Aktualisiert 11.10.2011 12:13

Junge drängen nach Bern«Ich habe mehr zu bieten, als der Darling zu sein»

Anita Borer steht direkt hinter Christoph Blocher auf der Zürcher SVP-Liste für den Nationalrat. Wie die 25-Jährige ihr Verhältnis zum alt Bundesrat sieht.

von
Jessica Pfister

Anita Borer war eine gute, fleissige Schülerin. Auf einer Bank beim Spielplatz vor ihrem ehemaligen Primarschulhaus in Niederuster erinnert sich die 25-Jährige an ihre Schulzeit zurück. «Besonders gerne habe ich Vorträge gehalten und Mathe war mein Lieblingsfach», sagt Borer, die heute bei der Zürcher Kantonalbank als Kundenberaterin arbeitet. Auch zu Schulaufgaben musste man sie nie zwingen. Eine Streberin also? «Diejenigen, die fleissig waren, wurden manchmal so bezeichnet, ja», sagt sie, lächelt ein wenig verlegen und streicht sich über ihre schicke schwarze Hose. Ein Fach, welches die junge Anita in der Schule vermisst hat, war Politik. «Im Gymnasium hatten wir zwar Staatskunde, doch die Materie war viel zu abstrakt, um sich etwas darunter vorzustellen.» Vielmehr hätte sie sich gewünscht, dass die Lehrpersonen die Schüler dazu ermuntert hätten, sich ihre eigene Meinung zu bilden.

Politisch ihre Position bezogen hat Anita Borer dann auch ohne Hilfe der Schule. Mit 19 habe sie verschiedene Parteiprogramme studiert und Veranstaltungen besucht. «Der Schweiz ging es gut, und deshalb wollte ich einer Partei beitreten, die für eine selbstbewusste Schweiz eintritt und bewährte Grundwerte aufrechterhalten will», sagt sie. Mit der Jungen SVP, die sich klar von der EU distanzierte und zu mehr Eigenverantwortung aufrief, habe sie sich am besten identifizieren können. Vier Jahre später avancierte sie zur Präsidentin der Zürcher Jungpartei, in der kantonalen Mutterpartei wurde sie in den Vorstand und dann in die Geschäftsleitung gewählt. Der Höhepunkt folgte im Mai dieses Jahres, als sie die SVP Zürich auf den zweiten Listenplatz hievte - gleich hinter Zugpferd Christoph Blocher. Das sprunghaft steigende Medieninteresse hat die 25-Jährige überrumpelt. «Als Präsidentin der Jungen SVP habe ich immer um Aufmerksamkeit gekämpft und plötzlich stand ich als Person im Mittelpunkt. Das war schon eigenartig», so Borer. Geärgert habe sie sich über den Ausdruck «Blochers Darling», den interne Kritiker verwendet haben, um ihren guten Listenplatz zu erklären. Dabei kenne sie Christoph Blocher nicht besser als andere in der Partei. «Ich habe mehr zu bieten, als der Darling von jemandem zu sein».

Singen im Auto als Ausgleich

Um die Wähler von sich zu überzeugen, tingelt die Jungpolitikerin zurzeit mit ihrem Auto durch den ganzen Kanton, fährt von Veranstaltungen zu Podiumsdiskussionen, hält Referate und verteilt an Standaktionen Flyer und Tirggel - von Christoph Blocher. «An den Standaktionen werben wir auch für Parteikollegen und unsere Initiativen, das ist völlig normal», erklärt Borer. Die Bankangestellte gibt laut eigenen Angaben ein paar Zehntausend Franken für ihren Wahlkampf aus - das Geld stammt aus der eigenen Kasse, von Wahlspenden und Sponsoren. Als eine grosse Stütze bezeichnet Borer auch ihre Familie. «Mein Wahlkampfteam besteht hauptsächlich aus meiner Mutter und meinen zwei jüngeren Geschwistern, die mir immer wieder auch Arbeit abnehmen und mir vor allem auch Halt geben.»

