Weltuntergangs-Angst – «Ich habe keine Lust, mich um Lebensmittel zu prügeln»
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Weltuntergangs-Angst «Ich habe keine Lust, mich um Lebensmittel zu prügeln»

Im Film «Don’t Look Up» droht der Erde die Auslöschung durch einen Meteoriten, was vielen Menschen egal zu sein scheint. Ganz anders sieht es in der realen Welt aus, wo immer mehr Menschen Angst vor dem Weltuntergang haben. Drei Leserinnen berichten.

von
Gabriela Graber
Christiane Binder
Deborah Gonzalez
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In der Netflix-Produktion «Don’t Look Up» mit Leonardo DiCaprio droht ein Meteorit, die Erde zu vernichten. Wir haben bei der 20-Minuten-Community nachgefragt, ob sie Angst vor Katastrophen und Krisen haben.

In der Netflix-Produktion «Don’t Look Up» mit Leonardo DiCaprio droht ein Meteorit, die Erde zu vernichten. Wir haben bei der 20-Minuten-Community nachgefragt, ob sie Angst vor Katastrophen und Krisen haben.

Netflix
Die 24-jährige Sabrina glaubt, dass die Menschheit irgendwann vor dem Abgrund stehen wird: «Ich habe Angst vor meiner Zukunft, aber auch vor der Zukunft für die Generationen nach mir.» Mit ihren Ängsten ist sie nicht alleine …

Die 24-jährige Sabrina glaubt, dass die Menschheit irgendwann vor dem Abgrund stehen wird: «Ich habe Angst vor meiner Zukunft, aber auch vor der Zukunft für die Generationen nach mir.» Mit ihren Ängsten ist sie nicht alleine …

Privat
… Auch die 24-jährige N.G* plagen Weltuntergangs-Ängste: «Es gab Zeiten, da habe ich nicht in den Himmel schauen können aus Angst, dass jeden Moment ein Asteroid herunterstürzen könnte.»

… Auch die 24-jährige N.G* plagen Weltuntergangs-Ängste: «Es gab Zeiten, da habe ich nicht in den Himmel schauen können aus Angst, dass jeden Moment ein Asteroid herunterstürzen könnte.»

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Darum gehts:

  • In der Netflix-Produktion «Don’t Look Up» mit Leonardo DiCaprio droht ein Meteorit, die Erde zu vernichten.

  • Satirisch überspitzt spielt die Komödie auf die Ignoranz gegenüber Gefahren wie dem Klimawandel an.

  • Drei 20-Minuten-Leserinnen erzählen, wovor sie am meisten Angst haben.

Der Klimawandel, die Corona-Pandemie, Wirtschaftskrisen – für viele Menschen scheint die Welt aus den Fugen zu geraten. Einige Schweizer*innen bereiten sich gar auf Blackout-Szenarien vor und besuchen entsprechende Survival-Kurse. «Ängste vor Krisen oder gar dem Weltuntergang haben zugenommen», sagt eine Psychologin (siehe Interview unten).
Der erfolgreiche Netflix-Film «Don’t Look Up» passt also in die Zeit: Eine schwarze Komödie über die Auslöschung der Menschheit durch einen Meteoriten. Auch 20-Minuten-Leser*innen fürchten sich von dem Weltuntergang. Sie berichten:

«Irgendwann stehen wir alle vor dem Abgrund»

Sabrina (24): «Ich glaube nicht, dass die Welt in einem Hollywood-ähnlichen Szenario durch herabstürzende Meteoriten oder durch die Sonne, die die Erdoberfläche verbrennt, untergehen wird. Aber ich glaube daran, dass wir Menschen – oder zumindest ein grosser Teil der Menschheit – sich auf ein unschönes Ende zubewegt. Ich sehe in meinem Umfeld so viel Schmerz, Leid, Hass, Machtspiele und Geldgier.

Irgendwann stehen wir alle wegen eines Krieges, Krankheiten oder fehlenden Ressourcen am Abgrund. Ich denke, dass wir viele zukünftige Probleme verhindern könnten, wenn wir nachhaltiger leben und freundlicher miteinander umgehen würden. Ich bin 24 Jahre alt und habe Angst vor meiner Zukunft, aber auch vor der Zukunft für die Generationen nach mir.»

«Die Sonne kommt und holt uns alle!»

N.G.* (24): «Mit etwa acht oder neun Jahren las ich in einem Buch, dass die Sonne irgendwann die Erde zerstören würde und verspürte erstmals lähmende Angst vor dem Weltuntergang. Kurz darauf machte ich mit meiner Familie Sommerferien in Spanien. Die Sonne schien stark – mich überkam plötzlich eine riesige Angst: Die Sonne kommt und holt uns alle!

Von dem Moment an habe ich unter Weltuntergangs-Ängsten gelitten. Es gab Zeiten, da habe ich nicht in den Himmel schauen können aus Angst, dass jeden Moment ein Asteroid herunterstürzen könnte. Am schlimmsten sind meine Ängste an Neujahr: Jeder Jahreswechsel bedeutet für mich, dass wir dem Weltuntergang ein Jahr näherkommen.

