Pöstlerin klagt: «Ich habe täglich mit aggressiven Hunden zu kämpfen»
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Pöstlerin klagt«Ich habe täglich mit aggressiven Hunden zu kämpfen»

Pöstler werden am meisten von Hunden gebissen, sagt die Suva – das erfuhr Natalie S. am eigenen Leib. Angst ist seither ihr täglicher Begleiter im Job.

von
Joel Probst
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Zweimal wurde Natalie S. schon von Hunden gebissen. Erst am Mittwoch wurde die Pöstlerin wieder von einem Hund angesprungen.

Zweimal wurde Natalie S. schon von Hunden gebissen. Erst am Mittwoch wurde die Pöstlerin wieder von einem Hund angesprungen.

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Eigentlich liebt die Pöstlerin ihren Job. Doch immer öfter hat sie Angst, am Morgen auf ihre Tour zu gehen: «Ich habe täglich mit aggressiven Hunden zu kämpfen.»

Eigentlich liebt die Pöstlerin ihren Job. Doch immer öfter hat sie Angst, am Morgen auf ihre Tour zu gehen: «Ich habe täglich mit aggressiven Hunden zu kämpfen.»

Symbolbild: imago stock&people
Die Narbe eines Bisses ist noch immer an ihrem Bein zu sehen.

Die Narbe eines Bisses ist noch immer an ihrem Bein zu sehen.

zVg

Darum gehts

  • Pöstler werden am meisten von Hunden gebissen, sagt die Suva.
  • Eine Pöstlerin klagt, sie habe täglich Probleme mit Hunden.
  • Die Post hingegen sagt, Hunde seien keine wirkliche Gefahr für Pöstler.

Es ist ein Klischee – mit einem wahren Kern, zumindest für Pöstlerin Natalie S.: «Es stimmt, wir haben ständig Probleme mit Hunden», sagt sie. Die 41-Jährige arbeitet seit fünf Jahren im Aargau als Zustellerin bei der Post. Eigentlich liebt S. ihren Job. Doch immer öfter hat sie Angst, am Morgen auf ihre Tour zu gehen – offenbar berechtigt: Bereits zweimal wurde die Pöstlerin schon gebissen.

«Ich habe täglich mit aggressiven Hunden zu kämpfen», sagt Natalie S. Die Tiere bellen die Pöstlerin an, rennen ihr nach und attackieren sie. Erst diesen Mittwoch passierte es erneut: «Ich war beim Briefkasten, als der Schäferhund auf mich zusprintete und mich anfiel. Ich schrie vor Panik», erzählt S. «Dieser Stress macht einen fertig.»

861 Hundebisse pro Jahr

Laut der Suva passieren jährlich durchschnittlich 560 Unfälle pro Jahr, die auf Hundebisse zurückzuführen sind. In den neusten Zahlen aus dem Jahr 2018 wurden sogar ganze 861 Hundebisse gezählt – ein Rekord in den letzten fünf Jahren.

Pöstler werden noch öfter gebissen als Mitarbeiter des Veterinärwesens: «Die meisten Hundebisse verzeichnet die Branche ‹Post-, Kurier- und Expressdienste›», sagt Sprecher Adrian Vonlanthen. «Jeder fünfte Hundebiss fällt auf diese Branche.» 2018 müssten Pöstler also rund 170 Mal von einem Hund gebissen worden sein.

Noch immer Bissnarbe

Eines dieser Opfer ist Nathalie S. Ihr erster Hundeangriff ging noch glimpflich aus. Der Hund biss die 41-Jährige in den Fuss – doch glücklicherweise durchstiessen seine Zähne ihre Winterschuhe nicht. Die Pöstlerin blieb unverletzt. Der zweite Biss zeichnet sie aber bis heute: Die Zähne des Border Collies hinterliessen eine Narbe an ihrem Bein. «Die Wunde war tief und hat stark geblutet. Ich hatte riesige Schmerzen, der Hund hatte sich durch meine ganze Winterkleidung gebissen.»

Trotzdem hat S. ihre Tour zu Ende gefahren. Die Briefe und Pakete müssen schliesslich ankommen: «Ich muss mich den Hunden aussetzen. Ich kann mich nicht weigern, eine Tour zu machen», sagt sie. Zwei- bis dreimal pro Monat traut sich die Pöstlerin bei einem Hundehalter nicht an den Briefkasten. Aber eine Lösung sei das nicht, sagt sie.

Kaum Unterstützung von der Post

Von der Post erhält die 41-Jährige keine Unterstützung: «Ich kann nur selber mit dem Hundehalter sprechen und zu schlichten versuchen.» Nach einem Arztbesuch musste sie bereits am nächsten Tag wieder arbeiten. Sie habe dann einen von der Post organisierten Hundekurs besucht. «Aber die Regeln und Tipps lassen sich in der Praxis nicht umsetzen, die Hunde reagieren trotzdem aggressiv», so die Pöstlerin. Eine Anzeige erstattete die Pöstlerin nicht.

«Die Halter sagen immer, ihr Hund sei ein Lieber, aber er möge meinen elektrischen Töff nicht», sagt die 41-Jährige. Oft seien sie nicht einsichtig: «Ein Hundehalter bedrohte mich sogar schon mit einem Stock, weil ich ihm seine Post nicht brachte.» Die Pöstlerin wünscht sich, dass man mit Problemhunden eine Hundeschule macht – «mit Pöstler und Gefährt». Doch S. ist sich sicher: «Das macht die Post nicht, weil es Geld und Zeit brauchen würde.»

Post: «Hunde sind nicht die wirklichen Gefahren»

Den konkreten Fall kennt die Post nicht. Doch sie dementiert das Hundeproblem der Pöstler: «Entgegen dem landläufigen Klischee sind Hunde nicht die wirklichen Gefahren von Brief- und Paketboten», so Sprecher Oliver Flüeler. Meistens seien Hunde Freunde der Zusteller und empfingen diesen freudig: «Die Zustellenden tragen in der Regel einige ‹Hundegoodies› in der Hosentasche mit.»

Trotzdem zählte die Post 2019 92 Berufsunfälle wegen einer «Einwirkung durch Tiere», was laut Unternehmen auch «Zecken- oder Hahnenbisse» umfasse. Postmitarbeitende werden laut Flüeler öfter in der Freizeit gebissen als bei der Arbeit. Gibt es Probleme zwischen Hund und Pöstler solle der Pöstler – «je nach Fall allenfalls unterstützt durch seinen Vorgesetzten» – Kontakt mit dem Hundebesitzer aufnehmen.

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