22.02.2017 08:28

Doktor Sex«Ich habe beim Sex Versagensängste!»

Seit er eine neue Frendin hat, plagen Noah diffuse Symptome und Befürchtungen. Könnten seine hohen Ansprüche der Grund dafür sein?

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Ängste können die Paarsexualität total vermiesen. (Szene aus «Old School», DreamWorks SKG)

Ängste können die Paarsexualität total vermiesen. (Szene aus «Old School», DreamWorks SKG)

Frage von Noah (31) an Doktor Sex: Ich leide seit ein paar Monaten unter sexueller Unlust. Sichtbar wurde das, seit ich mich vor zwei Monaten auf eine Beziehung einliess. Ich war deshalb auch schon beim Arzt. Mein Hauptproblem ist, dass ich häufig leichten Harndrang verspüre, der sich bei sexuellen Aktivitäten verstärkt. Auch nach etlichen Untersuchungen konnte keine Ursache festgestellt werden. Ich vermute daher, dass meine Probleme rein psychisch bedingt sind – und ich mir alles nur einbilde.

Ich verspüre aktuell einfach kein Verlangen nach Sex, was ich aus meiner Vergangenheit so nicht gewohnt bin. Es liegt auch definitiv nicht an meiner Partnerin, denn die finde ich sexuell total attraktiv. Langsam fange ich an, an mir zu verzweifeln. Zudem kommt verstärkt die Versagensangst auf. Ich habe generell etwas höhere Ansprüche an mich selbst, was Beruf, Sport, das Auftreten und Sonstiges betrifft. Kann einem das zu sehr in den Kopf steigen und dann solche Probleme verursachen?

Antwort von Doktor Sex

Lieber Noah

Sogenannte Versagensängste beim Sex sind in meiner Praxis immer wieder ein Thema. Jedoch werden sie ausschliesslich von Männern geäussert. Ich habe noch nie von einer Frau gehört, dass sie sich davor fürchtet, beim Sex zu versagen. Diese Ausschliesslichkeit hat wesentlich mit dem Bild zu tun, das viele Männer und auch die Gesellschaft vom Mann-Sein haben – nicht nur, aber auch beim Sex. Für den Mann geht es im Leben darum, sich in eine vorgegebene Struktur einzufügen und an dem ihnen zugewiesenen Ort die höchstmögliche Leistung zu erbringen.

Was die Beziehung zu Frauen angeht, bedeutet das, eine potentielle Partnerin auf der freien Wildbahn von den eigenen Vorzügen, sprich von der sozio-ökonomischen Potenz zu überzeugen, sie in der Folge nach allen Regeln der Flirtkunst zum Sex zu verführen, dabei zum exakt richtigen Zeitpunkt eine hammerharte Erektion zu haben und die im Sturm eroberte Angebetete mit diesem prallen Zepter der Lust zu für sie nie dagewesenen Orgasmen zu bringen. Auch wenn dies keinem Mann wirklich gelingt, bleibt der Anspruch fest in den Köpfen verankert und führt so zu unsäglichem Leisten und Leiden.

Wen wundert es, dass diese nicht enden wollende Qual früher oder später zu physischen und psychischen Symptomen führt. Bevor es aber zum totalen Kollaps, also zur Erschöpfungsdepression oder zum Burn-out kommt, zeigen sich viele kleine Anzeichen, die für sich genommen keinen Krankheitswert haben. Dazu gehören unter anderen auch die bei gestressten Männern häufig auftretenden erektilen Dysfunktionen, bei denen keine körperlichen Symptome nachweisbar sind, und – so wie bei dir – Lustlosigkeit.

Wenn du dein Problem an der Wurzel angehen willst, gibt es eigentlich nur einen Weg: den, deine Wertvorstellungen einer radikal kritischen Prüfung zu unterziehen. Von deiner Haltung und von deinen Überzeugungen hängt letztlich nämlich ab, was du in deinem Alltag tust oder lässt. Im Buch «Die andere Sicht» von Richard Casanova ist beschrieben, worauf bei einer solchen Selbstreflexion zu achten ist. Weil Prägungen sehr stark mit der Sozialisation eines Menschen zusammenhängen, ist es oft sinnvoll, eine solche Persönlichkeitsanalyse mit fachlicher Begleitung anzugehen. Alles Gute!

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