Aktualisiert 09.08.2015 08:31

Interview mit Eritreer

«Ich hatte die Illusion, in Europa sei alles möglich»

Der eritreische Flüchtling Nahom S.* lebt seit rund zehn Jahren in der Schweiz. Er erzählt von Eritrea-Partys und Reisen seiner Landsleute in die Heimat.

von
daw
In Chiasso endete die Reise von Nahom S. Sein Ziel wäre England oder Schweden gewesen (Symbolbild).

In Chiasso endete die Reise von Nahom S. Sein Ziel wäre England oder Schweden gewesen (Symbolbild).

Herr S., warum sind Sie in die Schweiz gekommen?

Wie alle Eritreer zwischen 18 und 40 musste ich Militärdienst leisten. Nachdem ich drei Jahre im Nationaldienst war, kam ich an einen Punkt, an dem ich einfach nicht mehr konnte. Die Aussicht auf weitere Jahre als Soldat bewogen mich zur Fahnenflucht, obwohl ich mein Land eigentlich nie verlassen wollte. Ich träumte zudem davon zu studieren, was ich in Eritrea nicht konnte. Ich hatte die Illusion, dass dies in Europa möglich sein würde.

Wie schafften Sie es in die Schweiz?

Die grosse Sahara kann man nicht alleine überwinden. Das schafft man nur mit der Hilfe von Schleppern, denen man Geld bezahlt. Ich bin dann via den Sudan und Libyen in einem Boot über das Mittelmeer gekommen. In Italien musste ich auf der Strasse schlafen, ohne Essen oder richtige Kleidung. Da merkte ich, dass ich nicht im Paradies gelandet bin. Mein Ziel war dann England oder Schweden, weil ich etwas Englisch konnte. Am Ende bin ich in der Schweiz gelandet. Die Grenzwache hielt mich an, als ich in Chiasso zu Fuss die Grenze passieren wollte.

In der Schweiz streitet die Politik darüber, ob Eritreern Asyl gewährt werden soll. Wie schlimm ist die Menschenrechtslage in Ihrem Land?

Der Unterschied zur Schweiz ist, dass man keinerlei Freiheiten hat. Ich kann nur sagen, wie die Lage 2005 in Asmara ausgesehen hat: An jeder Ecke standen Soldaten mit Schlagstöcken und Gewehren, mehrmals am Tag wurde ich angesprochen und ausgehorcht. Die Bedrohung war allgegenwärtig.

Trotzdem berichten die Medien über Fälle von anerkannten Flüchtlingen aus Eritrea, die Ferien in der Heimat machen.

Solche Fälle gibt es. In meinem Umfeld gibt es eine Familie, die vor ein paar Tagen nach Eritrea reiste, um Verwandte zu besuchen. Die Reiseroute führt zunächst nach Deutschland oder Italien und von dort via Ägypten oder den Sudan nach Eritrea. Ein anderer Grund für die Reisen sind Krankheiten. So ist eine Bekannte zweimal nach Eritrea gereist, weil Wasserquellen eine heilende Wirkung nachgesagt wird. Erst am Montag sagte meine Mutter am Telefon zu mir: «Ausser dir sind alle Flüchtlinge aus Europa oder den USA nach Hause gekommen.»

Warum reisen Sie nicht zurück? Ihre Mutter würde sich freuen.

Weil ich nicht mit dem Regime, das mich an Leib und Leben bedroht hat, kooperieren möchte. Ich müsste einen sogenannten Letter of Regret unterzeichnen und zwei Prozent meines Einkommens abliefern. Das ist der einzige Weg, wie die Regierung in Asmara an Devisen herankommen kann.

Engagieren Sie sich gegen die Regierung in Asmara, etwa in der Internetbewegung Eritrean Youth for Democratic Change?

Nein, ich bin nicht politisch aktiv. Die Spaltung des eritreischen Volkes in Regierungsgegner und Regierungsfreunde, die sich auch durch die orthodoxe Kirche zieht, tut mir weh.

Feiern Sie im Mai jeweils die Unabhängigkeit Eritreas?

Nein. Aber in den Schweizer Städten wie Zürich, Bern, Lausanne und Genf finden jeweils Feiern statt, an denen Vertreter der Regierung sowie der Honorarkonsul teilnehmen. Zu diesen Anlässen, bei denen Propaganda für das Regime betrieben wird, gehen auch Leute, denen die Schweiz in den letzten Jahren Schutz gewährt hat. Das finde ich mehr als fragwürdig.

Vor allem junge Männer kommen als Asylsuchende in die Schweiz. Warum?

Für Frauen ist die gefährliche Reise durch die Sahara kaum zu schaffen. Zudem ist es in Eritrea üblich, dass sich junge Frauen durch die Heirat mit älteren Männern dem Militärdienst entziehen. Haben die Frauen ein Kind, müssen sie keinen Dienst leisten.

Sind Sie der Schweiz dankbar dafür, dass man Sie aufgenommen hat?

Ich bin sehr dankbar. Die Integration ist aber sehr schwierig, auch weil wir Eritreer zurückhaltend sind und kaum mit Schweizern in Kontakt kommen. Meine Ausbildung wird nicht anerkannt, und ich konnte bei meiner Ankunft kein Wort Deutsch. Ich habe in der Gastrobranche gearbeitet, jetzt suche ich aber wieder seit über einem Jahr nach einer Stelle. Leider ist es ohne Vitamin B fast unmöglich, etwas zu finden. Es frustriert mich, wenn ich dann höre, wir Eritreer seien faul, weil wir auf Sozialhilfe angewiesen sind. Das ist einfach nicht wahr.

* Name der Redaktion bekannt

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