16.09.2020 18:50

Rinsing«Ich habe versucht, mir durch Bikini-Selfies einen Grill zu kaufen»

Rinsing, so heisst der Trend, bei dem hauptsächlich Frauen Geld für Fotos und Nachrichten verlangen. Wir haben den Selbsttest gemacht und geschaut, wer uns wie viel zahlt.

von
Meret Steiger, Julia Ullrich
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Über die App Rinsing versuchen wir Geld zu verdienen. So sieht unser Profil aus. 

Über die App Rinsing versuchen wir Geld zu verdienen. So sieht unser Profil aus.

20 Minuten
Bereits nach wenigen Sekunden poppt die erste Nachricht in meinem Postfach auf. Die meisten der Anfragen beginnen mit «Hey» oder sind Komplimente, was mein Selbstbewusstsein pusht. Aber es gibt auch unangemessene Anfragen – wie etwa den Dreh eines Videos von unserem Toilettenbesuch oder das laszive Lecken einer Zahnbürste.

Bereits nach wenigen Sekunden poppt die erste Nachricht in meinem Postfach auf. Die meisten der Anfragen beginnen mit «Hey» oder sind Komplimente, was mein Selbstbewusstsein pusht. Aber es gibt auch unangemessene Anfragen – wie etwa den Dreh eines Videos von unserem Toilettenbesuch oder das laszive Lecken einer Zahnbürste.

20 Minuten
Viele der Nutzer kommen aus der Schweiz. Wenn man sich interessant findet oder die Anfrage nett war, kann man einen Chat beginnen. Den Preis und die Dauer des Chats legt die Frau fest. Wenn der Mann akzeptiert, kann man schreiben. 

Viele der Nutzer kommen aus der Schweiz. Wenn man sich interessant findet oder die Anfrage nett war, kann man einen Chat beginnen. Den Preis und die Dauer des Chats legt die Frau fest. Wenn der Mann akzeptiert, kann man schreiben.

20 Minuten

Darum gehts

  • Rinsing ist ein Trend, der ursprünglich aus England kommt.
  • Dabei versenden zumeist Frauen Selfies gegen Geldbeträge oder Geschenke.
  • Zwei Engländerinnen haben so in einem Jahr umgerechnet rund 117’000 Franken verdient.
  • 20 Minuten OneLove macht den Selbsttest.

«Wenn du mich ohne T-Shirt sehen willst, dann schreibe mir. Ab fünf Franken pro Bild.» So lautet die Caption meines Profils auf der App Rinsing. Auf dem Profilbild lächle ich mit Hygienemaske unter einem Pseudonym in die Kamera. Die Maske trage ich, weil die App ein Foto des Gesichts für das Profilbild verlangt und ich mich nicht komplett zu erkennen geben möchte. Zudem können Bilder nicht vom Handy in die App hochgeladen werden – es sind also nur Live-Fotos möglich.

Was ist Rinsing?

Rinsing ist ein Trend, der ursprünglich aus England stammt. Dabei bieten zumeist junge Frauen Fotos, Videos oder einen Chat zum Tausch gegen Geld oder Luxusartikel an. Beim Rinsing ist es nicht üblich, dass sich die beiden Parteien jemals persönlich treffen. Es kann als Form der digitalen Prostitution gesehen werden. Im deutschsprachigen Raum gibt es dafür bereits eine gleichnamige App, die ab 18 Jahren freigegeben ist. Diese bietet Männern die Möglichkeit, mit ausgewählten Frauen diskret zu chatten, intime Live-Selfies auszutauschen und Coins zu versenden. Diese können 30 Tage nach Erhalt auf das Privatkonto überwiesen werden. Um die Frauen zu schützen, verhindert die App Screenshots.

Nachdem ich gelesen habe, dass zwei Engländerinnen mit Rinsing 100’000 Pfund (rund 117’000 Franken) pro Jahr und mehr verdienen, will ich das auch versuchen. Was kann daran schon so schwer sein? Ausserdem wünsche ich mir schon länger einen neuen Grill für rund 350 Franken – wenn ich den durch Unterwäsche- oder Bikini-Selfies bekomme, ist das Ansporn genug.

«Pro Chat verlange ich zehn Rappen»

Nach kurzem Googeln finde ich eine App, die mir genau das verspricht: Vergütung für Bilder oder auch nur für meine Anwesenheit. Da die Bewertungen fast durchwegs positiv sind, erstelle ich ein Profil.

Bereits nach wenigen Sekunden poppt eine Nachricht in meinem Postfach auf. Die meisten der Anfragen beginnen mit «Hey» oder sind Komplimente, was mein Selbstbewusstsein pusht. Pro Chat verlange ich umgerechnet zehn Rappen pro Tag – wer weiss, ob ich morgen überhaupt noch mit den Männern dort schreiben will?

