26.08.2020 17:05

Ex-Drogenabhängige«Ich habe zehn Jahre meines Lebens zerstört»

Mit 15 Jahren wurde Jeannine Küpfer (30) heroinabhängig. Zehn Jahre lang konsumierte sie täglich und wurde als Junkie beschimpft. Seit fünf Jahren ist sie clean und will mit den Vorurteilen aufräumen.

von
Noah Zygmont

Darum gehts

  • Jeannine Küpfer (30) war zehn Jahre lang heroinabhängig.
  • Sie hat bis zu 2,5 Gramm à 140 Franken pro Tag konsumiert.
  • Seit fünf Jahren ist sie clean und will jetzt mit Vorurteilen aufräumen.

«Es ist ein komisches Gefühl, wieder auf der Rampe zu stehen. Es tut mir leid für alle, die den Ausstieg noch nicht geschafft haben», sagt Jeannine Küpfer (30). Sie trägt einen blauen Undercut-Haarschnitt, eine Sonnenbrille auf dem Kopf, Piercings im Gesicht. Das ärmellose Top zeigt ihre mit Tattoos bedeckten Unterarme. «Mut und Hoffnung» steht in arabischer Schrift darauf. Blaue Schmetterlinge, Schnörkel auf dem Décolleté. Jeannine steht vor einem alten, bröckelnden Haus. Es scheint, als wäre es länger nicht mehr saniert worden. Sie blickt auf ein kleines Podest. Darauf steht ein kleines, abgenutztes, schwarzes Sofa. Das Polster zerkratzt, die Lehne existiert nicht mehr. Die Sonne scheint auf den selbst gebastelten Aschenbecher aus Aluminium. Jeannine atmet einmal tief ein. Geniesst das Gefühl der Freiheit.

«Hier bin ich stundenlang gesessen und habe auf meinen Dealer gewartet. Manchmal war er schon da, dann bin ich gleich wieder verschwunden. An anderen Tagen dauerte es Stunden, bis er auftauchte.» Es sei ein komisches Gefühl, wieder hier zu stehen. Jeannine war zehn Jahre lang heroinabhängig. Im Alter von 15 Jahren habe sie sich das erste Mal eine Dosis durch die Nase gezogen. «Der Mensch, den es in mir zum Vorschein brachte, gefiel mir sehr gut. Ich fühlte mich wohlig warm, geborgen, geliebt», beschreibt sie das Gefühl des Kicks. Ihr Umfeld erlebte sie als aufgestellt, glücklich und engagiert. Bei der Arbeit wurde sie vom Chef gelobt. «Das bestätigte mich in dem, was ich tat. Dann suchte ich immer wieder das Gefühl vom ersten Mal. Man findet es aber nie wieder.»

«Sie meinten, ich könne ja einfach aufhören. Aber so ist es eben genau nicht!»

Jeannine Küpfer

An einem Dorffest im bernischen Burgdorf habe sie zum ersten Mal härtere Drogen genommen. «Hier hat alles angefangen», sagt sie. Zwei Freundinnen von ihr konsumierten Heroin. Jeannine drängte immer wieder und wollte es auch ausprobieren. Sie steht vor der Toilette, in der ihre Freundin damals eine Linie Kokain bereitgelegt hatte. Gross verändert habe sich das Klo in Burgdorf seither nicht: «Es ist immer noch genau so siffig.» Es sei unschön, wieder neben der Toilette zu stehen. «Mir läuft es kalt den Rücken hinunter, wenn ich zurückdenke.» Sie wusste zwar, dass der Konsum schädlich war, genau wie bei Zigaretten. Machte es aber trotzdem. «Vielleicht war es auch der Kick, etwas Verbotenes zu machen, um auf Augenhöhe mit meinen Freundinnen zu sein.»

Jeannine Küpfer (30) war zehn Jahre lang abhängig von Heroin.

Zu Beginn konsumierte Jeannine nur gelegentlich Heroin. Steigerte die Dosis aber schnell. Von anfänglich 0,2 Gramm am Tag bis hin zu 2,5 Gramm à 140 Franken zu ihren schlimmsten Zeiten. Zehn Jahre lang. In den Arm habe sie es sich aber nie gespritzt, sondern durch die Nase gezogen. Einerseits war da die Angst vor Spritzen, andererseits wollte sie sich die Sucht äusserlich nicht anmerken lassen: «Wenn dir jemand Junkie hinterherruft, verletzt dich das sehr. Damals habe ich deshalb immer darauf geachtet, mich anständig zu kleiden, mich zu pflegen und zu schminken. So konnte ich die Beschimpfungen gegen mich reduzieren.» Auch ihre Eltern hätten erst davon erfahren, als sie 18 Jahre alt war. Damals sei Jeannine nach einer Schulreise plötzlich zusammengebrochen. Der Stoff fehlte, sagt sie. Später, als ihre Sucht in ihrem engsten Umfeld bekannt war, wurde sie oftmals mit diversen Vorurteile konfrontiert. «Sie meinten, ich könne ja einfach aufhören. Ich sei ja nicht krank. Aber so ist es eben genau nicht!»

