Aktualisiert 25.10.2015 07:14

Jeton G. vor dem Obergericht«Ich habe Scheisse gebaut, aber nicht hier»

Wegen wüsten Schlägereien stand der mutmassliche Todesschütze Jeton G. heute vor dem Zürcher Obergericht. Es hat die Strafe gegen den 31-Jährigen von 4 auf 3,5 Jahre gesenkt.

von
rom

Vor dem Zürcher Obergericht musste sich am Freitag Jeton G.* verantworten. Es ging aber nicht um das Tötungsdelikt an Hooligan und Kampfsportler B.R.*, das der 31-Jährige begangen haben soll, sondern um zwei Schlägereien, Diebstahl und Drogen. G. war deswegen im letzten Dezember vom Bezirksgericht Zürich zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden. Dagegen legte er Berufung ein – angefochten hat er explizit die Schuldsprüche wegen mehrfachen Angriffs.

Wer an der Verhandlung teilnehmen wollte, musste aus Sicherheitsgründen durch eine Metalldetektoren-Kontrolle. Grund: Aus dem Umfeld von B.R. gab es massive Drohungen gegen Jeton G. Unter den Zuschauern waren mindestens ein Dutzend Familienmitglieder und mehrere Kollegen.

Auf die Frage des Gerichtsvorsitzenden, wie es ihm zurzeit gehe, sagte G.: «Gesundheitlich gut, aber die Haft ist natürlich eine Belastung.» Der Schweizer mit Wurzeln im Kosovo sitzt seit dem 7. März im Gefängnis. Manchmal habe er für ein paar Tage eine Beschäftigung, die meiste Zeit aber nicht. Der Familienvater – mittlerweile breitschultrig und muskulös geworden – antwortete auf die Fragen mit lauter Stimme und sagte am Ende eines Satzes immer wieder «Verstehen Sie».

Beinahe endloses Vorstrafenregister

Lang und vielfältig ist die Liste seiner Vorstrafen: Raub, Diebstahl, Angriff, Körperverletzung, Verstoss gegen das Betäubungsmittelgesetz, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, Pornografie, Verstoss gegen das Waffengesetz, Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte. Erstmals verurteilt wurde er als Erwachsener mit 18 Jahren. G. sagte dazu: «Was soll ich sagen? Ich kann es ja nicht rückgängig machen.»

Nun ging es also um die Schlägerei vom 29. Januar 2012 im Club Q. G. soll seinem Widersacher eine Flasche auf den Kopf und die Faust ins Gesicht geschlagen haben. Der Beschuldigte gab zu, dort gewesen zu sein, sich aber nicht daran beteiligt zu haben. «Ich hab Scheisse gebaut in meinem Leben, aber hier nicht», sagte er und geriet ins Stottern. Wie mehrmals, wenn er sich äusserte.

Familien und Kollegen zugezwinkert

Trotz laufendem Strafverfahren flogen die Fäuste im November 2013 erneut – diesmal im New-Point-Imbissstand an der Langstrasse. Er schilderte den Hergang genau, nannte zig Namen, gestikulierte wild, fuhr mit dem Stuhl hinterher. «Ich wurde gepackt, dann hab ich zugeschlagen – ich weiss nicht mehr wie oft, vielleicht habe ich überreagiert.» Das Opfer erlitt einen Nasenbeinbruch. «Ich hab mich bei ihm später entschuldigt, wir waren halt angetrunken» sagte er. Dann schaute er, wie oft während der Verhandlung in die Zuschauerreihen, zwinkerte Kollegen oder Familienmitgliedern zu.

«Mir ist bewusst, dass mein Mandant heute einen schweren Stand hat», sagte sein Verteidiger Valentin Landmann in seinem Plädoyer. Die Vorinstanz habe seinen Aussagen wegen der zahlreichen Vorstrafen kaum Glauben geschenkt. Er sei unbelehrbar, schere sich keinen Deut um geltende Gesetze, «zugegeben, mein Mandant ist kein Sympathieträger». Sein Auftreten, seine Sprache, könne ruppig sein, voll von Kraftausdrücken, «er ist laut, impulsiv und provokativ».

«Nicht alles ist falsch, was geschrieben wurde»

Zudem sei die Situation seit seiner Verhaftung betreffend des Tötungsdelikts im März nicht einfacher geworden, sagte Landmann weiter. «Unverständlicherweise eingebürgert, Sozialhilfebezüger mit Jaguar» – die medialen Angriffe seien enorm gewesen und sein Mandant habe sich nicht wehren können. «Nicht alles ist falsch, was geschrieben wurde – doch die Berichte waren einseitig, es gilt die Unschuldsvermutung.» Sein Mandant sei geständig, doch das stehe nun nicht zur Diskussion. «Trotz ramponiertem Ruf hat er ein Recht darauf, dass die Vorfälle im Q und im New Point losgelöst davon beurteilt werden.»

Laut Landmann sind die Aussagen der Geschädigten im Fall Q nicht derart verwertbar – jene seines Mandaten und seiner Kollegen hingegen glaubhaft. Insgesamt habe die Vorinstanz bei der Strafe das Augenmass verloren. «Er ist nicht der kaltblütige Partyschläger, sondern kontaktierte aus eigenem Antrieb die Geschädigten – das tun die Wenigsten.» Er forderte deshalb einen Freispruch beim mehrfachen Angriff und als Bestrafung eine teilbedingte Freiheitsstrafe.

«Paradebeispiel für ungünstige Prognose»

Staatsanwalt Jürg Boll hingegen verlangte die vollumfängliche Bestätigung des erstinstanzlichen Urteils, zu überzeugend sei die Erwägung durch die Vorinstanz. Die Angriffe zeugten von äusserster Brutalität, zudem sei er in graviender Weise rückfällig geworden, sogar während der laufenden Untersuchung. «Die Justiz kommt mit den Urteilen gar nicht mehr nach», sagte Boll, «das ist für mich ein Paradebeispiel einer ungünstigen Prognose.»

In seinem Schlusswort, abgelesen von einem handbeschriebenen A4-Blatt, betonte G.: «Sie, ich bin ehrlich und direkt.» Die Sache mit dem Vorfall im Q sei einfach nicht wahr. «Ich bin unschuldig, wenn ich dafür verurteilt werde, dann weiss ich auch nicht mehr.»

Das Obergericht bestrafte G. schliesslich wegen wegen mehrfachen Angriffs mit 3,5 Jahren Freiheitsstrafe – ein halbes Jahr weniger als die Vorinstanz. Hinzu kommt eine Busse von 600 Franken. Wegen widerrufener Vorstrafen sind es insgesamt 4 Jahre und 10 Monate Freiheitsstrafe. Das Urteil wurde erst mündlich eröffnet, die Begründung folgt später schriftlich.

*Namen der Redaktion bekannt

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