«Nach zwei Wochen haben wir zusammen 70 Franken»

Bereits nach etwa einer Stunde bekomme ich das erste Angebot für ein Bild. Bedingung: ohne T-Shirt. Ohne lang zu überlegen, knipsen meine Mitredaktorin und ich schnell ein Bild von meinem hübschen Designer-BH – natürlich alles ohne Gesicht. Den Preis lege ich auf 6.50 Franken (150 Coins) fest und denke mir noch, dass wohl kein Kerl so viel für ein BH-Bild zahlen wird – denn zusammen mit den App-Gebühren bezahlt mein Gegenüber knapp 20 Stutz für das Foto! Meine Sorge ist unberechtigt: Ohne mit der Wimper zu zucken, werden die Coins meinem Konto gutgeschrieben.

Auch auf dem Konto meiner Mitredaktorin läufts: «Bereits nach einem Abend hatte ich satte 72 Coins, das sind umgerechnet zwar nur 3.10 Franken, aber die habe ich für acht Bilder bekommen, die man auch problemlos auf Instagram ansehen könnte.» Doch meine Kollegin plagt das schlechte Gewissen: «Da der Empfänger das Bild erst nach der Überweisung öffnen kann, könnte ich ihm theoretisch statt eines Bikinifotos ein Bild eines Sonnenuntergangs schicken. Und ich fühle mich etwas schlecht, Geld für Fotos zu verlangen, bei denen ich ja nicht mal weiss, ob sie dem Gegenüber überhaupt gefallen.»

Rund zwei Wochen lang haben wir beide in unregelmässigen Abständen die App besucht, uns Komplimente abgeholt, Fotos verschickt, gechattet und unangemessene Anfragen – wie etwa den Dreh eines Videos von unserem Toilettenbesuch oder das laszive Lecken einer Zahnbürste – ausgeschlagen. Das Resultat: Wir beide zusammen haben etwa 70 Franken verdient. Dumm nur, dass man sich die Beträge erst ab einer Summe von rund 50 Franken pro Konto auszahlen lassen kann und vom Verdienst bis zur Auszahlung 30 Tage vergehen müssen.

«Reich wird man mit Rinsing wohl nicht»

Fazit: Die App ist cool für zwischendurch und kann bei regelmässiger Nutzung für einen schönen Zustupf sorgen. Die meisten Männer auf der Plattform sind augenscheinlich zwischen 20 und 30 Jahren alt, und teilweise erinnert das Chatten eher an bezahltes Onlinedating. Durch die Schutzfunktionen der App können weder Screenshots noch Bildschirmaufnahmen erstellt werden, was mir persönlich ein gewisses Sicherheitsgefühl gegeben hat.

Dass man allerdings mindestens 50 Franken verdienen und noch einen Monat warten muss, bis das Geld ausbezahlt wird, finde ich ziemlich doof. Männer zahlen zudem knapp dreimal mehr als die Summe, die bei den Frauen letztendlich ankommt. Die Differenz geht an die App-Entwickler und den Playstore. Auch gibt es beim Rinsing kaum Schamgrenzen: Einige Frauen zeigen sich auf der App als Camgirls und filmen sich auch bei der Selbstbefriedigung, während andere sich nicht mal im Bikini zeigen. Reich wird man mit Rinsing also ziemlich sicher nicht, und auch das Gefühl, sich gerade als «Wichsvorlage» verkauft zu haben – egal, ob angezogen oder halb nackt – bleibt. Und damit der für mich unangenehme Geschmack einer Art digitaler Prostitution. Mit meinem Grillwunsch warte ich lieber bis zur nächsten Lohnauszahlung.

«Rinsing gibt Männern einen Schein von Macht»

Sexualwissenschaftlerin Andrea Burri. 

Sexualwissenschaftlerin Andrea Burri.

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Frau Burri, warum zahlen Männer für solche Bilder? Es gibt doch genug Gratis-Pornografie im Internet.

Ich denke, es hat mit dem «Fordern» zu tun. Man kann selber wählen, wer einem persönlich gefällt, und kann genau von dieser Person mehr verlangen. Den Männern gibt es einen Schein von Macht, weil die Frau auf der App genau das macht, was der Mann möchte. Dabei ist es eigentlich genauso eine Scheinwelt wie bei der Prostituierten, die einen tollen Orgasmus fakt.

Entgegen unseren Erwartungen sind die meisten Nutzer der App eher jünger. Woran liegt das?

Zuerst einmal kann man nicht sicher sagen, ob sie es auch tatsächlich sind. Da man sich für die App nicht verifizieren muss, kann sich hinter dem Profil eines 20-Jährigen auch jemand dreimal so Altes verstecken. Falls es dennoch so ist, liegt es eventuell an der Technologie. Diese ist für Jüngere deutlich einfacher und zugänglicher als für Ältere. Zudem glaube ich auch, dass es eine Generationenfrage ist: Die Älteren gehen lieber in Bordelle oder haben Escorts. Bei Jüngeren ist das Mindset schon anders.

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