Natallia Hersche – «Ich realisiere, dass es vorbei ist»
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Natallia Hersche«Ich realisiere, dass es vorbei ist»

Die belarussische Doppelbürgerin Natallia Hersche sass fast eineinhalb Jahre in Belarus in Haft. Sie realisiere nun, dass es vorbei sei, sagte sie in einem Video kurz vor ihrem Abflug. 

von
Bettina Zanni
Lauriane Chautems
Twitter

Darum gehts

  • Am Freitag wurde Natallia Hersche aus der Haft in Belarus entlassen. 

  • «Es ist ein angenehmes Gefühl, trotzdem bin ich auch etwas besorgt», sagt sie in einem Video kurz vor ihrem Abflug in die Schweiz. 

  • Zu reden gibt ihr Gewichtsverlust. 

Der Alptraum hat für Natallia Hersche ein Ende. Fast eineinhalb Jahre sass sie in belarussischen Gefängnissen – am Freitag wurde sie in Mogilev entlassen. Auf Twitter kursiert ein Video von Hersche. Darin sitzt sie unter anderem mit Christine Honegger Zolotukhin, der Schweizer Botschafterin in Belarus, auf einem Sofa bei einem Kaffee. 

Ein Mann, vermutlich ihr Bruder, stellt ihr darin Fragen. Es sei ein gutes Gefühl, sagt sie auf die Frage, wie sie sich fühle. «Es ist ein angenehmes Gefühl, trotzdem bin ich auch etwas besorgt.» Sie habe vergessen, was Fliegen bedeute, in einem Flugzeug zu sitzen, aber sie realisiere, dass es vorbei sei, antwortet sie auf die Frage, ob sie realisiert habe, dass in ein paar Stunden alles vorbei sei.

Der Mann im Video gratuliert ihr darauf und ermutigt sie, «diese Widerstandskraft und diesen Optimismus» beizubehalten. Man sei sehr glücklich, sie wieder zu sehen. Hersche sagt darauf: «Alle haben sich Sorgen um mich gemacht. Dafür bedanke ich mich bei allen.»

«Sie sieht sehr abgemagert aus»

Die Menschenrechtsorganisation Libreco kämpfte für die Entlassung der belarussischen Doppelbürgerin aus der Ostschweiz. Hersche sei am Freitagmorgen in Minsk mit einem Passagierflugzeug abgehoben und befinde sich auf dem Weg in die Schweiz, sagt Lars Bünger, Vorstandsmitglied von Libreco.

Hersche wurde im September 2020 verhaftet, weil sie an einer Demo gegen das Lukaschenko-Regime teilgenommen hatte. Bünger: «Wir freuen uns enorm, dass die Freilassung erfolgt ist.» Ihre Verhaftung sei von Beginn an komplett grundlos gewesen.

Zu ihrem aktuellen Zustand lägen der Organisation keine Informationen vor, sagt Bünger. «Im Vergleich zu den Fotos vor ihrer Verhaftung sieht sie auf den aktuellen sehr abgemagert aus.» Der Gewichtsverlust ist auch auf Twitter Thema. «Sie lächelt, aber das heutige Foto zeigt, was sie durchgemacht hat», schreibt ein User. In Belarus würden politische Gefangene nicht einfach hinter Gittern sein, sie würden gefoltert werden.

«Hoffentlich kein ‹schmutziger Deal›»

Die EU-Staaten geben dem belarussischen Diktator Alexander Lukaschenko keine diplomatische Anerkennung. Das Aussendepartement (EDA) bestätigte dem «Tages-Anzeiger» im Januar jedoch, dass die Schweizer Botschafterin in Belarus dem Staatsoberhaupt ihr Beglaubigungsschreiben überreichen werde, wie es die diplomatischen Gepflogenheiten in den meisten Ländern vorsähen.

«Wir hoffen, dass Natallia Hersches Freilassung nicht durch einen ‹schmutzigen Deal› zustande gekommen ist, indem die Schweiz Lukaschenko als Staatschef anerkennt», sagt Lars Bünger. Die Schweiz wäre damit die einzige europäische Demokratie, die Diktator Lukaschenko anerkennen würde.

Das EDA erinnert auf Anfrage daran, dass die Schweiz Staaten und nicht Regierungen anerkenne. «Dadurch nimmt sie keine Stellung zur Legitimität von Staatschefs», sagt EDA-Sprecher Valentin Clivaz. 

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