Lovely me - «Ich glaube, ich habe wegen meiner Behinderung keinen Job bekommen»
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Lovely me«Ich glaube, ich habe wegen meiner Behinderung keinen Job bekommen»

Deborah leidet an Spina bifida und musste sich etlichen Operationen unterziehen. Ihre Behinderung stellt vor allem bei der Jobsuche ein Problem dar, erzählt die 25-Jährige.

von
Deborah Gonzalez
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Deshalb ist die Aargauerin auf den Rollstuhl...

Deshalb ist die Aargauerin auf den Rollstuhl...

Privat
… und einen Katheter angewiesen. Der Einwegkatheter (links), der etwas grösser ist, als ein Lippenstift, braucht Deborah, um aufs Wc gehen zu können.

… und einen Katheter angewiesen. Der Einwegkatheter (links), der etwas grösser ist, als ein Lippenstift, braucht Deborah, um aufs Wc gehen zu können.

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«Dass ich anders bin als die anderen, habe ich lange gar nicht bewusst wahrgenommen. Für mich war immer alles normal, bis ich mit 13 Jahren beim Oberstufenwechsel zum ersten Mal wirklich damit konfrontiert wurde», sagt sie.

«Dass ich anders bin als die anderen, habe ich lange gar nicht bewusst wahrgenommen. Für mich war immer alles normal, bis ich mit 13 Jahren beim Oberstufenwechsel zum ersten Mal wirklich damit konfrontiert wurde», sagt sie.

Privat

Darum gehts

  • Deborah leidet seit ihrer Geburt an einem offenen Rücken und ist auf einen Rollstuhl angewiesen.

  • In der Oberstufe wurde die Aargauerin von ihren Mitschülern gemobbt.

  • Die 25-Jährige hatte bereits fünf  Rückenoperationen.

  • Zwei Jahre lang suchte sie nach einem Job.

  • Sie vermutet, dass sie wegen ihrer Behinderung laufend Absagen bekommen hat.

«Seit meiner Geburt leide ich an Spina bifida, also einem offenen Rücken. Ich habe eine Fehlbildung an der Wirbelsäule. Ich spüre meine Füsse nicht und bin auf einen Rollstuhl angewiesen. Dank meiner Unterschenkelorthesen, die meine Beine unterstützen, kann ich kurze Strecken laufen. Auch aufs WC kann ich nicht wie ein normaler Mensch: Ich muss meine Blase vier Mal am Tag mit Hilfe eines Katheters entleeren. 

Was ist ein Katheter?

Einmalkatheter sind dünne Plastikschläuche, die in die Harnblase eingeführt und nach dem Einsatz wieder entfernt werden.

Dass ich anders bin als die anderen, habe ich lange gar nicht bewusst wahrgenommen. Für mich war immer alles normal, bis ich mit 13 Jahren beim Wechsel in die Oberstufe zum ersten Mal damit konfrontiert wurde. Am Anfang war es das Mobbing der Jungs, sie haben immer Sprüche geklopft. Ich habe das aber verdrängt und schnell zu vergessen versucht, damit es nicht so weh tut. Trotzdem hat mich das immer beschäftigt, weil ich nicht erwartet hatte, dass Menschen so grausam sein können. Oft sass ich heulend im Unterricht, weil ich nicht weiter wusste. Ich habe angefangen, an mir selbst zu zweifeln.

«Meine mentale Stärke hat mir sehr geholfen»

Doch ich wusste auch: Ich bin wie ich bin und kann das nicht ändern. Diese mentale Stärke hat mir sehr dabei geholfen, dass ich nicht untergehe. Mit 14 habe ich mich zum ersten Mal richtig mit meiner Behinderung auseinandergesetzt. In einem Rehabilitations-Camp für Jugendliche mit einem körperlichen Handicap hatte ich zum ersten Mal Kontakt zu anderen, denen es genauso geht wie mir.  Endlich verstanden zu werden, hat mir sehr geholfen. Dort habe ich es geschafft, meine Psyche und meinen Körper ins Reine zu bringen.

Das war auch nötig, weil mich die fünf Operationen seit meiner Geburt ziemlich ausgelaugt haben. Lange Zeit musste ich auch ein Korsett tragen, was die Skoliose aber nicht verhindern konnte. Mit 16 Jahren wurde meine Wirbelsäure operativ aufgerichtet und links und rechts davon eine Stange eingesetzt. Das soll die Skoliose daran hindern, schlimmer zu werden.

