Frauen beim Arzt - «Ich hatte eine Gehirnentzündung – doch der Arzt sagte, ich sei magersüchtig!»
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Gendermedizin«Ich hatte eine Gehirnentzündung – doch der Arzt sagte, ich sei magersüchtig!»

Fehldiagnosen, zu späte Behandlungen, Todesfälle: In der Medizin haben weibliche Patienten bei manchen Krankheiten schlechtere Karten als männliche. Die Gründe dafür sind vielfältig. 20-Minuten-Leserinnen und eine Expertin berichten.

von
Gabriela Graber
Christiane Binder
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Frauen werden bei Ärzt*innen anders behandelt als Männer – was negative Konsequenzen haben kann. Die Gründe dafür sind vielfältig. (Symbolbild)

Frauen werden bei Ärzt*innen anders behandelt als Männer – was negative Konsequenzen haben kann. Die Gründe dafür sind vielfältig. (Symbolbild)

Pexels 
Unter anderem ist dies auf den «Gender Data Gap» zurückzuführen: Die Datenlücke besteht, weil in medizinischer Forschung der normalschwere Mann als Massstab gilt. (Symbolbild)

Unter anderem ist dies auf den «Gender Data Gap» zurückzuführen: Die Datenlücke besteht, weil in medizinischer Forschung der normalschwere Mann als Massstab gilt. (Symbolbild)

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Die 45-jährige Lea* fühlte sich vor Jahren als Opfer des Gender Data Gaps: «Es wurde ständig behauptet, ich sei magersüchtig – doch ich hatte eine Gehirnentzündung! Ich fühlte mich unglaublich hilflos und nicht ernst genommen.»

Die 45-jährige Lea* fühlte sich vor Jahren als Opfer des Gender Data Gaps: «Es wurde ständig behauptet, ich sei magersüchtig – doch ich hatte eine Gehirnentzündung! Ich fühlte mich unglaublich hilflos und nicht ernst genommen.»

Privat 

Darum gehts:

  • Eine Studie aus Kanada zeigte, dass Frauen eher starben, wenn sie von einem Mann operiert wurden.

  • Auch die Gender-Datenlücke trägt dazu bei, dass Frauen in der Medizin nicht gleich wie Männer behandelt werden.

  • Drei 20-Minuten-Leser*innen erzählen von ihren Erlebnissen bei der*m Ärzt*in.

  • «Die Rolle der Frauen in der Medizin müsste gestärkt werden», sagt Professor Cathérine Gebhard. «Hier stehen wir in der Schweiz noch am Anfang.»

Eine Studie aus Kanada aus dem Jahr 2021 mit 1,3 Millionen Patient*innen zeigt: Frauen haben bei Operationen eine 32 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit zu sterben, wenn sie von einem Mann operiert werden. Die Untersuchung scheint Bekanntes zu bestätigen: Frauen und Männer werden in der Medizin nicht gleich behandelt, sowohl in der Forschung als auch in der Arztpraxis. Die Gründe sind komplex. Auch die Autor*innen der kanadischen Studie finden für ihre Ergebnisse keine eindeutige Erklärung. Doch vermutet Co-Autorin Angela Jerath einen «impliziten Geschlechterbias» bei Chirurgen, der auf möglicherweise «unbewussten, tief verankerten Vorurteilen, Stereoypen und Einstellungen» wurzelt.

Auch der «Gender Data Gap» trägt dazu bei, dass Frauen in der Medizin nicht gleich wie Männer behandelt werden. Damit wird die Datenlücke bezeichnet, die entsteht, weil die Standard-Testperson vieler medizinischer Studien, aus denen Diagnose- und Behandlungsempfehlungen abgeleitet werden, immer noch ein normal schwerer Mann ist. Dabei zeigen viele Krankheiten bei Männern und Frauen unterschiedliche Symptome, was zu falschen Diagnosen führen kann. Ein bekanntes Beispiel sind Herzinfarkte, die sich bei Frauen weniger mit dem klassischen Brustschmerz äussern. Einer deutschen Studie zufolge dauert es bei Frauen über 65 Jahren mit Symptomen eines Herzinfarktes im Schnitt über viereinhalb Stunden, bis sie in die Notaufnahme kommen – Männer gleichen Alters sind eine Stunde früher in medizinischer Behandlung.

