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Lovely Me«Ich habe kein einziges Haar mehr am Körper»

Tanja leidet seit Jahren an Alopecia, einer Krankheit, bei der die Haare ausfallen. Deswegen fühlt sie sich aber nicht weniger weiblich.

von
Meret Steiger
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Tanja lebt in Uetliburg und arbeitet als HR-Leiterin in einem Spital. Die 41-Jährige ist seit fast acht Jahren komplett kahl.

Tanja lebt in Uetliburg und arbeitet als HR-Leiterin in einem Spital. Die 41-Jährige ist seit fast acht Jahren komplett kahl.

zvg
Das ist Tanja vor ihrer Krankheit. Angefangen hat alles vor rund acht Jahren: «Im Juni 2012 hatte ich am Hinterkopf plötzlich eine kahle, kreisrunde Stelle etwa von der Grösse eines Fünflibers.»

Das ist Tanja vor ihrer Krankheit. Angefangen hat alles vor rund acht Jahren: «Im Juni 2012 hatte ich am Hinterkopf plötzlich eine kahle, kreisrunde Stelle etwa von der Grösse eines Fünflibers.»

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Danach ging es sehr schnell: «Ende 2012 begannen mir die Haare an den Schläfen auszufallen und im März 2013 war ich komplett kahl.»

Danach ging es sehr schnell: «Ende 2012 begannen mir die Haare an den Schläfen auszufallen und im März 2013 war ich komplett kahl.»

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Darum gehts

  • Tanja ist 41 Jahre alt und hat seit fast acht Jahren kein einziges Haar mehr am Körper.

  • Sie leidet unter Alopecia universalis, einer Krankheit, bei der alle Haare ausfallen und nicht mehr nachwachsen.

  • Der Verlust der Haare war anfangs nicht leicht: «Nach zwei Monaten und vielen Stunden beim Psychiater habe ich eine Entscheidung getroffen: Ich werde mein altes Leben hinter mir lassen.»

  • Heute geht es Tanja gut: «Ich habe gelernt mich zu lieben, auch ohne Haare. Ich bin angekommen und habe mich wieder als Frau gefühlt.»

Tanja, was ist an dir besonders?

Ich habe keine Haare mehr und werde sehr wahrscheinlich auch keine mehr bekommen. Meine Krankheit heisst Alopecia, ich leide unter der stärksten Form, der Alopecia universalis, bei der die Haare am ganzen Körper ausfallen.

Wann hat das angefangen?

Im Juni 2012 hatte ich am Hinterkopf plötzlich eine kahle, kreisrunde Stelle etwa von der Grösse eines Fünflibers. Das wurde mit Cortison behandelt und nach zwei Monaten wuchsen dort wieder Haare. Ende 2012 begannen mir die Haare an den Schläfen auszufallen und im März 2013 war ich komplett kahl.

Wie bist du damit umgegangen?

Am Anfang war es wahnsinnig schwer. Mir ging es schlecht, ich war traurig und litt an einer starken Depression. Zum Glück hat mein Mann mich damals sehr unterstützt, genau wie viele meiner Freunde, die mir zur Seite standen. Ich habe dann auch Menschen kennengelernt, die ebenfalls unter Alopecia leiden, die ich heute nicht mehr missen möchte. Nach zwei Monaten und vielen Stunden beim Psychiater habe ich eine Entscheidung getroffen: Ich werde mein altes Leben hinter mir lassen.

Was hast du dann gemacht?

Ich habe meine Stelle gekündigt, obwohl ich krankgeschrieben war, habe mir eine Perücke gekauft und neue Herausforderungen gesucht. In dieser Zeit habe ich auch meinen Freundeskreis ausgemistet, mich selbst hinterfragt und an mir gearbeitet. Nach einigen Monaten konnte ich dann auf einen neuen Menschen blicken: Ich habe gelernt mich zu lieben, auch ohne Haare. Ich bin angekommen und habe mich wieder als Frau gefühlt.

Wirst du auf der Strasse angesprochen oder angestarrt?

Das kommt hin und wieder vor. Meistens erhalte ich positiven Zuspruch und Komplimente, vor allem für meine positive Ausstrahlung. Angestarrt werde ich bestimmt auch, ich bemerke es aber nicht (mehr). Da ich ja «oben ohne» herumlaufe, muss ich damit rechnen, dass es Menschen gibt, die schauen. Würde ich ja auch machen.

Wie geht es dir heute?

Mir geht es super. Seit ich damals meine Haare verloren habe, ist viel Zeit vergangen und es hat sich viel geändert. Im Gegensatz zu früher habe ich nicht nur geträumt, sondern einen Teil meiner Träume erfüllt. Der Beginn meiner Krankheit war für mich und meinen Mann schwierig, aber umso dankbarer bin ich ihm heute für die 20 gemeinsamen Jahre. Liebt man sich selbst, dann strahlt die innere Schönheit nach aussen – und die ist unvergänglich.

Tanja ist 41 Jahre alt und wohnt in Uetliburg SG. Sie ist Leiterin im HR eines Spitals und backt in ihrer Freizeit gern.

Alopecia

Im Normalfall fallen dem Menschen durchschnittlich zwischen 70 und 100 Kopfhaare pro Tag aus und werden ersetzt. Wenn mehr Haare ausfallen und nicht mehr nachwachsen, dann spricht man von Alopecia oder auch Alopezie. Die häufigste Form ist die Alopecia androgenetica, eine normale Erscheinung des Älterwerdens: Etwa 80 Prozent aller Männer weltweit sind betroffen. Weitere Formen sind die Alopecia areata, bei der kreisrunder Haarausfall auftritt, und die Alopecia universalis, bei der alle Haare am Körper ausfallen.

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