Aktualisiert 28.02.2014 09:20

Mindestlohn

«Ich habe zuletzt vor fünf Jahren Ferien gemacht»

Markus Kümin (51) ist angestellter Taxifahrer und verdient rund 2400 Franken pro Monat. Obwohl er seine Stelle verlieren könnte, spricht er sich für die Mindestlohninitiative aus.

von
Roman Neumann
Der Basler Taxifahrer Markus Kümin (51) verdient im Monat lediglich etwa 2400 Franken.

Der Basler Taxifahrer Markus Kümin (51) verdient im Monat lediglich etwa 2400 Franken.

Wer sich kein eigenes Auto leisten kann und Taxifahrer werden will, schliesst sich in Basel einem Taxihalter an. Er erhält einen geleasten Mercedes, so wie Markus Kümin, 51 Jahre alt, gelernter Spediteur, geschieden. Dafür gibt er am Ende des Monats die Hälfte seines Umsatzes seinem Chef ab.

Viel bleibt da nicht übrig. Ungefähr 2400 Franken verdiene er im Monat, sagt Kümin. Plus etwas Trinkgeld. Immer donnerstags, an seinem freien Tag, sitzt Kümin am Mittag in seiner Lieblings-Pizzeria. Es ist sein einziger Luxus der Woche: Eine Pizza und ein Bier – für «sündhaft teure 25 Franken», sagt er und lacht vergnügt. Er hadert nicht mit seinem Schicksal.

Taxifahrer werden nur wenige freiwillig – irgendwann bleibt nichts mehr anderes übrig. Der Weg von Kümin gleicht anderen Schicksalen: Arbeitslosigkeit, Scheidung, Leben von der Sozialhilfe, Schulden, Alimente. Eines Tages entschied sich Kümin, Taxi zu fahren. «Bis jetzt habe ich mich immer irgendwie durchgeschlagen.»

Stundenlohn: Fr. 16.44

Miete, Strom, Telefon. Das sind die Fixkosten, die er versucht, so regelmässig wie möglich zu bezahlen. Der Rest muss warten. Die Versicherungen, das Steueramt. Er wohnt in einer Zweier-WG, 700 Franken beträgt die Miete. Froh ist er, wenn er pünktlich zahlen kann. «Das gelingt mir nicht immer.»

Der 51-Jährige, der kaum mehr reelle Chancen auf einen anderen Job hat, rechnete es aus. Jeden Tag seit Januar 2013 setzte er sich hin, führte penibel Buch. «Im Schnitt habe ich übers ganze Jahr 2013 einen Stundenlohn von Fr. 16.44 gehabt.» Kümin meint dabei das ganze Jahr, wortwörtlich. 12 Monate Arbeit. «Ferien habe ich zuletzt vor fünf Jahren

gemacht.»

«Wirtschaft kanns verkraften»

Was die Annahme der Mindestlohninitiative bedeuten könnte, dessen ist er sich bewusst. «Die Taxihalter müssten plötzlich massiv mehr Löhne zahlen.» Und das könne dazu führen, dass sein Unternehmen sich vielleicht von ihm trennen müsste. «Ich würde hoffen, bleiben zu können. Aber ja, das Risiko besteht.»

300'000 Tieflohnbezüger seien betroffen, «das kann die Schweizer Wirtschaft verkraften, das ist doch ein Klacks», sagt Kümin. «Danach pendelt sich alles wieder ein.» Man müsse nur in Lösungen denken. Ausreden, nicht zu handeln, finde man immer. «Ich wünsche mir von allen etwas mehr Mut.»

Betroffen seien derzeit vor allem der Detailhandel oder das Gastgewerbe. Er hofft auf eine Annahme: «Und wenn ich danach halt im Restaurant 10 Rappen mehr für einen Kaffee bezahlen muss, das mach ich dann sogar gern. Und das bei meinem Einkommen.»

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