09.07.2020 18:43

Unruhen in Belgrad

«Ich habe das Vertrauen in die Regierung verloren»

In Belgrad reisst die Corona-Protestwelle nicht ab. Die Polizei geht inzwischen mit grosser Gewalt gegen die Demonstranten vor. Serben vor Ort erzählen, wie die Stimmung ist.

Darum gehts

  • In der serbischen Hauptstadt Belgrad ziehen Tausende Demonstranten durch die Strassen.
  • Dabei kommt es zu chaotischen und gewaltsamen Szenen.
  • Serben vor Ort erzählen, wie die Stimmung ist. Sie berichten von Verunsicherung und überfüllten Spitälern.

Die Politik des serbischen Präsidenten Aleksandar Vucic zur Bekämpfung der Corona-Pandemie führt seit Tagen zu Strassenschlachten zwischen Demonstranten und Bereitschaftspolizisten. Videos auf Twitter zeigen, wie Polizisten auf die Demonstranten einprügeln. Aber auch die Demonstranten reagieren mit Gewalt. Fernsehstationen senden Live-Bilder von chaotischen Szenen. Doch wer sind die Leute, die in der serbischen Hauptstadt auf die Strassen gehen?

Laut einem Belgrader (46) handelt es sich dabei einerseits um Personen, die gegen die geplanten Corona-Massnahmen demonstrieren. «So weit ich weiss, gibt es keine richtige politische Organisation, die dahinter steckt und klare Forderungen an die Regierung stellt.» Auf der anderen Seite gebe es zahlreiche Bürger, die mit der Regierung allgemein unzufrieden sind: «Ein grosser Teil ist einfach nur wütend. Die Menschen hier fühlen sich seit Jahren hintergangen. Die Corona-Krise hat ihnen zusätzlich die Augen geöffnet.»

Genau dieser Unmut zeige sich nun auf den Belgrader Strassen: «Sie werfen mit Fackeln und Steinen gegen das Parlamentsgebäude.» Die Polizei gehe wiederum brutal gegen die Demonstranten vor. «Kürzlich haben sie sogar Menschen verprügelt, die ruhig protestiert hatten. Die Situation ist chaotisch und macht uns Angst.»

Corona-Massnahmen verärgerten Belgrader

Wie ein 21-jähriger Student aus Belgrad erzählt, nimmt er selbst nicht an den Demonstrationen teil: «Ich kenne aber viele in meinem Alter, die hingehen.» Seine Uni-Kollegen begannen mit den Protesten, nachdem die Regierung drohte, die Studentenheime zu schliessen. «Wir waren erleichtert, als diese Massnahme nicht umgesetzt wurde.»

Doch es sollten neue, drastische Corona-Massnahmen folgen, die zahlreiche Belgrader verärgerten, wie der 21-Jährige sagt. «Die Beschlüsse der Regierung konnte niemand wirklich nachvollziehen. Zumal es während der Wahlen hiess, dass wir die Situation im Griff hätten. Wir fühlten uns hintergangen. So artete das Ganze aus.»

Instagram-Post von Vucic

Am Donnerstag hat sich der serbische Präsident Aleksandar Vucic an die Bevölkerung gewandt. Während eines Flugs nach Paris postete er ein Video auf Instagram. Darin sagt er: «Liebe Bürger, ich verspreche Ihnen, dass wir trotz der gewalttätigen Hooligan-Angriffe, die uns alle schockieren, Frieden und Stabilität beibehalten können.» Vucic bittet die Menschen in Belgrad, Novi Sad und anderen Städten, sich nicht gegen die Schläger zu wehren. «Das werden wir als Staat tun. Wir werden dagegen vorgehen und wir werden gewinnen. Wir werden den Frieden in unserem Land aufrechterhalten. Kapitulation war nie eine Option. Ich fliege jetzt nach Paris, um für Serbien zu kämpfen. Wir sehen uns bald. Serbien wird gewinnen.»

«Wir werden angelogen und getäuscht»

Dass das serbische Volk verunsichert ist, sagt auch eine Frau aus dem Belgrader Stadtteil Zemun. «Ich weiss nicht mehr, wem oder was ich glauben soll. Das Vertrauen in die serbische Regierung habe ich verloren.» Sie ist überzeugt: «Wir werden angelogen und getäuscht.»

Eine 45-jährige Frau, die ursprünglich aus einer Stadt südlich von Belgrad stammt und seit über zehn Jahren in der serbischen Hauptstadt wohnt, sagt dazu: «Das Schlimmste für mich ist, wie sich unser Präsident an das Volk wendet. Er gibt den Bürgern die Schuld an der Situation. Er behauptet, weil wir uns nicht an die Regeln halten, würde das Coronavirus sich nun ausbreiten. Wir werden als die Dummen dargestellt.»

«Spitäler sind völlig überlastet»

Dabei sei es die Regierung gewesen, die während den Wahlen die Corona-Massnahmen lockerte, so die 45-Jährige. «Sie haben alles vertuscht. Wir wissen nicht, wie viele Infizierte und wie viele Tote es wirklich gibt.» Die Situation eskaliere nicht nur auf den Strassen, in den Spitälern herrsche ebenso Ausnahmezustand: «Diese sind überfüllt und völlig überlastet.»

Ein Ärztin, die in einem Spital rund hundert Kilometer von Belgrad entfernt arbeitet, sagt: «Wir hatten bis vor Kurzem nur eine einfache Schutzmaske pro Tag zur Verfügung. Wir haben so viele Patienten und sind völlig überarbeitet. Die Zahlen, die die Regierung veröffentlicht, stimmen nicht mit unseren Eindrücken überein.»

Coronavirus in Serbien

In der Zeit des Corona-Ausnahmezustands von Mitte März bis Anfang Mai hatte die Regierung die Ausbreitung der Pandemie mit Ausgangssperren bekämpft. Sie galten jeweils in der Nacht und über ganze Wochenenden hindurch und wurden mit grosser Strenge behördlich durchgesetzt. Die Infektionszahlen gingen deutlich zurück.

Seit gut zwei Wochen stecken sich wieder um die 300 Menschen pro Tag nachweislich mit dem Virus Sars-CoV-2 an. Besonders die Hauptstadt Belgrad ist betroffen. Vucic hatte am Dienstag erklärt, dass die Krankenhäuser in Belgrad bereits mit Patienten voll seien. Am Mittwoch wurden erneut 357 Ansteckungen mit dem Coronavirus gemeldet.

(20Minuten, SDA)

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