«Ich halte es nicht mehr aus hier»
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«Ich halte es nicht mehr aus hier»

Direkt unter seiner Wohnung in Stäfa gehen Menschen aus halb Europa den letzten Weg. Doch auch für den Dignitas-Nachbarn R.H. ist das Leben inzwischen nicht mehr lebenswert.

«Ich halte es nicht mehr aus hier. Meine Frau und ich müssen unbedingt eine neue Wohnung finden.» R.H.* ist verzweifelt. Er wohnt direkt über der Sterbewohnung, in der Dignitas seit Mitte September Menschen in den Tod begleitet. R.H. klagt im Gespräch mit 20minuten.ch über psychische Probleme, wirkt niedergeschlagen und verstört. Auch die grosse mediale Aufmerksamkeit, die sich auf das sonst so ruhige Quartier richtet, macht ihm zu schaffen - «im Moment steht das Französische Fernsehen vor der Haustüre.»

«Wir wollten hier alt werden»

Man könne der Situation einfach nicht ausweichen, so R.H.: «Die Menschen gehen im Rollstuhl oder zu Fuss in die Wohnung hinein und werden dann drei, vier Stunden später im Sarg über den Gartensitzplatz hinaus getragen.» Für ihn und seine Familie – R.H. hat mehrere Enkelkinder – eine unhaltbare Situation. Seit 15 Jahren lebt er schon an der Glärnischstrasse und hier wollte er auch alt werden. Fast eine Million hat er für die Eigentumswohnung bezahlt, aber «für eine solche Wohnung bezahlt doch jetzt niemand mehr etwas».

Bis zu 200 Sterbebegleitungen im Wohnquartier

Ein bis zwei Sterbebegleitungen hätten pro Woche in Stäfa mitten im Wohnquartier durchgeführt werden sollen. «Insgesamt wollte Dignitas-Gründer Ludwig A. Minelli 200 Menschen pro Jahr in der Sterbewohnung in den Tod begleiten», weiss Felix Valentin, Anwohner und Mitglied der Eigentümergemeinschaft Dorfhalde 1, an der die Glärnischstrasse liegt.

Mehr Informationen haben weder er noch die anderen Anwohner erhalten. «Wir hatten nie Kontakt mit Ludwig A. Minelli. Er hat uns nie informiert.» Selbst R.H. wusste erst am 13. September, wer in die freistehende Wohnung unter ihm einziehen wird. «Wir dachten, am 1. Oktober kommt der neue Mieter und haben uns schon gefreut.» Gekommen sind Todkranke und Sterbewillige – und das bereits Mitte September.

Verfahren der Anwohner gegen Dignitas

Die Anwohner schlugen sofort Alarm. «Wir haben letzte Woche einen Anwalt eingeschaltet und ein Verfahren eingeleitet. Wir wollen prüfen, ob die Sterbehilfe in unserem Wohnquartier gerichtlich untersagt werden kann», erklärt Valentin.

Unterstützung erhalten die Anwohner von der Gemeinde, die am 18. September in einer Verfügung die Suizidhilfe inmitten eines Wohnviertels per sofort untersagt. Das Verbot gilt so lange, bis eine rechtskräftige Baubewilligung vorliegt. Bis allerspätestens Ende Woche muss der Sterbebetrieb an der Glärnischstrasse eingestellt werden, betonte der Gemeindeschreiber Daniel Scheidegger am Freitag gegenüber 20minuten.ch

Auch in der Stadt Zürich ist bald Schluss mit der Sterbebegleitung. Per Ende September läuft der Mietvertrag der Dignitas für die Sterbewohnung an der Gertrudstrasse aus. Zudem fordert auch die Stadt Zürich eine Baubewilligung mit Nutzungskonzept für die Wohnung.

Wo also soll in Zukunft gestorben werden? Ludwig A. Minelli wollte auf Anfrage von 20minuten.ch keine Angaben machen. «Ich bin beschäftigt», war sein Kommentar, bevor er den Hörer einhängte. Angesichts der prekären Wohnungssituation bei Dignitas ist das wenig verwunderlich.

*Name der Redaktion bekannt

Tina Fassbind, 20minuten.ch

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