30.06.2020 02:57

Übergriffe im Militär

«Ich habe meinen Hauptmann wegen sexueller Belästigung angezeigt»

Im Lift versuchte er, sie zu küssen, er schickte Nachrichten im Minutentakt und machte unmoralische Angebote: Mona* (24) fühlte sich im Militärdienst immer wieder von ihrem Ausbilder bedrängt – schliesslich zeigte sie ihn an.

von
Anja Zingg

Darum gehts

  • Mona* erlebte während ihrer Zeit im Militär immer wieder Bedrängungen von ihrem Vorgesetzten.
  • Nachdem sie sich den Grad als Leutnant abverdient hatte, fand sie den Mut, ihn anzuzeigen.
  • Bei 20 Minuten erzählen weitere Frauen, wie sie ihre Zeit im Militärdienst erlebt haben.
  • Armeesprecher Stefan Hofer dementiert ein Sexismusproblem.

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Frauen im Militär: Immer noch die Ausnahme. (Symbolbild)

Frauen im Militär: Immer noch die Ausnahme. (Symbolbild)

Keystone/Sigi Tischler
Mona* hat gegen ihren Vorgesetzten in der Armee Anzeige eingereicht. (Symbolbild)

Mona* hat gegen ihren Vorgesetzten in der Armee Anzeige eingereicht. (Symbolbild)

Keystone/Christian Beutler

Er habe sie geküsst und sie immer wieder gedrängt, Zeit mit ihm zu verbringen. (Symbolbild)


Er habe sie geküsst und sie immer wieder gedrängt, Zeit mit ihm zu verbringen. (Symbolbild)

Keystone/Gaetan Bally

Ein Kuss, eine Übernachtung im gleichen Bett, eine Flut von Nachrichten: Viel zu viel habe sie ihrem Armeeausbilder zugelassen in dieser Zeit, weil ihr die Kraft gefehlt habe, sich zu wehren. Immer wieder habe ihr der sechs Jahre ältere Hauptmann Angebote gemacht, erzählt Mona. Versucht, sie zu überzeugen, Zeit mit ihm zu verbringen. «Das alles, während ich in einer Ausnahmesituation war. Der Militärdienst war streng, ich war die einzige Frau. Er war mein direkter Vorgesetzter und mein Ausbilder. Das Machtgefälle war enorm. Ich habe mir ständig überlegt, wie viel ich ihm geben muss, damit er mich wieder eine Zeit lang in Ruhe lässt!»

Sie habe sich ohnmächtig gefühlt in dieser Zeit. Demgegenüber standen die freundschaftlichen Gefühle, die sie für ihren Vorgesetzten durchaus hegte. «Er war für mich auch eine Stütze. Deswegen habe ich Dinge getan, die ich eigentlich nicht wollte, eine Nacht bei ihm im Bett verbracht etwa.» Wenigstens sei dort «nichts passiert». «Ich dachte, wenn ich dort schlafe, hab ich die nächsten Wochen Ruhe.»

Eine Stütze und Belastung zugleich

Was in den Wochen im Militär geschehen war, liess ihr keine Ruhe. Nachdem sie sich den Grad des Leutnant abverdient hatte und er nicht mehr ihr Vorgesetzter war, dauerte es noch eineinhalb Jahre, bis die 24-Jährige den Mut fand, sich zu wehren. «Ich habe gegen meinen Hauptmann Anzeige wegen sexueller Belästigung eingereicht.» Das Urteil des Militärgerichts war jedoch ein herber Schlag für Mona: Zwar wurde festgehalten, dass der Beschuldigte sich gegenüber Mona nicht korrekt verhalten und somit seine Dienstvorschriften nicht befolgt hat. Weil die Vorfälle als leichte Dienstverletzung eingestuft wurden und diese nach zwölf Monaten verjähren, blieb der Beschuldigte straffrei.

