Pädokriminalität in Deutschland: «Ich habe noch nie eine solche Brutalität gegen Kinder gesehen»
Publiziert

Pädokriminalität in Deutschland«Ich habe noch nie eine solche Brutalität gegen Kinder gesehen»

Ein neuer Pädophilen-Skandal erschüttert Deutschland. Im Zentrum steht ein 44-jähriger Mann, der sich als Babysitter anbot, um seine minderjährigen Opfer zu finden.

von
Karin Leuthold
1 / 3
Die Ermittler und Ermittlerinnen hatten den Hauptverdächtigen seit November im Visier.

Die Ermittler und Ermittlerinnen hatten den Hauptverdächtigen seit November im Visier.

imago images/NurPhoto
Im vergangenen Jahr sind mehr als 17’700 Kinder und Jugendliche in Deutschland Opfer sexualisierter Gewalt geworden. Das seien im Durchschnitt 49 minderjährige Opfer pro Tag, sagte der Präsident des Bundeskriminalamts, Holger Münch.

Im vergangenen Jahr sind mehr als 17’700 Kinder und Jugendliche in Deutschland Opfer sexualisierter Gewalt geworden. Das seien im Durchschnitt 49 minderjährige Opfer pro Tag, sagte der Präsident des Bundeskriminalamts, Holger Münch.

REUTERS
Das Ermittlerteam konnte mittlerweile 33 Missbrauchsopfer identifizieren.

Das Ermittlerteam konnte mittlerweile 33 Missbrauchsopfer identifizieren.

imago images/Andreas Haas

Darum gehts

In Deutschland ist nach der Festnahme eines 44-jährigen Mannes aus Wermelskirchen in Nordrhein-Westfalen ein gewaltiger Pädophilen-Ring aufgeflogen. Der Kölner Polizeipräsident Falk Schnabel (52) erkennt im Fall eine neue «menschenverachtende Brutalität». Er habe selbst «nur einen kleinen Anteil der sichergestellten Daten» besichtigt, sagte Schnabel an einer Pressekonferenz am Montag. Doch dabei habe er «noch nie eine derartige gefühllose Gleichgültigkeit gesehen», gab er zu.

Die Ermittelnden hatten den Hauptverdächtigen seit November im Visier: verheiratet, kinderlos, arbeitete als Angestellter – und als Babysitter. Über Online-Plattformen soll er in Kontakt mit seinen Opfern gekommen sein, schreibt die «Bild»-Zeitung.

Mächtige Menge an kinderpornografischem Inhalt sichergestellt

Als der Tatverdächtige schliesslich am 31. Dezember festgenommen wurde, durchsuchte die Polizei 17 Tage lang seine Wohnung. Sie beschlagnahmte 32 Terabyte an Daten. Ein Terabyte ergebe ausgedruckt auf Papier einen Stapel von rund 25 Kilometern Höhe, erklärten die Ermittler zu den Dimensionen des Falls. Vieles davon habe bislang noch nicht ausgewertet werden können.

Allein auf einer Festplatte seien fünf Millionen Dateien gespeichert gewesen – darunter 3,5 Millionen Bilder und 1,5 Millionen Videos mit kinderpornografischem Inhalt. Die Fotos und Videos gehen teilweise bis ins Jahr 1993 zurück, gab die Polizei bekannt.

Das Ermittlerteam konnte mittlerweile 33 Missbrauchsopfer identifizieren. Fünf von ihnen seien zum Zeitpunkt der Taten unter einem Jahr alt gewesen, acht Kinder zwischen einem und drei Jahren. Zwei Drittel der Opfer sind Buben. 

Tatverdächtige sind zwischen 26 und 45 Jahren alt 

Beim 44-jährigen Deutschen wurden Listen mit Hinweisen auf weitere Verdächtige gefunden, zu denen er teilweise persönlichen Kontakt pflegte. 73 Tatverdächtige aus 14 Bundesländern sowie Österreich wurden lokalisiert. Der Grossteil der mutmasslichen Pädophilen sei zwischen 26 und 45 Jahren alt, elf älter als 55 Jahre, berichtet die «Bild» weiter. Insgesamt 14 von ihnen gaben sich als Babysitter aus, um an ihre Opfer zu gelangen. Es treten in den Ermittlungen aber auch Väter, Pflege- und Stiefväter, Nachbarn, Brüder und ein Grossvater als Tatverdächtige auf.

«Es bedarf noch einer sehr langen Zeit, bis wir den Komplex abgearbeitet haben werden», sagte Staatsanwalt Ulrich Bremer. Zudem sei davon auszugehen, dass die Dimensionen die des Missbrauchskomplexes von Bergisch Gladbach sprengten. Im Kern habe der 44-Jährige die Taten eingeräumt.

Opfer erfuhren als Erwachsene von den Misshandlungen

Besonders am Misshandlungskomplex ist den Ermittlern zufolge, dass viele Familien erst jetzt von den Übergriffen erfahren hätten. Viele der misshandelten Kindern seien inzwischen erwachsen und hätten teils auch keine Erinnerung daran. Nun damit konfrontiert zu werden, sei eine besondere Belastung. Es gebe keinen Fall, in denen Eltern wegen des Verdachts des Missbrauchs durch den Babysitter zur Polizei gegangen sind. Viele seien lediglich «aus anderen Dingen wie Unpünktlichkeit unzufrieden» gewesen.

In Nordrhein-Westfalen wurden in den vergangenen Jahren immer wieder grosse Misshandlungsprozesse geführt. Zuletzt wurden die Hauptbeschuldigten im Komplex Münster zu langen Haftstrafen verurteilt. Zuvor lösten bereits die jahrelang unentdeckt gebliebenen Kindesmisshandlungen auf einem Campingplatz in Lügde und der Misshandlungskomplex Bergisch Gladbach bundesweit Entsetzen aus.

Im vergangenen Jahr sind mehr als 17’700 Kinder und Jugendliche in Deutschland Opfer sexualisierter Gewalt geworden. Das seien im Durchschnitt 49 minderjährige Opfer pro Tag, sagte der Präsident des Bundeskriminalamts, Holger Münch, am Montag. Seit einigen Jahren gelingt es der Polizei mithilfe des National Center of Missing and Exploited Children (NCMEC) aus den USA, Fälle von Kindesmisshandlungen ans Licht zu bringen. Das NCMEC übermittelt bei entdeckten Delikten mit Tatort in Deutschland Daten an das Bundeskriminalamt (BKA).  

Bist du minderjährig und von sexualisierter Gewalt betroffen? Oder kennst du ein Kind, das sexualisierte Gewalt erlebt?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Kokon, Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene

Castagna, Beratungsstelle bei sexueller Gewalt im Kindes- und Jugendalter

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Bist du selbst pädophil und möchtest nicht straffällig werden? Hilfe erhältst du bei Forio und bei den UPK Basel.

Deine Meinung