Im Jahr 2021 ging es mir ganz schlecht. Grund dafür war ein Komet, der in der Nähe der Erde vorbeischoss. ‹Shit, jetzt ist es soweit›, dachte ich und lag tagelang wie paralysiert im Bett. Ich möchte unbedingt Kinder haben, doch ich weiss nicht, ob ich es verantworten kann, sie in eine derart unsichere Welt zu setzen. Im Moment habe ich keinen Mut, darüber nachzudenken.»

«Für Trauer, dass unser gewohntes Leben zerbröckelt, war kaum Platz»

Laura* (31): «Ich war schon immer auf Leistung, Karriere und Geld fokussiertbis vor drei, vier Jahren die Wende kam. Ich arbeitete damals zu viel und fragte mich: Ist das das echte Leben? Worum geht es wirklich? Als die Corona-Pandemie begann, häuften sich solche Gedanken. Doch die grössten Sorgen der Firmen schienen mir nur: Wie regeln wir das Homeoffice, ohne dass wir an Produktivität einbüssen? Für Trauer, dass unser gewohntes Leben zerbröckelt, war kaum Platz.

Die Klimaziele für 2030 und 2050 können wir kaum erreichen. Das Schlimme ist, dass, sobald etwas kostet oder es uns nicht unmittelbar betrifft, es niemanden interessiert. Letztes Jahr gab es etwa in Ländern des Globalen Südens eine grosse Dürre und Hungerkrise, die hier kaum thematisiert wurde. Dass auch wir zu unseren Lebzeiten eine Lebensmittelknappheit erleben werden, ist für mich nicht unrealistisch — und ich habe echt keine Lust, mich irgendwann um Essen prügeln zu müssen.»

*Namen der Redaktion bekannt.

«Angst vor Krisen und Weltuntergang nimmt zu»

Psychologists for Future sind Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen, die ihr Fachwissen zur Verfügung stellen, zur Bewältigung der Klimakrise und zur Förderung einer nachhaltigen Zukunft. Daniella Nosetti-Bürgi, Psychologin, Psychotherapeutin und Mitglied der Organisation Psychologists for Future hat Fragen unsere Fragen beantwortet.

Psychologists for Future sind Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen, die ihr Fachwissen zur Verfügung stellen, zur Bewältigung der Klimakrise und zur Förderung einer nachhaltigen Zukunft. Daniella Nosetti-Bürgi, Psychologin, Psychotherapeutin und Mitglied der Organisation Psychologists for Future hat Fragen unsere Fragen beantwortet.

Psychologists for Future

Frau Nosetti-Bürgi, nehmen Weltuntergangsängste, Klimaängste und andere Ängste zu?

Seit der Corona-Pandemie wird Weltuntergangsangst durch die Medien beinahe permanent geschürt. Zahlen dazu kenne ich nicht, aber Ängste vor Krisen oder gar dem Weltuntergang haben sicher zugenommen.

Was kann man in diesen Fällen tun?

Es geht darum, diese Ängste und Sorgen ernst zu nehmen und Betroffene darin zu unterstützen, diese Gefühle nicht zu verdrängen, sondern sie auszuhalten. Wer dies schafft, kann daraus den Impuls erhalten, ins Handeln zu kommen. Dazu gehört es, die psychologischen Mechanismen zu verstehen und aufzuzeigen, welche Verhaltensänderungen notwendig sind – denn die Klimakrise ist auch eine psychologische Krise. Ein Vergleich dazu: Die Angstreaktion von jemandem, auf den ein Auto zurast, gibt den lebensrettenden Impuls, den Sprung auf die Seite zu machen.

Was ist mit Menschen, die sich angesichts der Probleme wie gelähmt fühlen?

Wenn wir gelähmt sind, ist unsere Angst zu gross, als dass wir damit umgehen könnten. Hier müssen wir Auswege aufzeigen und helfen, herauszufinden, welchen Beitrag wir leisten können. So kommen wir in die Selbstwirksamkeit. Es ist wichtig, zu begreifen, dass jeder Mensch einen Beitrag leisten kann.

Wie können sich Betroffene selbst helfen?

In erster Linie ist es wichtig, dass man darüber redet und in die Selbstwirksamkeit kommt: Dazu gibt es viele Möglichkeiten: Man kann sich Gruppen oder Organisationen anschliessen oder mit Apps den eigenen ökologischen Fussabdruck unter Kontrolle halten, aber auch regional und biologisch einkaufen, minimalen Abfall produzieren und vieles mehr.

Was gibt Ihnen persönlich Halt und Hoffnung?

Es offenbart sich mir immer mehr, dass das alte System zusammenbricht und sich dadurch die Chance für etwas Neues entwickeln kann: Auf einer neuen Basis, in Achtsamkeit im Umgang mit sich selbst, mit anderen Menschen, Tieren und dem ganzen Planeten.

Hast du oder jemand, den du kennst, ähnliche Sorgen und Ängste?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Kinderseele Schweiz, Beratung für psychisch belastete Eltern und ihre Angehörigen

Verein Postpartale Depression, Tel. 044 720 25 55

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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