Was ist eine Skoliose?

Als Skoliose wird eine seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule bezeichnet. Die Behandlung umfasst Massnahmen wie Physiotherapie, Gymnastik oder das Tragen eines Korsetts. Die operative Behandlung ist bei starker Verkrümmung mit erheblichen Beschwerden eine Option.

Die Eingriffe haben mir das Leben erschwert, vor allem die letzte Operation, denn die Lehrstellensuche wurde dadurch sehr kompliziert. Ich habe lange nichts gefunden, weil ich auf jede noch so kleine meiner Bewegungen achten musste. Ich wollte aber unbedingt eine Stelle finden – laut den IV-Richtlinien brauchte ich auch eine. Sonst hätte ich in eine spezielle Einrichtung gemusst, was ich aber nicht wollte. Da ich jedoch nichts gefunden habe, wurde ich letztendlich trotzdem dorthin verwiesen. Bei dieser Stiftung habe ich meinen KV-Abschluss machen können.

Es folgten fast zwei Jahre Arbeitslosigkeit. Immer wieder habe ich Absagen bekommen. Ob es an der Behinderung lag,  kann ich nicht nachweisen – glaube es aber. Die Zeit war sehr schwer für mich. Ich wollte immer arbeiten, aber konnte es nicht.  Dass ich nirgendwo eine Chance bekommen habe, war echt frustrierend. Ich bin in ein Loch gefallen und hatte oft keine Motivation mehr. Jede weitere Absage erzeugte noch mehr Frust. Mit jedem Mal wurde es schlimmer. Irgendwann habe ich die vielen Absagen persönlich genommen.

«Mir könnte es nicht besser gehen!»

Meine Familie und Freunde haben mir in dieser Zeit die Kraft gegeben, weiterzumachen. Ich habe mich umorientiert und endlich eine Zusage für ein Praktikum beim Radio bekommen. Das war eine enorme Erleichterung. Endlich hatte ich wieder einen geregelten Alltag und etwas zu erzählen.

Jetzt bin ich Journalistin und es könnte mir nicht besser gehen. Ich bin froh, dass ich einen Job habe, und dass es mir gesundheitlich den Umständen entsprechend gut geht. Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben.»

Reporter*innen ohne Barrieren

Deborah ist Teil von Reporter*innen ohne Barrieren, wo Menschen mit Behinderungen mit Interesse an gesellschaftlichen und politischen Fragen und an Medienarbeit in der journalistischen Arbeit geschult werden. Das Schulungskonzept sieht einen barrierefreien Zugang für alle Behinderungsarten und unterschiedliche Vertiefungsmöglichkeiten vor. Die Teilnehmenden produzieren Beiträge, die über projekteigene Kanäle veröffentlicht werden.

Am 9. März findet in Bern eine Aktion von behinderten Menschen und ihren Organisationen statt, um auf die mangelnde Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention aufmerksam zu machen. 

Lebst du oder lebt jemand, den du kennst, mit einer Behinderung?

Hier findest du Hilfe:

Verzeichnis der Behindertenorganisationen des Bundes

Inclusion Handicap, Dachverband der Behindertenorganisationen Schweiz, Information und Rechtsberatung

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von (Cyber-)Mobbing betroffen? 

Hier findest du Hilfe:

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Fachstelle Mobbing (kostenpflichtig)

Elternberatung, Tel. 058 261 61 61

Hilfe bei Mobbing, Fachstelle für Schulen und Eltern (kostenpflichtig)

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Entsprichst du nicht den klassischen Schönheitsidealen, hast du viele Tattoos oder Body-Modifications? Hast du eine Krankheit, mit der du zu leben gelernt hast, oder hattest du einen Unfall, und seither ist alles anders, aber nicht unbedingt schlechter? Dann erzähle uns davon! Für unser Format «Lovely Me» suchen wir Männer und Frauen, die nicht den klassischen Idealen unserer Zeit entsprechen und sich trotzdem – oder gerade deswegen – wohlfühlen. Zeig dich, lasse uns an deinen Erfahrungen mit Selbstliebe und Body-Positivity teilhaben:

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