23.09.2020 17:04

Familienschicksal«Ich habe meinen Vater auf kalten Entzug gesetzt»

Angies Vater ist drogen- und alkoholsüchtig und sehr aggressiv. Die Ärzte geben ihm nicht mehr lange. Doch Angie (29) steht den Entzug mit ihrem Vater durch – und erleidet danach ein Burn-out.

von
Jacqueline Straub
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Seit sie sich erinnern kann, habe ihr Vater Drogen konsumiert, zu viel getrunken und die Mutter terrorisiert.  

Seit sie sich erinnern kann, habe ihr Vater Drogen konsumiert, zu viel getrunken und die Mutter terrorisiert.

Privat
Ein Familienbild von Angie und ihren Eltern. 14 Jahre lang war Vater Hannibal verschwunden. «Ohne Fragen zu stellen, hat meine Mutter ihn wieder bei uns aufgenommen», sagt Angie. 

Ein Familienbild von Angie und ihren Eltern. 14 Jahre lang war Vater Hannibal verschwunden. «Ohne Fragen zu stellen, hat meine Mutter ihn wieder bei uns aufgenommen», sagt Angie.

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Die vielen Drogen und der permanente Alkoholkonsum haben Spuren hinterlassen: Hannibals Organe und sein Gehirn sind geschädigt, er wird zum Pflegefall.

Die vielen Drogen und der permanente Alkoholkonsum haben Spuren hinterlassen: Hannibals Organe und sein Gehirn sind geschädigt, er wird zum Pflegefall.

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Darum gehts

  • Seit Angie denken kann, nimmt ihr Vater Drogen und trinkt.

  • Etliche Entzüge in Kliniken scheitern. Er wird immer wieder rückfällig.

  • Angie beschliesst, ihren Vater auf kalten Entzug zu setzen.

  • Danach muss sie ihm alles neu beibringen und erleidet ein Burn-out.

«Als Vierjährige versuchte mein Vater vor meinen Augen, meine Mutter im Pool zu ertränken. Er war im Drogenrausch. Nur weil ich ihr ein Messer brachte, überlebte Mama den Angriff.» Angie Stones denkt nicht gern an ihre Kindheit zurück. Seit sie sich erinnern kann, habe ihr Vater Drogen konsumiert, zu viel getrunken und die Mutter terrorisiert. «Ich wusste nie, ob meine Mutter am nächsten Tag noch da ist.» Eines Tages ist Hannibal plötzlich verschwunden. Für Angie eine Erleichterung.

14 Jahre lang hat die Familie Ruhe vor Hannibal. Erst als Angie 19 Jahre alt ist, steht er plötzlich wieder vor der Tür. Seine Frau verzeiht ihm sofort. «Ohne Fragen zu stellen, hat sie ihn wieder bei uns aufgenommen. Ich konnte das anfangs überhaupt nicht verstehen.»

Die vielen Drogen und der permanente Alkoholkonsum haben Spuren hinterlassen: Hannibals Organe und sein Gehirn sind geschädigt, er wird zum Pflegefall. Angies Vater kann nicht mehr alleine auf die Toilette, muss gefüttert werden und ist extrem verwirrt. Trinkt er wieder zu viel, liegt er bewusstlos in seinem Erbrochenem auf dem Boden. Etliche Male geht Hannibal in Entzugskliniken, wird aber immer wieder rückfällig. Irgendwann geben die Ärzte ihn auf. «Bei seiner Entlassung sagten sie uns, dass er aufgrund der vielen Organschäden nicht mehr lange leben wird.» Doch Angies Mutter will um ihren Mann kämpfen. Natascha hat Hoffnung, dass ein kalter Entzug ihn retten kann. Hannibal ist einverstanden.

Fast drei Wochen verbringt Hannibal in einem verschlossenen Zimmer. Rund um die Uhr sitzt Angie vor der Tür. Drinnen randaliert der heute 65-Jährige, schreit, zerschlägt den Fernseher, schmeisst Teller durch die Luft. «In der ersten Woche habe ich nur geweint», sagt Angie. «Meinen Vater so leiden zu sehen und nicht zu wissen, ob er es schaffen wird, war das Schlimmste, was ich je erlebt habe.»