Die 25-Jährige, die soeben ihren Bachelor in Unternehmenskommuniktion abgeschlossen hat, wohnt zurzeit noch bei ihrer Familie in Uster. Mehr möchte sie über ihre Liebsten nicht verraten. «Ich trenne Politik und Privates strikt», sagt sie und wird auf einmal sehr ernst. Sie brauche einen Ort, wo sie sich zurückziehen könne, das müssten auch die Medien akzeptieren. Offener spricht Borer über ihre Hobbys, wie dem Inlineskating, dem Keyboardspielen und dem Singen. «Für das Keyboard fehlt mir momentan die Zeit, doch das Singen im Auto, während ich über die Landschaft zu meiner nächsten Wahlveranstaltung fahre, ist eine gute Entspannung.» Eine besondere Präferenz, was die Musikrichtung angeht, hat sie dabei nicht. «Hitparade bis hin zur Klassik, worauf ich gerade Lust habe.»

«Wurde auch schon im Ausgang angepöbelt»

Lust hat Borer auch auf die Bundespolitik. Vor allem den Jungen möchte sie dort eine Stimme geben. Auf die Frage, was diese ihrer Meinung nach am stärksten beschäftigt, kommt die Antwort für einmal nicht nach langer Überlegung, sondern blitzschnell: «Die steigende Gewalt.» «Ich wurde selbst schon im Ausgang angepöbelt und weiss, wie gross das Unsicherheitsgefühl unter den Jugendlichen ist.» Sie plädiere deshalb für ein schärferes Strafgesetz, bei dem die Jungen die Konsequenzen für ihr Handeln stärker spüren sollen. Ausserdem will sie die Bürokratie in den Schulen eindämmen. «Höherer administrativer Aufwand durch zahlreiche Reformen führt dazu, dass das Unterrichten immer weniger im Zentrum steht.» Das sei ein Grund gewesen, weshalb sie ihre Ausbildung zur Primarlehrerin vor zwei Jahren abgebrochen habe.

Trotz klarer Überzeugungen und gutem Listenplatz ist sich Borer bewusst, dass sie keine einfache Ausgangslage für die Nationalratswahlen hat. «Ich verfüge nicht über jene parlamentarische Erfahrung meiner Konkurrenten», sagt sie. Erst seit knapp fünf Monaten sitzt die junge Zürcherin im Kantonsrat und ebenso kurz nimmt sie als Nachrückerin im Gemeinderat von Uster an den Sitzungen teil. «Die Atmosphäre im Gemeinderat ist harmonischer, im Kantonsrat können schon einmal die Fetzen fliegen.» Ihr liege beides und wenn es am 23. Oktober nicht klappe, werde sie diese Mandate natürlich weiterführen. Sie wolle aber nicht alles von der Politik abhängig machen - ein Standbein in der Privatindustrie sei ihr ebenso wichtig. «Ich nehme die Politik so ernst wie nötig und so locker wie möglich.»

Kurz gefragt

Was können junge Politiker besser als ältere?

Sie gehen vielleicht noch unvoreingenommener an eine Sache ran. Junge sind meist voller Tatendrang.

Wer ist Ihr politisches Vorbild?

Ich habe kein konkretes Vorbild aber viele Menschen, die ich bewundere. Die Liste wäre aber zu lang, um alle aufzuzählen.

Angenommen sie werden gewählt - welche zwei Dinge würden sie nach Bern mitnehmen?

Mein Handy, um meine Familie und Freunde zu erreichen und gesunden Menschenverstand, für die Debatte im Rat.

Was würden Sie im Nationalrat als erstes anpacken?

Verbesserungen im Sicherheitsbereich.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Ich nehme alles so, wie es kommt. An eine Familie denke ich zur Zeit nicht, aber alles ist möglich.

Serie zu Jungpolitikern

20 Minuten Online porträtiert diese Woche jeden Tag eine Jungpolitikerin beziehungsweise einen Jungpolitiker. Dabei wurde darauf geachtet, dass alle grossen Parteien einmal vorkommen und nicht zwei Kandidaten aus demselben Kanton stammen.

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