10.11.2020 16:00

Teenagerschwangerschaft«Ich habe erst im siebten Monat gemerkt, dass ich schwanger bin»

Als Valeriana Sebastião-Pedro mit 15 zur Frauenärztin ging, glaubte sie, einen Tumor im Bauch zu haben. Doch beim Ultraschall stellte sich heraus, dass die Schülerin schwanger war.

von
Jacqueline Straub
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Valeriana, ihr Freund Giulian und ihr einjähriger Sohn Jerome.

Valeriana, ihr Freund Giulian und ihr einjähriger Sohn Jerome.

Privat
Valeriana bemerkte erst im siebten Monat, dass sie schwanger ist.

Valeriana bemerkte erst im siebten Monat, dass sie schwanger ist.

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Valeriana beteuert, nichts von ihrer Schwangerschaft bemerkt zu haben. «Ich hatte meine Tage immer mal wieder unregelmässig», sagt sie. Auch die Gewichtszunahme beunruhigte die damals 15-Jährige nicht. 

Valeriana beteuert, nichts von ihrer Schwangerschaft bemerkt zu haben. «Ich hatte meine Tage immer mal wieder unregelmässig», sagt sie. Auch die Gewichtszunahme beunruhigte die damals 15-Jährige nicht.

Privat

Darum gehts

  • Valeriana wurde mit 15 Jahren schwanger.

  • Erst im siebten Monat bemerkte sie ihre Schwangerschaft – sie stand kurz vor dem Schulabschluss.

  • Mit dem Vater des Kindes ist sie noch immer zusammen.

  • Vor kurzem hat sie nun eine Ausbildung gestartet.

«Sie sind im siebten Monat schwanger», sagte die Frauenärztin vor eineinhalb Jahren zu Valeriana Sebastião-Pedro (17). Für Valeriana ein Schock: «Ich dachte, dass mein Leben nun vorbei ist.»

Valeriana beteuert, nichts von ihrer Schwangerschaft bemerkt zu haben. «Ich hatte meine Tage immer mal wieder unregelmässig», sagt sie. Auch die Gewichtszunahme beunruhigte die damals 15-Jährige nicht. «In der Schule hatte ich viel Druck, weil die Abschlussprüfungen anstanden. Zur Stressbewältigung habe ich mehr gegessen als sonst.» Als sie nach sieben Monaten ihre Periode immer noch nicht bekommen hatte, vereinbarte ihre Mutter einen Termin bei einer Frauenärztin. «Meine Mama wusste nicht, dass ich schon Sex hatte, und dachte, dass ich einen Tumor oder so habe», sagt die 17-Jährige. «Wir hatten beide Angst vor einer schlimmen Diagnose.»

Schock und Tränen

Ihre Mutter bestand darauf, ihre Tochter zur Gynäkologin zu begleiten. Die Ärztin verteilte das kalte Gel auf Valerianas Bauchdecke, fuhr mit dem Ultraschallkopf darüber. Statt eines Tumors zeigte das Bild im Monitor ein Baby. «Ich blickte auf mein Kind auf dem Bildschirm, dann zu meiner Mutter. Mein Herz blieb fast stehen.» Sie und ihre Mutter brachen sofort in Tränen aus. «Doch dann sagte meine Mama noch im Behandlungszimmer, dass sie für mich und das Baby da sein werde. Das hat mich etwas beruhigt», so Valeriana.

Ihre grösste Angst war, wie ihr Freund Giulian reagieren würde. Zu diesem Zeitpunkt waren die beiden noch nicht einmal ein Jahr zusammen. Als Valeriana ihrem Freund noch am selben Abend von der ungeplanten Schwangerschaft erzählte, weinte das junge Paar stundenlang. «Wir schaffen das», versicherte der heute 18-Jährige seiner Freundin immer wieder.

Schwangerschaftskurse statt Ausbildung

Am nächsten Tag begann für die werdende Mutter ein Organisationsmarathon: Sie musste die Schule und die Ausbildnerin der Lehrstelle über die Schwangerschaft informieren.

