08.09.2020 03:04

Velodieb am Videopranger«Ich habe schon 30 solche Videos der Polizei gegeben»

Am Freitagabend wurde in Muttenz ein E-Bike aus dem Carport gestohlen. Der Täter wurde dabei gefilmt und das Video ins Netz gestellt. Es sei erschreckend, was sich nachts vor seiner Haustür abspiele, sagt der Bewohner des Hauses.

von
Lukas Hausendorf

Schnell und zielgerichtet: Der Velodieb wusste offenbar ganz genau, was er wollte.

Privat

«Es ist wahnsinnig», sagt Steven Zurflüh. Am Freitagabend kurz vor 20 Uhr grillierte er mit Freunden bei sich zu Hause im Käppeli-Quartier in Muttenz im Garten. Derweil schlich sich auf der anderen Seite des Hauses ein Dieb heran und klaute das E-Bike eines Gastes, das hinter dem Auto unter dem Carport abgestellt war. Der Täter wurde dabei von der Überwachungskamera gefilmt. Zielstrebig rennt er zum Velo, ein E-Mountainbike von Haibike im Wert von mehreren Tausend Franken, hebt das Hinterrad und macht sich aus dem Staub.

Zurflüh stellte das Video noch am gleichen Abend auf Facebook und postete es auch in der Gruppe «Du bisch vo Muttenz wenn…». Dass die Polizei von der Veröffentlichung solcher Videos grundsätzlich abrät, ist dem 44-jährigen Unternehmer bewusst. «Soll mich der Dieb doch anzeigen», meint er da nur trocken. Die Polizei sei da irgendwie machtlos.

«Lieber eine verdächtige Beobachtung zu viel melden als zu wenig.»

Adrian Gaugler, Sprecher Polizei Baselland

Die Aussage stimmt allerdings nicht wirklich. In den letzten Jahren war die Zahl der Diebstähle im Kanton Baselland rückläufig, ist aber noch immer mit Abstand die häufigste Deliktkategorie in der Kriminalstatistik, wo Vermögensdelikte 2019 über 72 Prozent aller Straftaten ausmachten. Dabei fielen die 874 Einbruchdiebstähle am stärksten ins Gewicht, wobei mit Abstand am häufigsten in Ein- und Mehrfamilienhäuser eingebrochen wird. Die Aufklärungsquote der Einbruchdiebstähle lag vergangenes Jahr bei 16 Prozent, jene der Einschleichdiebstähle bei 28 Prozent.

«Die Ermittlungstätigkeit sollte grundsätzlich bei der Polizei sein», sagt Adrian Gaugler, Mediensprecher der Baselbieter Polizei. Es bestehe die Gefahr, dass mit der Veröffentlichung solcher Videos Täterwissen bekannt gegeben werde, was die Ermittlungen erschweren könne.

Die Polizei rät grundsätzlich, verdächtige Vorkommnisse zu melden. «Lieber einmal zu viel als zu wenig», wie Gaugler ausführt. Das passiere auch. «Wir erhalten täglich solche Meldungen aus der Bevölkerung.»

«Ich bin erschrocken, als ich sah, was da nachts so vor meiner Haustür passiert.»

Steven Zurflüh

Es ist auch nicht das erste Mal, dass er ein Tätervideo auf Facebook veröffentlicht. «Ich habe bestimmt schon 30 solche Videos der Polizei gegeben», erzählt er. Immer wieder versuchen nämlich Unbekannte in sein Auto einzusteigen. Einmal gelang es, als das Auto unbeabsichtigerweise nicht verriegelt war. «Ob abgeschlossen oder nicht, Diebstahl ist Diebstahl», findet Zurflüh. Mit der Veröffentlichung der Videos wolle er auch sensibilisieren. Erst am Sonntagabend «überprüfte» ein Unbekannter, ob die Tür seines Autos verschlossen war. Der gleiche Mann soll danach bei der Nachbarin um «Asyl» gefragt haben.

Der Mann mit Maske machte sich am Sonntagabend um 20.40 Uhr an der Autotür zu schaffen.

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«Ich bin erschrocken, als ich sah, was da nachts so vor meiner Haustür passiert», erzählt Zurflüh. Eine Überwachungskamera beschaffte er sich eher zufällig, als er eigentlich ein Licht mit Bewegungsmelder suchte und dann eines mit integrierter Kamera fand. Die Installation ist gesetzeskonform. Aufgezeichnet wird nur der zum Haus gewandte Privatbereich, und auf die Kamera wird sogar mit einer Tafel hingewiesen.

In einem Fall führte sein Videopranger zum Erfolg. Der junge Mann, der in sein Auto gestiegen war und dort Bargeld entwendete, meldete sich telefonisch bei ihm. «Es hatte sich in seinem Freundeskreis herumgesprochen», erzählt Zurflüh. «Er entschuldigte sich für den Diebstahl und brachte mir am nächsten sogar das Geld zurück.» Das Video hat er daraufhin vom Netz genommen.

Dieser Dieb zeigte Reue, als das Video von ihm im Netz die Runde machte, und erstattete das gestohlene Geld zurück.

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