Beginn eines neuen Lebensabschnitts

In der Schule würde man lernen, dass man beim ersten Mal abhängig werde. «Bei mir war es allerdings nicht so», meint Jeannine. «Am nächsten Morgen ging es mir wunderbar, und ich hatte keine Entzugserscheinungen.» Nach einer weiteren Dosis merkte sie, wie sich eine Art Grippe anschleiche. «Das passiert, wenn du keinen Stoff einnimmst», sagt sie. «Das würde vorbeigehen, denkt man sich dann. Und dann bist du irgendwann zu tief drin.» Ein Entzug sei hart. Die Beine würden zittern, man fühle sich «richtig scheisse», und: «Das Schlimmste ist der Gestank deines Schweisses. Du riechst widerlich.» Nach vier Jahren meldete sich Jeannine bei der Abgabestelle. Man kriege da saubere Utensilien und medizinische Produkte zum Konsumieren, die nicht von der Strasse seien. Zudem habe man einen Ansprechpartner, um die Sucht langfristig zu bekämpfen. Einige Male wurde Jeannine wieder rückfällig. Mit 25 Jahren konnte sie einen Schlussstrich ziehen.

Niemand glaubte daran, dass Jeannine aus der Sucht rauskommen würde. «Ich wäre zu negativ eingestellt, hiess es immer. Am 31. Dezember 2014 lief ich dann aber in die Abgabestelle und sagte, dass es mein letztes Mal hier wäre, es war schön und tschüss zusammen». Sie strahlt. Denkt gerne zurück an den Tag. Dafür habe sie sechs Jahre lang gearbeitet. Silvester sei für sie an diesem Tag zweitrangig. Sie feiere den Beginn eines neuen Lebensabschnitts.

«Du verletzt so viele Menschen, betrügst dich selbst.»

Jeannine Küpfer

Jeannine geht noch in eine Therapie. Die psychischen Wunden, die durch die Sucht verdrängt wurden, kann sie nun aufarbeiten. «Ohne Heroin ist mein Kopf klar, und ich bin bereit, um an mir selbst zu arbeiten.» Aber Jeannine hat auch Träume. Sie möchte mit ihrem Freund die Welt bereisen, Soziale Arbeit studieren und später einmal mit Jugendlichen mit Suchtproblemen zusammenarbeiten. Sie möchte ihre Erfahrungen teilen und ihnen professionelle Hilfestellungen anbieten. Ihre Stimme zittert: «Ich bin kein Vorbild, nur weil ich jetzt studieren gehe und aus der Sucht raus bin.» Rückblickend sei die Zeit sehr schlimm gewesen. Jeannine weint, nimmt ihren Freund in den Arm: «Du verletzt so viele Menschen, betrügst dich selbst, verlierst viel Geld und hast vielleicht noch gesundheitliche Schäden.» Man zerstöre einfach alles. «Ich habe mir zehn Jahre meines Lebens zerstört.»

Jeannine zeigt unserem Reporter den Ort in Burgdorf BE, an dem sie das erste Mal Drogen konsumierte.

In ihrem Blog «Jane’s Tagebuch» will Jeannine aufklären. Mit Vorurteilen aufräumen, Schüler mehr unterstützen und auf die Thematik sensibilisieren. «Für mich persönlich ist es auch eine Art Heilung. Mir kommen beim Schreiben immer wieder Dinge in den Sinn, die ich schon fast vergessen hatte. Ich will das Vergangene nicht vergessen, sondern das Beste daraus festhalten.» Wenn sie damit ein paar Leute zum Nachdenken bringe, habe sie schon etwas erreicht, sagt sie. «Mein Ziel ist es, meine Sucht und gleichzeitig meine frühere Schwäche zu meiner grössten Stärke zu machen.»

Hast du Probleme mit Heroin oder anderen Substanzen?

Hier findest du Hilfe:

Gratisnummer der Sucht Schweiz: 0800 104 104 (Di bis Do 9 bis 12 Uhr)

Onlineberatung: safezone.ch

Beratungsstellen finden: suchtindex.ch

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181 Kommentare
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Black Pearl

27.08.2020, 23:44

Auch fast food ist eine Sucht und jeder der zu dieser Leistung keine Achtung hat sollte mal auf die Waage stehen und sich nur eine Woche an gesunde Ernährung halten.

Max

27.08.2020, 20:39

hi Absolut Hochachtung und Respekt bist echt eine tolle Frau.... bravo...

ExJunkie

27.08.2020, 19:47

Super, wie sie das kommentiert. Ich wünsche Ihr von Herzen, dass sie es durchzieht. Bin ein ehemaliges Platzspitzkid. Habe am 10 Okt. mein 30 jähriges Clean-Jubiläum.. Ich kann nur sagen, wer diese Hölle durchgemacht hat, wird alle Probleme im Leben durchstehen. Hab mittlerweile von 0 auf Masterdiplom gemacht und arbeite nun als Lehrer mit Jugendlichen. Du kannst jetzt auch alles erreichen, weil es einfach nichts Härteres gibt, als auszusteigen. Alle sog. Probleme, die die heutige Gesellschaft hat, sind pipifatz gegen die Hölle, durch die wir gegangen sind. Stay clean!