Valeriana schämte sich und machte sich Sorgen, was ihre Klassenkameraden über sie denken würden. Doch ihre Freunde und die Lehrpersonen nahmen die Botschaft gut auf: «Ich habe grossen Support erfahren.» Weniger Glück hatte sie mit ihrer Lehrstelle zur Detailhandelsfachfrau in einer Bäckerei: Weil ihr Ausbildungsplatz nicht freigehalten werden konnte, verlor Valeriana die Stelle.

Während ihr nahes Umfeld gut auf die ungeplante Schwangerschaft reagiert habe, habe sie sich aus dem erweiterten Umfeld bisweilen auch schlimme Aussagen anhören müssen: «Bei euch in Afrika ist es ja normal, so jung schwanger zu werden», sagte ihr eine Nachbarin. «Einige Menschen denken offenbar, dass alle Frauen aus Afrika Teenagermütter seien. Meine Mutter wurde Mitte 20 zum ersten Mal schwanger!», betont Valeriana.

Während ihre Freunde nach dem Schulabschluss ihre Ausbildungen antraten, begann ihr neues Leben: Sie besuchte Schwangerschaftskurse, dekorierte das Kinderzimmer, besorgte Kleider, Wickeltisch, Kinderwagen und alles, was ein Neugeborenes braucht. Nach und nach wurde ihr Jugendzimmer in der Wohnung ihrer Mutter auch zum Babyzimmer.

Rassismus wegen Teenagerschwangerschaft

Im August 2019 setzten bei Valeriana die Wehen ein. «Die Geburt ging vierzehn Stunden, dann war mein Sohn endlich auf der Welt. Ich habe ihn von der ersten Sekunde an geliebt», sagt sie. «Jerome ist das Beste, was mir passieren konnte.» Wie alle Mütter hatte auch Valeriana schlaflose Nächte und Berge schmutziger Wäsche. Ihre Bedürfnisse musste sie hinten anstellen. Ihre Mutter unterstützte sie nach Kräften.

Um finanziell nicht von der Mutter abhängig zu sein und selbstständiger leben zu können, schrieb Valeriana etliche Bewerbungen. Zu Beginn kostete es sie Überwindung, in ihren Lebenslauf zu schreiben, dass sie bereits ein Kind hat. Doch schliesslich hatte sie Glück: Seit drei Monaten absolviert die 17-Jährige nun eine dreijährige Hauswirtschaftslehre. «Während ich arbeite, betreut eine Bekannte oder meine Mutter meinen einjährigen Sohn.»

Trotz Kind noch Teenager sein

Valeriana wohnt noch bei ihrer Mutter in Eschenz. «Ohne die Unterstützung meiner Mama würde es nicht gehen», sagt sie. Giulian sieht sie nur am Wochenende. «Wenn wir beide mit der Ausbildung fertig sind, wollen wir zusammenziehen.»

Für die junge Familie ist es nicht immer einfach: «An manchen Tagen streiten wir, weil uns alles überfordert», gibt Valeriana zu. Dann wünscht sich das Paar für einen kurzen Moment, die Verantwortung abgeben zu können. Aber die Schwangerschaft habe die Beziehung des Paars auch gestärkt, und sie hätten keine Sekunde daran gedacht, sich zu trennen, sagt Valeriana. Trotz Kind dürfen sie auch noch Teenager sein: Wenn Valeriana und Giulian in den Ausgang gehen, passen die Mütter der Teenie-Eltern auf Jerome auf. «Ich gehe aber erst, wenn ich alle Hausarbeiten erledigt habe.»

Immer weniger Teenagerschwangerschaften

2019 brachten 277 Frauen zwischen 15 und 19 Jahren ein Kind zur Welt. Zehn Jahre zuvor, 2009, waren es noch 646 Teenie-Mamas. (Quelle: Bundesamt für Statistik)

«Ich staune, wie gut sie ihre neue Rolle meistern»

Vicente Marti ist Koordinator für die ambulanten Dienste bei «Heime Auf Berg AG», wo auch minderjährige Mütter betreut und begleitet werden.

Vicente Marti ist Koordinator für die ambulanten Dienste bei «Heime Auf Berg AG», wo auch minderjährige Mütter betreut und begleitet werden.

www.aufberg.ch

Herr Marti, welche jungen Frauen sind besonders anfällig für eine Schwangerschaft in der Jugend?

Studien belegen, dass Teenie-Mütter meist selbst auch ein Kind einer Teenie-Mama sind. Aber ansonsten kommen Teenagerschwangerschaften in allen Schichten vor.