Die zweite und dritte Woche fühlen sich leichter an. Nach drei Wochen ist Hannibal über den Berg. Doch nach dem Entzug muss er alles neu lernen. Zwei Jahre verbringt Angie damit, ihrem Vater beizubringen, wieder zu sprechen, zu essen und selbstständig zu leben. Hannibal ist ihr Lebensinhalt. «Ich habe deswegen immer wieder Jobs verloren», sagt Angie. Sport und Wandern helfen ihr, in der schwierigen Zeit nicht zu zerbrechen. Später macht sie sich als Wanderleiterin selbstständig und bietet heute Gesundheitswandern an.

Während Hannibal immer stärker wird, schwinden Angies Kräfte. «Ich habe die Jahre zuvor einfach nur funktioniert und kaum geschlafen. Nun folgte die Rechnung.» Angie bleibt ganze Tage im Bett, weint und schläft. Mit 23 diagnostizieren die Ärzte eine Erschöpfungsdepression. Erst in einer Klinik kann sie sich wieder erholen.

Heute blickt Angie stolz auf die harte Zeit mit ihrem Vater zurück. Der Entzug hat die Familie näher gebracht und versöhnt. Dennoch würde sie niemandem dazu raten, Angehörige auf eigene Faust auf kalten Entzug zu setzen. «Wir hatten in dem Moment keine anderen Optionen. Ohne den kalten Entzug wäre mein Vater an Organversagen gestorben.»

Thilo Beck ist Psychiatrie-Chefarzt im Arud-Zentrum für Suchtmedizin.

Thilo Beck ist Psychiatrie-Chefarzt im Arud-Zentrum für Suchtmedizin.

Arud

«Ein kalter Entzug kann zum Tod führen»

Thilo Beck, was bedeutet ein kalter Entzug?

Bei einem kalten Entzug wird der Konsum der Substanz, von der eine Abhängigkeit besteht, plötzlich und ohne medikamentöse Unterstützung eingestellt. Ein warmer Entzug wird unter ärztlicher Kontrolle mit entzugsmildernden Medikamenten durchgeführt. Eine mögliche Alternative zum Entzug ist eine schrittweise Reduktion der Konsummenge.

Wie lange dauert solch ein kalter Entzug?

Bei Abhängigkeiten von Alkohol oder Opiaten ist mit fünf bis sieben Tagen körperlichen Entzugsbeschwerden zu rechnen. Die psychische Stabilisierung braucht mit drei bis vier Wochen in der Regel etwas mehr Zeit.

Welche Gefahren kann ein kalter Entzug bergen?

Es können ernst zu nehmende Komplikationen auftreten, wenn der Entzug nicht medikamentös begleitet wird. Etwa epileptische Anfälle und ein akuter Verwirrungszustand. Diese Komplikationen können unbehandelt in bis zu einem Drittel der Fälle zum Tode führen. Durch entzugsbegleitende Medikamente und ärztliche Kontrolle können diese Risiken vermieden werden, und auch die Entzugsbeschwerden können auf ein erträgliches Mass reduziert werden. Unter diesen Umständen können Entzugsbehandlungen in den meisten Fällen zu Hause durchgeführt werden. Eine Entzugsbehandlung alleine ist in der Regel aber keine nachhaltige Lösung.

Wie hoch ist die Rückfallquote?

Rückfälle sind häufig und sind in der begleitenden Therapie ein wichtiges Thema. Es geht für die Betroffenen darum, entsprechende Risiken frühzeitig zu erkennen und Methoden zu üben, wie Rückfälle vermieden oder wie nach erfolgtem Rückfall möglichst rasch wieder die Kontrolle über den Konsum gewonnen werden kann.

Was bedeutet ein alkoholkranker oder drogensüchtiger Elternteil für das Familiengefüge?

Suchtprobleme stellen in Familien eine schwere Belastung dar, in der die Angehörigen, und vor allem auch minderjährige Kinder betroffener Eltern, schnell in eine Überforderungs- und Gefährdungssituation kommen. Scham und Schuldgefühle, Angst und Hilflosigkeit verhindern oft ein zielgerichtetes Handeln der Angehörigen. Erste Priorität ist es, dass die Familie professionelle Unterstützung hinzuzieht. Etwa durch den Hausarzt, eine Suchtfachstelle oder eine suchtmedizinische Einrichtung. So wird die Familie entlastet und, wo notwendig, für den Schutz der Kinder gesorgt. Ich empfehle von Suchterkrankung betroffenen Familienmitgliedern, sich frühzeitig selbst Hilfe zu holen, um sich durch therapeutische Unterstützung zu stabilisieren.

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