«Dschungelcamp»: Ich hab Matura - ich schalte ein!
Aktualisiert

«Dschungelcamp»Ich hab Matura - ich schalte ein!

Wer glaubt, nur leichte Gemüter würden die RTL-Show «Dschungelcamp» schauen, irrt: Gebildete ergötzen sich genauso an der labilen Sarah wie Gewöhnliche.

von
Philipp Dahm

Es ist wie im Kindergarten. (Ehemals) Prominente werden in eine Spielgruppe gesteckt, der Mob wird leicht unter Druck gesetzt, und wenn einer im Sandkasten nicht mitspielen mag, zeigen alle mit dem Finger auf den Buhmann, der den Rest der Gruppe fortan in Abneigung vereint. Dass sich für die Rolle des schwarzen Peters besonders labile kleine Mädchen eignen, haben Daniel Küblböck («Deutschland sucht den Superstar»), Gisele Oppermann und Fiona Erdmann («Germany's Next Topmodel») hinlänglich bewiesen.

Der Klum-Castinsghow ist nun auch Sarah Knappik entsprungen, die nun bei («Ich bin ein Star – Holt mich hier raus») den Part der verwöhnten Nerv-Ziege übernommen hat. Wer nun aber glaubt, die Schlagzeilen über sie würden bloss Blöde und Asoziale interessieren, liegt weit daneben.

Kein «Unterschichtenfernsehen»

In Deutschland hat jeder dritte Zuschauer der RTL-Show Abitur, zeigt das Medienportal «DWDL» auf. 25 Prozent des Publikums haben einen Hochschulabschluss, bei so verschiedenen Gruppen wie Arbeitern, Angestellten oder Beamten liegt der Marktanteil bei über 30 Prozent. Auch bei Einkommensgruppen gibt es kaum Unterschiede: «Das Unterschichtfernsehen ist eine Mär», fasst «DWDL» zusammen.

Alle sind also vor den Bildschirmen dabei, wenn Sarahs Ruf als «Nervensäge» («Welt») forciert wird. Das eigene mediale Geltungsbewusstsein wird der 24-Jährigen dabei zum Verhängnis: Weil sich Sarah gerade noch in der «Vox»-Sendung «Das perfekte Promi-Dinner» auf Fleisch freute, kommt ihr plötzlicher Urwald-Vegetarismus wenig glaubwürdig daher.

Wenn Sarah den schwarzen Peter macht

Wohlwissend fragte Moderatorin Zietlow das Mädchen dann, ob sie schon immer so gegessen habe. Knappiks Antwort: «Schon als Kind habe ich mich vor Fleisch geekelt und da bleibe ich mir einfach treu.» Die Konsequenz in der realen Welt? «Dschungel-Sarah treibt Lügerei auf die Spitze», dröhnt die Website «PromiFlash.de», die einen Abgrund des Unterhaltungsjournalismus darstellt. Andere Überschriften sind: «Wer tritt Sarah dieses Mal in den Hintern?» oder «So fies fällt Froonck Sarah in den Rücken!»

Genüsslich werden dort Lästereien des geschassten Camp-Kandidaten Frank Maththée ausgebreitet («Deshalb waren wir alle wütend auf sie»). Scheinheilig ist, dass die üble Nachrede anderer «fies» ist, aber die eigene nicht. Und zwar das Gerede eines Kerls, der sich nach seinem Dschungel-Auszug am meisten auf seine Mutti freut, die ihm erst mal ein ordentliches Essen kochen will - womit wir wieder beim Kindergarten wären.

Dschungel-«taz»: «Seid ihr noch ganz frisch?»

Wie stark das «Dschungelcamp» polarisiert, muss derzeit die alternative Berliner Tageszeitung «taz» erfahren, die schon vor Beginn der RTL-Show ein Interview mit Kandidat Rainer Langhans führte. «Ich war einmal berühmt, und dann bin ich abgestürzt. Ich kam nicht mehr vor, es gab mich nicht mehr. Ich hoffe, wie die anderen Dschungelbewohner auch, mich durch das Camp zu resozialisieren», sagte der polygame Althippie dort. Als im Weiteren Langhans-Gespielinnen in Kolumnen über die TV-Geschehnisse berichteten, platzte einem Teil der Leserschaft der Kragen.

«Liebe taz, bitte verschone mich mit dieser Rubrik! Die passt in die Bild-Zeitung, aber nicht zu euch», zitiert das «Taz Blog» einen Kommentator. «Vor 20 Jahren hab ich mein allererstes Weihnachtsgeld geopfert, um guten, linken Journalismus zu fördern. Nicht, um die Lohhudeleien zweier Langhans-Gefährtinnen zu lesen», ein anderer. Zusammengefasst ist die «taz»-Anhängerschaft in meuterischer Aufruhr: «Die Frage sei erlaubt: Seid ihr noch ganz frisch?» Schon reagierte die Redaktion und veröffentlichte unter dem Titel «Warum diese Verachtung» eine Antwort auf die geharnischten Kritiken.

Diskussionen überall: Wie viel ist inszeniert?

Die Moral von der Mediengeschicht' macht auch das «Forenecho: Wann fliegt Sarah Knappik?» auf dem TV-Portal «Quotenmeter» zum Thema. «Sind wir doch ehrlich, jeder da bekommt von RTL den Stempel aufgedrückt, den die Zuschauer in Deutschland sehen wollen», meint dort der eine Zuschauer, während der andere dagegenhält: «Was RTL aber nicht machen kann, ist, Aussagen die getroffen wurden, ändern. Und da bleibt ja bestehen, dass Sarah einige Dinger rauskloppt, Prüfungen durch seltsame Reaktionen versaut, bezüglich ihres Vegetarismus alle anlügt.»

RTL sendet derweil ein Interview mit Camp-Arzt «Dr. Bob», der ausplaudert, Sarah habe ihn aus medizinischen Gründen um Essen angebettelt. Doch sie habe nur für sich gefragt und nicht für die anderen. Sie sei gesund und jung, er habe sie abgewiesen. Am Sonntag noch äusserten sich auch die Moderatoren Sonja Zietlow und Dirk Bach: «Wir möchten nichts inszenieren – wir nehmen das, was uns geboten wird», sagte Erstere «DWDL». Letzterer ergänzt: «Nein, das ist wirklich nicht unsere Art. Inszenieren möchten wir nicht, wir spiegeln nur das, was wir erleben.»

Was meinen Sie?

Die Leserschaft dieser Website ist in einer noch jungen Diskussion ebenso uneins. Minnie meint: «Wer sich den Quatsch anschaut, ist ja eh selber schuld und soll sich nicht beklagen.» Peschä widerspricht: «Vor allem, wie RTL öffentlich inszeniert, wie Sarah gemobbt wird. Das ist moralisch äusserst verwerflich und möglicherweise auch rechtlich bedenklich! Hier wird die psychische Misshandlung einer jungen Frau als Unterhaltungsprogramm verkauft, das ist inakzeptabel.»

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