Falscher Täter: «Ich habe Angst, das Haus zu verlassen»

Aktualisiert

Falscher Täter«Ich habe Angst, das Haus zu verlassen»

Die «New York Post» zeigte gestern Fahndungsbilder auf ihrer Titelseite – die falschen. Der abgebildete Teenager, Sohn marokkanischer Einwanderer, fürchtet seither um sein Leben.

von
kri

Die Boston-Bomber sind aller Wahrscheinlichkeit nach identifiziert, doch der rasche Ermittlungserfolg wird überschattet von einer Falschmeldung mit potentiell schwerwiegenden Konsequenzen: Die «New York Post», berüchtigt für ihre unzimperlichen Methoden, zeigte am Donnerstag auf der Titelseite ihrer Freitagsaugabe zwei Männer und behauptete, es handle sich um die beiden Gesuchten. Das FBI werde die Fahndungsbilder noch am selben Tag offiziell veröffentlichen, hiess es.

Tatsächlich zeigte die Bundespolizei am selben Abend Bilder von zwei Personen, die unter Verdacht stehen, den Anschlag auf den Boston Marathon verübt zu haben. Aber es waren nicht die der «New York Post». Einer der beiden zu Unrecht verdächtigten «Bag Men» ist Salaheddin Barhoum. Die Behörden betonten umgehend, der 17-jährige Sohn marokkanischer Einwanderer habe nichts mit den Anschlägen zu tun.

Vater übt Kritik an Medien

Doch vor der «New York Post» waren schon etliche Hobby-Detektive auf sein Bild gestossen und hatten ihn als möglichen Täter identifiziert. Deshalb traut sich der unschuldige Teenager nicht mehr aus dem Haus. Er glaubt, einige werden ihn für das Verbrechen verantwortlich machen, egal wer am Schluss verurteilt wird. Auf Facebook wurde er bereits angefeindet. «Momentan können wir uns nicht sicher fühlen», sagte sein Vater gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Die Medien sollten sich ihrer Sache sicher sein, bevor sie etwas publizieren, sagte er.

Salah Eddin Barhoum hatte einen guten Grund, am Boston Marathon dabei zu sein: Er ist selbst begeisterter Leichtathlet und hat auch schon Preise gewonnen. Sein Fall illustriert die Schattenseiten des Crowdsourcing-Ansatzes des FBI: Wer die Bevölkerung um Mithilfe bittet, ruft auch Hobby-Detektive und Medien auf den Plan, eigene Ermittlungen anzustellen und eigene «Ermittlungsergebnisse» zu präsentieren – mit teilweise katastrophalen Konsequenzen.

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