Welche Gefahren birgt eine Teenie-Schwangerschaft?

Teenie-Mütter sind oft zu wenig reif. Die Mädchen sind selbst noch mitten in der Pubertät, sie wollen ihr Leben geniessen, in den Ausgang gehen und die Schule oder die Ausbildung beenden. All das können sie nun nicht mehr. Sollten junge Frauen keine soziale Unterstützung im familiären Umfeld erhalten, besteht die Gefahr, dass sie emotional zu kurz kommen und schneller überfordert sind mit den neuen Aufgaben. Das ist weder für sie noch für das Baby gut. Teenie-Mütter ziehen sich auch vermehrt von ihren Freunden zurück, weil ihre Lebenswelt sich verändert hat. Hinzu kommt, dass eine Teenagerschwangerschaft vom Umfeld und der Gesellschaft oft zu wenig akzeptiert wird.

Müssen sich Teenie-Mütter finanzielle Sorgen machen?

Nein, in der Schweiz werden junge Mütter durch Kanton und Gemeinde gut unterstützt. Es gibt auch viele Beratungsstellen und neben der öffentlichen Fürsorge eine grosse Anzahl von privaten Hilfsorganisationen. Zudem gibt es viele Mutter-Kind-Häuser, an die sich junge Mütter wenden können.

Vor welchen Herausforderungen stehen die jungen Mütter?

Sie müssen Verantwortung für ihr Kind übernehmen, ihre Bedürfnisse zurückzustellen und sich in die Mutterrolle einleben.

Und die Väter?

Die jungen Männer müssen sich damit auseinandersetzen, dass sie nun Väter sind. Auch sie müssen ihre eigenen Bedürfnisse hinten anstellen. Viele Väter stecken selbst noch in der Ausbildung und der Identitätsfindung und leben oft nicht bei der Partnerin und dem Baby.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Wenn das Kind etwa die ganze Nacht schreit und man völlig übermüdet in der Schule sitzt, am Nachmittag mit dem Kind auf dem Arm Schulaufgaben und Hausarbeiten zu erledigen hat, stellt das eine grosse Herausforderung für junge Menschen dar, die ihre Freizeit eigentlich mit Gleichaltrigen verbringen möchten. Das leichte Leben, das etwa der Partybesuch und das lange Ausschlafen am Wochenende beinhaltet, gibt es mit Kind nicht mehr.

Sind Teenager überhaupt fähig, Eltern zu sein?

Es ist sicherlich nicht einfach für sie. Aber ich staune immer wieder, wie junge Mütter und auch Väter ihre neue Rolle meistern. Obwohl die Belastungen sehr hoch sind und viel Neues bewältigt werden muss, schaffen sie es. Aber ja, es gibt auch junge Frauen, die damit überfordert sind. In unserer Institution, dem Mutter-Kind-Haus, bieten wir diesen jungen Müttern und Familien Unterstützung in ihrer neuen Lebenssituation an oder besuchen sie regelmässig zu Hause.

Was macht eine Schwangerschaft mit der Beziehung junger Eltern?

Die Schwangerschaft stellt das junge Paar vor eine zusätzliche Herausforderung. Die Beziehungen junger Paare sind meist noch wenig gefestigt, sodass viele Beziehungen auseinandergehen, vor allem wenn das Paar auf sich allein gestellt ist. In unserer Institution arbeiten wir deswegen mit dem ganzen familiären System eng zusammen.

Wird das Thema Teenagerschwangerschaft romantisiert?

Ich finde nicht. Ich finde es wichtig, dass schwangere Jugendliche eine gute Beratung erhalten und begleitet werden. Ihnen muss klar aufgezeigt werden, was es heisst, nun Mutter oder Vater zu sein.

Was macht eine Teenie-Schwangerschaft mit den Eltern der minderjährigen Schwangeren?

Es ist sicher eine zusätzliche Belastung, die bei manchen zu Überforderung führt. Intakte Familien können mit der Schwangerschaft des Kindes besser umgehen.

Bist du oder jemand, den du kennst, ungeplant schwanger geworden?

Hier findest du Hilfe:

Beratungsstellen nach Region

Appella, Telefon- und Onlineberatung

Pro Juventute, Tel. 147

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