen und dem Arzt die Symptome ganz klar schildern. Wann und bei welchen Geräuschen man sich gestresst oder wütend fühlt und was sie auslösen – körperlich und psychisch. Ausserdem sollte man sich früh genug in therapeutische Behandlung begeben und nicht so lange warten. Die Leser können sich auch beim mir melden und es gibt ein Forum. Das hat mir geholfen, denn als ich mich mit anderen austauschen konnte, fühlte ich mich nicht mehr so allein, nicht wie ein Freak.

Wenn Sie mit Nadine in Kontakt treten wollen, senden Sie bitte ein E-Mail an: community@20minuten.ch. Bitte beachten Sie, dass wir Nadine nur Nachrichten weiterleiten, die sich mit dem Thema Misophonie oder dem Artikel beschäftigen.

Misophonie: Der Begriff setzt sich aus den griechischen Worten «misos» (Hass) und «phone» (Geräusche) zusammen und bedeutet: «Hass auf Geräusche». Erkrankte haben eine verminderte Toleranz gegen bestimmte Geräusche, egal, ob diese laut oder leise wahrgenommen werden. Die Krankheit ist noch weitestgehend unerforscht und es gibt wenig Therapieansätze. Es wird aber davon ausgegangen, dass es sich um eine neurologische Störung handelt. Informationen finden Sie unter: www.misophonie.info

Leser stellen sich vor

In dieser Serie stellen sich Leser aus den verschiedensten Bereichen und mit unterschiedlichen Hintergründen vor. Jede Woche wird ein Leser zu einem monatlich wechselnden Thema interviewt. Das Thema im September und Oktober: Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Alle Interviews der Serie «Leser stellen sich vor» finden Sie hier>>

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