«Ich habe lange überhaupt nicht realisiert, dass mir Unrecht angetan wurde. Die Ausbildung bringt dich körperlich wie psychisch an deine Grenzen. Dabei noch gegen die Belästigung anzukämpfen, sie überhaupt als solche wahrzunehmen, lag für mich in diesem Moment nicht drin. Und als ich die Kraft und den Mut hatte, war es zu spät.»

«Fälle dürfen nicht bagatellisiert werden»

Corina Elmer, Geschäftsführerin der Frauenberatung sexuelle Gewalt in Zürich, hört täglich Schicksale wie das von Mona. «Je grösser das Machtgefälle zwischen zwei Personen, desto höher das Risiko, dass dieses ausgenutzt wird. Und je konservativer das Umfeld, desto geringer das Bewusstsein, das überhaupt etwas vorgefallen ist.» Oft würden Übergriffe als «Bagatelle» abgetan. Sprüche, Berührungen, Grenzüberschreitungen gehörten halt einfach dazu, das sei ja nicht so schlimm, heisse es dann. «Aber auch diese Fälle sind Übergriffe und dürfen nicht kleingeredet werden.» Es sei wichtig, dass gewisse Bilder aus den Köpfen der Menschen verschwinden. «Zum Beispiel die absurde Idee, dass es schmeichelhaft ist, wenn sich Männer einer Frau aufzwingen.»

Wer sich wehre, erlebe oft einen Spiessrutenlauf. «Gerade wenn die Möglichkeit besteht, dass man seinen Job verliert oder dass es sonst berufliche Konsequenzen mit sich zieht, ist die Hemmschwelle für eine betroffene Frau, einen Vorfall zu melden, sehr gross», so Elmer. Dennoch rät die Fachfrau Betroffenen, sich Hilfe zu holen, zum Beispiel bei Beratungsstellen. «Information und Unterstützung stärken die Position der Opfer wesentlich.»

Elmer fordert, dass Vorgesetzte konsequenter geschult und sensibilisiert werden. Gerade bei starken Hierarchien sei es wichtig, dass Regeln von zuoberst kommen und auch vorgelebt werden.

«Egal ob in der Armee, einem Grossunternehmen oder an einer Universität: Es braucht standardisierte Abläufe, damit sich Betroffene wehren können. Tätern muss klar sein, dass in jedem Fall hingeschaut wird. Das erhöht ihre Hemmschwelle.»

«Die Männer kamen in der Nacht in mein Schlafzimmer»

Mona ist nicht die Einzige, die von ihren Erfahrungen als Frau im Militärdienst erzählen möchte. Auf einen Aufruf von 20 Minuten meldeten sich mehrere Soldatinnen.

Für Patrizia* (22) zum Beispiel war die Rekrutenschule traumatisierend. «Dumme Sprüche waren an der Tagesordnung, Grenzen wurden immer wieder überschritten.» So habe sie schon in der zweiten Woche von Männern Geschenke nach Hause gesendet bekommen. Von wo die Verehrer ihre Adresse hatten, weiss sie nicht.

Patrizia sagt, sie habe sich nie richtig akzeptiert gefühlt. «Als Frau muss man sich doppelt beweisen. Ständig hört man: Die kann das eh nicht, die ist eine Frau.» Wenn sie dann tatsächlich etwas nicht schaffte oder mal jammerte, hiess es: «War ja klar als Frau. Du tust dir das ja freiwillig an.»

Nachts fühlte sie sich besonders unsicher. «Es kam mehrmals vor, dass jemand mitten in der Nacht in mein Zimmer kam.» Andere Rekruten hätten ihre Unterwäsche gestohlen oder sie im Schlaf gefilmt. «Einer kletterte abends in der Dunkelheit auf meinen Balkon und sah mir zu, wie ich mich umzog.» Sich an ihre Vorgesetzten zu wenden, sei keine Option gewesen, so Patrizia «Sie waren Teil des Problems, viele Sprüche kamen von ihnen.» Warum hat sie nicht einfach abgebrochen? «Ich fühlte mich dazu verpflichtet, darum hab ich es durchgezogen.»

