Freispruch für Schütze - «Ich hatte Angst» – Zürcher Polizist schiesst 11 Mal auf Angreifer
Aktualisiert

Freispruch für Schütze«Ich hatte Angst» – Zürcher Polizist schiesst 11 Mal auf Angreifer

Ein Zürcher Stadtpolizist steht am Dienstag vor dem Obergericht. Er hatte 2015 in Wiedikon elf Schüsse auf einen Angreifer abgefeuert.

von
Stefan Hohler
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Insgesamt elf Schüsse hat ein Zürcher Stadtpolizist auf einen bewaffneten Angreifer abgegeben.

Insgesamt elf Schüsse hat ein Zürcher Stadtpolizist auf einen bewaffneten Angreifer abgegeben.

BRK News
Vor Obergericht sagte er, dass er aus Angst auf den Angreifer geschossen habe.

Vor Obergericht sagte er, dass er aus Angst auf den Angreifer geschossen habe.

20min/Lynn Sachs
Der Staatsanwalt fordert einen Freispruch, das Obergericht folgte ihm.

Der Staatsanwalt fordert einen Freispruch, das Obergericht folgte ihm.

20min/Thomas Mathis

Darum gehts

  • Ein 42-jähriger Mann ist 2015 mit einem Fleischmesser auf mehrere Polizisten losgegangen.

  • Einer von ihnen gab elf Schüsse ab, der Angreifer wurde schwer verletzt.

  • Vor dem Zürcher Obergericht verlangt der Polizist einen Freispruch vom Vorwurf der versuchten Tötung.

Mit einem 25 Zentimeter langen Fleischmesser ist ein 42-jähriger Äthiopier im Dezember 2015 durch die Birmensdorferstrasse in Zürich-Wiedikon gegangen. Als Streifenwagenpolizisten den Mann kontrollieren wollten, rief dieser «Kill me, kill me!» und ging auf sie los. Zwei der sieben Polizisten zückten ihre Waffen und gaben insgesamt 13 Schüsse ab. Das Opfer wurde von sechs Kugeln getroffen und schwer verletzt.

Einer der beiden Schützen ist wegen versuchter Tötung angeklagt und stand am Dienstag vor dem Zürcher Obergericht. Dieses hat ihn wie schon die Vorinstanz wegen Notwehr freigesprochen, so wie es auch der Staatsanwalt verlangt hatte. An der Verhandlung sagte der 34-jährige Stadtpolizist, dass er den Äthiopier laut auf Englisch aufgefordert habe, das Messer wegzuwerfen. «Die Situation wurde immer bedrohlicher.» Als der Äthiopier mit dem Messer weiter auf ihn zuging, habe er gewusst: entweder er oder ich.

«Es war eine Ausnahmesituation»

Der Polizist beteuerte, nicht auf den wegrennenden Mann geschossen zu haben. Als der Richter fragte, wie er dann den Schuss im Rücken des Äthiopiers erkläre, sagte der Polizist, dass es sich um eine dynamische Situation gehandelt habe. Ein Gerangel, das er nicht mehr erklären könne. «Es war eine Ausnahmesituation, ich hatte Angst.»

Die Untersuchung sei gründlich erfolgt, argumentierte das Obergericht. Das betreffe insbesondere auch die Spurenauswertungen, die den Ablauf des Vorfalls gut dokumentiert hätten. Das Ganze sei sehr schnell abgelaufen, die eigentliche Schiesserei habe nur gerade zehn Sekunden gedauert. «In dieser Zeit ist sehr viel passiert, es war sehr hektisch.» Für das Gericht gibt es auch keine Hinweise, dass die involvierten Polizisten sich abgesprochen hätten.

Bezüglich dem angeblichen Rückenschuss sagte der Richter, dass der Schuss eben nicht von hinten in den Rücken des flüchtigen Äthiopiers erfolgt sei, sondern im Gerangel von unten durch die Lenden des Opfers und dann durch seinen Rucksack erfolgt sei.

Freispruch für Angreifer

Der Anwalt des Opfers forderte eine Verurteilung und eine angemessene Bestrafung. «Das Bezirksgericht hat die Beweise einseitig und willkürlich gewürdigt.» Der Polizist habe offensichtlich die Nerven verloren, der Einsatz sei vollkommen aus dem Ruder gelaufen. «Nicht alle elf Schüsse waren in rechtfertigender Notwehr erfolgt», so der Anwalt.

Er kritisierte auch die anderen am Einsatz beteiligten Polizisten, die sich mit dem Beschuldigten abgesprochen hätten: «Das ist Korpsgeist in Reinkultur.» Sein Mandant leide an paranoider Schizophrenie und habe immer noch grosse Schmerzen. «Er hat sich sozial isoliert, sein Leben ist ruiniert.» Das Bezirksgericht Zürich hatte ihn 2016 vom Vorwurf der versuchten schweren Körperverletzung freigesprochen und eine ambulante Therapie angeordnet.

«Er handelte in Notwehr»

Der Staatsanwalt und der Anwalt des Stadtpolizisten verlangten eine Bestätigung des Freispruchs. «Die Aussagen des Beschuldigten sind glaubhaft und werden durch die Untersuchungen bestätigt», so der Staatsanwalt. Der Anwalt ergänzte: «Es herrschte permanent eine Lebensgefahrsituation, mein Mandant hatte Todesangst und handelte in Notwehr.» Der Mann arbeitet nicht mehr als Streifenwagenpolizist, sondern ist intern in der digitalen Forensik tätig.

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Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Kinderseele Schweiz, Beratung für psychisch belastete Eltern und ihre Angehörigen

Verein Postpartale Depression, Tel. 044 720 25 55

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

Agredis, Gewaltberatung von Mann zu Mann, Tel. 078 744 88 88

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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