Aktualisiert 31.12.2012 19:10

Weltberühmtes Bild

«Ich hätte mein Eis-Auto nicht verkaufen sollen»

Der Eis-Audi ging um die Welt. Knapp ein Jahr und 6000 Kilometer später ist er längst in Einzelteile zerlegt – doch der Besitzer zehrt immer noch vom Werbeerfolg.

von
Antonio Fumagalli

Noch vor einem Jahr konnte Jean-Christophe Fornasari völlig unbehelligt durch das Genfersee-Städtchen Versoix spazieren. Nun wird er laut eigener Aussage alle paar Meter angesprochen. Und er hat dafür nicht mal viel leisten müssen – er parkierte am 3. Februar 2012 schlicht und einfach sein Auto zur falschen Zeit am falschen Ort. Wind, Wasser und frostige Temperaturen machten sein Gefährt innert Stunden zum wohl berühmtesten Audi der Schweiz, die internationalen Schlagzeilen liessen nicht lange auf sich warten.

Das Bild des vereisten Autos passte wunderbar als Symbolbild für die Kältewelle, die Anfangs Februar Westeuropa fest im Griff hatte. Medien von Deutschland über Südamerika bis nach China zeigten die spektakulären Bilder von der Uferpromenade, RTL reiste sogar mit einem ganzen Team aus Köln an.

Keine Busse trotz überlangem Parkieren

Drei Wochen und ein paar Plustemperaturen später war das Auto wieder eisfrei. Das Blitzlichtgewitter liess nach, doch ruhig wurde es nicht. «Ein Kamerateam von Audi wollte dabei sein, wenn mein Wagen wieder losfährt. Doch die Filmcrew aus Deutschland konnte erst ein paar Tage später vorbeikommen», sagt der Zahntechniker aus Onex. Fornasari fürchtete eine saftige Busse wegen überlangem Parkieren. Doch der Bürgermeister von Versoix versicherte ihm persönlich, dass er sein Auto so lange stehen lassen könne, wie er wolle – ein besserer Werbeauftritt für sein Städtchen hätte er sich ja kaum erträumen können.

Die Audi-Werber kamen dann schliesslich doch nicht und Fornasari kurvte noch weitere 6000 Kilometer durch die Gegend. Doch des Autos Lebensabend nahte, ein moderneres Modell musste her. Als Abschiedsfahrt wurde eine Ferienreise in die Bretagne auserkoren, wenig später stand Fornasari in der Audi-Garage. Zu seiner Enttäuschung wollte man ihm trotz des grossen Werbeeffekts keinen Rabatt gewähren. Ganz anders VW, das paradoxerweise zum gleichen Konzern wie Audi gehört. Sie nahmen das Auto entgegen, verscherbelten es an einen Altwarenhändler und gewährten Fornasari Vorzugskonditionen für den Kauf eines Neuwagens.

Bildnachbar von Barack Obama

Kaum war das weltberühmte Auto in seine Einzelteile zerlegt, kamen die Gewissensbisse: «Ich hätte es wohl nicht verkaufen sollen», sagt Fornasari heute, «zu viele Emotionen waren damit verbunden.» Doch wo hätte er es hingestellt? Zusätzlichen Platz in der Garage gibt es nicht und des Bürgermeisters Versprechen wollte er auch nicht überstrapazieren.

Fornasari bleibt die Hoffnung, dass Bestandteile seines ehemaligen Wagens irgendwo in der Welt weiterleben. «Wenn nicht, bleibt mir die Erinnerung an eine Geschichte, die mein Jahr 2012 massgeblich geprägt hat», sagt Fornasari. Zumindest in den Bücherregalen ist dem Audi ein Platz für die Ewigkeit beschieden, die renommierte Agentur AFP hat das Foto auf die Titelseite seines Jahrbuchs gehievt - mit Usain Bolt, Jean Dujardin und Barack Obama als Bildnachbarn.

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