Michelle hat die RS Spass gemacht

Michelle* (23) hat ihre RS ganz anders erlebt: «Meine Ausbildung im Militär hat mir sehr viel Spass gemacht. Ich werde sie immer in guter Erinnerung behalten.» Darum hat sie sich auch entschieden, nach der RS weiterzumachen. Zurzeit steckt sie mitten in der Ausbildung zur Offizierin.

Doch auch ihr kommen verschiedene Situationen in den Sinn, in denen sie sich unwohl gefühlt hat. «Als ich meine Hand verletzt hatte, machten Soldaten, darunter auch Vorgesetzte, hinter meinem Rücken Witze darüber, dass sie mir im Bett behilflich sein könnten. Später hat sich mein Vorgesetzter dafür entschuldigt.» Michelle geht von Einzelfällen aus und denkt nicht, dass die Armee ein grundsätzliches Problem mit sexueller Belästigung habe. «Passiert doch mal was, scheint die ganze Institution damit überfordert zu sein

Armeesprecher: «Sexuelle Übergiffe sind selten»

Armeesprecher Stefan Hofer dementiert, dass es strukturellen Sexismus im Militär gibt. «Abgesehen vom ungleichen Geschlechterverhältnis ist die Schweizer Armee ein Abbild der Gesellschaft. Sexuelle Übergriffe oder Belästigungen gibt es, sie sind aber sehr selten.» Gemeldete Fälle würden konsequent untersucht, geahndet und in schweren Fällen strafrechtlich verfolgt.

Hofer findet auch die starken hierarchischen Strukturen nicht hinderlich, im Gegenteil: «Die hierarchischen Strukturen in der Schweizer Armee erlauben es, Vergehen, die innerhalb der Truppe geschehen und gemeldet werden, schnellstmöglich an den Vorgesetzten weiterzuleiten respektive die nötigen weiteren Schritte zu unternehmen. Besteht das Problem mit dem Vorgesetzten, so ist entsprechend die nächsthöhere Instanz die Anlaufstelle.»

*Da die Frauen teils noch im Militärdienst sind oder noch Wiederholungskurse absolvieren, wurden ihre Namen anonymisiert.

Militärjustiz

Alle im Militärstrafrecht aufgeführten Straftaten, die ein Angehöriger der Armee während seines Militärdiensts verübt, werden durch die Militärjustiz untersucht und bestraft. Mediensprecher der Militärjustiz Florian Menzi betont, dass die Militärjustiz eine unabhängige eidgenössische Strafverfolgungsbehörde sei, deren Mitglieder als juristische Fachpersonen fungierten und nicht Teil der Armee seien. Auch gebe es Unterschiede, was die Gesetzeslage anbelangt. «Im Gegensatz zum bürgerlichen Strafgesetzbuch wird zum Beispiel sexuelle Belästigung im Militärstrafrecht als Offizialdelikt geahndet. Das heisst, es wird von Amtes wegen verfolgt, auch ohne dass das Opfer Anzeige erhebt», so Menzi. «Alle Angehörigen der Militärjustiz verfügen als spezifisch weitergebildete Juristen über ein entsprechendes Fachwissen im Bereich des Militärstrafrechts.»

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69 Kommentare
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Nemo

30.06.2020, 06:38

Ich hatte mich im Militär für die Soldaten eingesetzt und bin vom unsäglichen Hauptmann als Meuterer hingestellt worden. Mein Einsatz endete vor Divisionsgericht! Heute würde ich mir das Erlebte sicher nicht mehr gefallen lassen!

Sav

30.06.2020, 06:28

@Frau so viel ich weiss ist wenn man Polizistin werden möchze, muss man gewisse Tage Militär gemacht haben. So hat es mir damals eine gesagt bei der aushebzng ald ich sie gefragt gabe warum sie freiwillig ins Militär will

Simon

30.06.2020, 06:19

Einige Kommentare hier sind mehr als beschämend. Ich weiss nicht ob sich diese Leute einfach unglücklich ausdrücken oder ob es tatsächlich ihre Meinung ist, dass die Frauen selber schuld sind oder das ganze ja nur halb so wild ist.