Tourismus in der Todeszone: «Ich glaube nicht, dass das gefährlich ist»
Aktualisiert

Tourismus in der Todeszone«Ich glaube nicht, dass das gefährlich ist»

Tschernobyl als Touristenattraktion: 25 Jahre nach der Atomkatastrophe kommen immer mehr Besucher in die 30-Kilometer-Sperrzone.

von
Verena Schmitt-Roschmann
dapd

Hübsch soll alles sein für das grosse Jubiläum. So hocken an diesem windig-feuchten Frühlingstag zwei Grüppchen von Arbeitern in blauen Kitteln am Strassenrand und pinseln die Bordsteinkante weiss an. Alles blitzblank und vorzeigbar. Die Maler tragen Mundschutz. Das ist der einzige Hinweis, dass nur hundert Meter entfernt der berüchtigte Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl unter einem klapprigen Sarkophag weiter vor sich hinstrahlt.

In der Nacht zum 26. April 1986 flog der Reaktor in die Luft. In der darauf folgenden dramatischen «Schlacht um Tschernobyl» löschten Hunderte, Tausende, Zehntausende Helfer in dem radioaktiven Koloss zunächst einen hartnäckigen Brand. Anschliessend bauten sie unter Einsatz von Leib und Leben jene notdürftige, einsturzgefährdete Betonhülle, die aussieht wie aus dem Heimwerkerkasten – zusammengestoppelt und brüchig und wenig Vertrauen erweckend. Auf der Aussichtsplattform vor der Ruine fangen Strahlenmessgeräte an zu piepsen und zu knattern. Westliche Besucher ziehen den Mundschutz auf und beäugen misstrauisch ihre Dosimeter.

Nikolai Fomin dagegen versteht die ganze Aufregung nicht. «Ich glaube nicht, dass das gefährlich ist», sagt der 24-Jährige mit dem freundlichen Teenagergesicht. Er kramt nachlässig in seinem Camouflage-Anzug nach seinem Geiger-Zähler. «Hier», sagt er und zeigt schliesslich das gelbe Ding. «Das ist nicht mehr Strahlung als in einem Flugzeug. Wollen Sie bald im Flugzeug auch eine Gesichtsmaske aufziehen?»

Traumjob Tourguide

Nun muss man vielleicht wissen, dass Nikolai hier als offizieller Führer der Chornobyl Interinform Agency des ukrainischen Informationsministeriums zugange ist. Beschwichtigen gehört wohl zu seinem Job. Aber er meint es ernst. Tourguide in der Todeszone, das ist sein Traumberuf: «Ich mag diesen Job und ich möchte hier so lange wie möglich weiter arbeiten», sagt der Absolvent eines Tourismus-Studiengangs.

Makaberes Reiseziel: Tschernobyl

Zukunftssicher scheint seine Stelle jedenfalls zu sein. Allein im vergangenen Jahr kamen 7000 Besucher in die 30-Kilometer-Sperrzone rund um den Katastrophenreaktor. «Es werden immer mehr», sagt Nikolai zufrieden.

Die Verschönerungs-Massnahmen könnten sich daher schon bald auszahlen. Nicht nur der Bordstein vor der Atomruine soll weiss erstrahlen. Überall werden die schwarz-weissen Leitplanken neu gestrichen, Strassen neu geteert, Äste und Laub abtransportiert. Im Ort Tschernobyl, etwa zehn Kilometer vom Reaktor entfernt, wird sogar ein neuer Park angelegt. Warum auch nicht? Rund 4000 Menschen arbeiten dort, weitere 3000 in dem inzwischen stillgelegten Kraftwerk. Zwar bleiben die Arbeiter immer nur tageweise und erholen sich anschliessend ebenso lang ausserhalb der verstrahlten Zone. Doch warum sollten sie es hier nicht auch etwas heimeliger haben?

Gondeln baumeln am Riesenrad

Diese befremdliche Normalität, dieser nüchterne Umgang mit den unsichtbaren, nicht hörbaren, nicht schmeckbaren radioaktiven Risiken, der leise Zweifel über die deutsche Neigung zur Hysterie, sobald es um irgendeine Art von Strahlung geht - all das wird erst wieder zurecht gerückt hinter dem Schlagbaum der abgeriegelten Geisterstadt Pripjat.

Knapp 50 000 Menschen lebten einst in dieser Musterstadt der Kraftwerksingenieure. Reich waren die Bewohner, die Brieftaschen voll mit gutem Geld aus der gigantischen, auf sechs Reaktorblöcke angelegten Energiefabrik hinter einem Wäldchen nur zwei Kilometer entfernt. Alle Ukrainer wollten angeblich hierher in die tollen neuen Plattenbauten der Reissbrettkommune.

Nun verrottet im Hochparterre des «Hotel Polesje» das Parkett, die Scheiben sämtlich eingeworfen, die alte Rezeption verschimmelt, im obersten Stockwerk wächst wunderlich eine Birke aus dem Beton. Aus den Wohnblocks rundum ist längst das letzte Restchen Verwertbares geplündert worden. Sträucher und Moos wuchern über einstige Alleen, enthauptete Strassenlampen ragen durchs Dickicht. Und immer noch baumeln die vermoderten Sitze des Karussells und die Gondeln des gelben Riesenrads auf dem Platz hinter dem Hotel im Wind.

Es sind Kinderträume, die nie in Erfüllung gingen. Zu den Feierlichkeiten am 1. Mai 1986 sollte der Rummel in Betrieb gehen. Am 27. April, 36 Stunden nach der Explosion in Block 4, wurden die Bewohner von Pripjat in Bussen abtransportiert. Für zwei, drei Tage müsse man sich in Sicherheit bringen, hiess es damals. Nein, nichts mitnehmen ausser Pass und Papieren. Sie kamen nie wieder. Die Strahlung im Staub der Häuser ist bis heute zum Teil gefährlicher als direkt vor dem Reaktor-Sarkophag. Nur noch der Abklatsch von Erinnerungen lebt in diesem gespenstischen Ort weiter - und ein anscheinend herrenloser, grauweiss gefleckter Hund.

Tagesausflüge

Die von offiziellen Führern begleiteten Tagesausflüge mit dem Bus von Kiew aus werden von verschiedenen Veranstaltern in der ukrainischen Hauptstadt angeboten. Sie kosten umgerechnet ab umgerechnet etwa 100 Euro pro Person, je nach Grösse der Gruppe.

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