Verdingkind klagt an: «Ich habe nie Liebe erfahren»
Aktualisiert

Verdingkind klagt an«Ich habe nie Liebe erfahren»

Erniedrigt, missbraucht, als Zwangsarbeiter gehalten: Das Schicksal der Verdingkinder ist ein dunkles Kapitel. Dass sich die Schweiz bei ihnen entschuldigen will, reicht Betroffenen nicht.

von
Simona Marty

Armin Leuenberger – ein stattlicher, kleiner Mann mit Dreitage-Bart – trug 64 Jahre lang ein dunkles Geheimnis mit sich herum. Erst vor drei Jahren fühlte er sich in der Lage, über seine Zeit als Verdingkind zu sprechen. «Ich habe meine Vergangenheit verdrängt. Bis zum Tod meiner Mutter konnte ich mich einfach nicht damit auseinandersetzen», sagt der heute 67-Jährige. So kam es, dass selbst seine beiden Töchter erst vor wenigen Jahren von der grausamen Kindheit ihres Vaters erfuhren.

Armin Leuenberger verbrachte seine ersten Lebensjahre im Heim, da sein Vater bei der Geburt im Gefängnis sass und es sich damals nicht gehörte, als 22-jährige, unverheiratete Frau ein Kind alleine aufzuziehen. Mit drei Jahren kam der kleine Junge in eine Bauernfamilie in Freiburg. Armin hiess ab sofort Jakob und sein Schicksal als Verdingkind nahm seinen Lauf. «Ich musste immer nur krampfen, von morgens bis abends.» Vor der Schule musste er um fünf Uhr auf der Weide helfen, nach der Schule bis spät nachts den Stall ausmisten: «Ich war nichts wert und mir wurde immer nur gesagt, dass ohne Krampfen auch nie etwas aus mir werden würde», so Leuenberger.

Keine Liebe und viel Erniedrigung

Immerhin war es dem Buben während seiner Zeit auf dem Bauernhof möglich, die Schule zu besuchen - auch wenn er dafür rund sieben Kilometer zu Fuss zurücklegen musste. «Auch bei minus zwanzig Grad und Schnee stampfte ich mit kurzen Hosen, Strümpfen und Holzschuhen je eineinhalb Stunden durch den Schnee zur Schule und wieder zurück.» Und nicht nur in seiner Pflegefamilie, auch in der Schule war sein Schicksal besiegelt: «Ich wurde gehänselt und ich habe nie Liebe erfahren, sowohl in der Schule als auch in meiner neuen Familie», so Leuenberger, der von sich selbst sagt, schon immer ein Einzelkämpfer gewesen zu sein. So sei seine Geschichte auch von den Behörden und der Kirche immer ignoriert worden.

Im Vergleich zu anderen Verdingkindern habe er aber eigentlich «Glück gehabt». So wurde er nie geschlagen und musste auch nur selten Hunger leiden: «Auch wenn ich als rangniederstes Familienmitglied nur noch Reste zu Essen bekam, reichte es meist, meinen Hunger zu stillen.»

Mutter verheimlicht

Als sein Pflegevater starb, wurde der damals 17-jährige Armin Leuenberger vom Hof verstossen. Darauf folgten Jahre mit diversen Anstellungen und gar einer eigenen Firma. Seine Vergangenheit aber liess den Verdingbub nie los – im Gegenteil, sie trieb in gar in den Alkohol und die Depression. Am meisten gekränkt hat ihn aber nicht die Zwangsarbeit, sondern der Fakt, dass er über Jahre hinweg belogen wurde. «Meine Mutter lebte als Magd ebenfalls auf dem Hof. Das erfuhr ich aber erst, als sie den Hof bereits verlassen hatte.» Die Pflegefamilie hatte der Mutter verboten ihrem Kind auch nur ein Sterbenswörtchen zu sagen.

«Entschuldigen genügt nicht»

Erst als seine Mutter vor drei Jahren starb, war Armin Leuenberger in der Lage, mit der Aufarbeitung seiner Vergangenheit zu beginnen: «Obwohl ich mit meiner Pflegefamilie nie mehr Kontakt hatte, verurteile ich sie nicht für ihre Taten.» Wichtig sei es ihm nun aber, dass die Geschichte der mehreren hunderttausend Verdingkinder sauber aufgearbeitet werde.

Mit einer Gedenkfeier am morgigen Donnerstag will Justizministerin Simonetta Sommaruga dem Rechnung tragen und sich bei den Verdingkindern entschuldigen. Der Anlass soll zur Anerkennung der schwierigen Umstände beitragen, in denen die Verdingkinder lebten. «Entschuldigen alleine genügt aber nicht», sagt Leuenberger. Neben dieser moralischen Gutmachung fordert er, wie auch andere Betroffene, eine finanzielle Entschädigung (siehe Box).

Betroffene fordern je 120'000 Franken

Morgen Donnerstag hat das Justizdepartement zu einem «Gedenkanlass für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen» ins Kulturcasino Bern eingeladen. EJPD-Chefin Simonetta Sommaruga will sich offiziell für die «schwierigen Umstände» entschuldigen, in denen Verdingkinder aufwachsen mussten.

Obwohl sich die Organisation «netzwerk verdingt» über diese Geste freut, verlangt sie zusätzlich eine historische Aufarbeitung, uneingeschränkte Akteneinsicht, einen Härtefallfonds und eine finanzielle Wiedergutmachung. Denn die Zwangsarbeit sei nie entschädigt worden. «Verdingkinder hätten für die Sklavenarbeit in der Landwirtschaft nach heutigem Geldwert 120'000 Franken zugute», heisst es in der Mitteilung.

Das Justiziministerium wollte sich vor dem Anlass nicht zu den Forderungen äussern. Die einladenden Organisationen und Institutionen sowie der Delegierte für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen würden am Donnerstag über das weitere Vorgehen informieren, hiess es auf Anfrage. (sma)

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