Auch 20-Minuten-Leserinnen haben sich wegen ihres Geschlechts in der Arztpraxis schon einmal benachteiligt und nicht ernst genommen gefühlt. Ob sie tatsächlich Opfer eines Geschlechterbias oder des «Gender Data Gaps» wurden, kann im Rahmen dieses Artikels nicht überprüft werden.

Lea* (45): «Irgendwann hiess es, ich sei magersüchtig und depressiv»

«Mit 22 Jahren konnte ich plötzlich nicht mehr ruhig sitzen, hatte einen hohen Puls und wurde vergesslicher. Als ich eines Tages meine Beine nicht mehr richtig spürte und begann, alles doppelt zu sehen, ging ich ins Spital. Es folgten unzählige Untersuchungen, auf dem Notfall, dann in der Neurologie – doch konnte sich niemand meinen Zustand erklären.

Es ging mir immer schlechter, ich verlor den Appetit und vergass Dinge, die ich gesagt hatte. Irgendwann begannen die Ärzte, meine Symptome auf die Psyche abzutun: Ich sei magersüchtig und depressiv, hiess es. Dass das nicht der Fall war, konnte auch mein Hausarzt bestätigen, der mich seit vielen Jahren kennt.

«Diagnose: Gehirnentzündung»

Nach zwei Wochen im Spital wurde eine Rückenmarkbiopsie gemacht und ich erhielt eine Diagnose: Gehirnentzündung. Ich denke, dass ein Mann mit meinen Symptomen anders behandelt worden wäre. Als die Ärzte darauf bestanden, ich hätte psychische Probleme und sei magersüchtig, fühlte ich mich unglaublich hilflos und nicht ernst genommen.»

Mareike* (29): «Der Arzt wollte mich nicht mal untersuchen»

«Ein Arzt wollte mir nicht glauben, dass ich Angina hatte und dringend ein Antibiotikum brauchte. Dabei hatte ich ihm gesagt, dass ich schon oft an Angina erkrankt war und dass ich meine Symptome wiedererkannte. Er wollte mich nicht mal untersuchen, sondern behauptete, ich hätte einen Sonnenstich. Ich musste einen Aufstand machen, damit er mir überhaupt in den Hals schaute. Danach sagte er nur ‹Ah, ja, Sie haben Angina›, und gab mir das Antibiotikum.»

Simona* (46): «Der Arzt meinte, ich wolle nicht arbeiten»

«Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sehr schnell die Diagnose ‹Psyche› gestellt wird. Im Jahr 2004 hatte ich einen Schulterunfall und musste zum Arzt. Nach drei Kortisonspritzen hatte ich immer noch Tag und Nacht Schmerzen – doch der Arzt behauptete, ich sei einfach eine Mutter, die nicht arbeiten möchte. Erst viel später fand man heraus, dass meine Schulter entzündet war und ich eine OP brauchte – die drei Jahre später stattfand. Mittlerweile leide ich an Fibromyalgie – was auch oft nicht ernst genommen wird. Einmal sagte mir ein Arzt: ‹Denken Sie, dass ich Zeit habe, Ihre Akten durchzulesen?› Das war für mich wie ein Schlag ins Gesicht.»

Die Hoffnung ruht auf der Gendermedizin

Die relativ junge Gendermedizin will nun die geschlechtersensible Sicht auf Krankheiten ins Blickfeld rücken. In der Schweiz arbeitet die von Professor Cathérine Gebhard geleitete Kommission für Gendermedizin der Universität Zürich seit 2015 daran, geschlechtsspezifische Inhalte ins Medizinstudium zu integrieren. Unter anderem erforscht Gebhard in einer Forschungsgruppe Herzkrankheiten bei Männern und Frauen und geschlechtsspezifische Auswirkungen von Covid. Letztes Jahr wurde gemeinsam mit der Uni Bern ein eigener Studiengang eingeführt. Ein Netzwerk aller Schweizer Universitäten will zudem Konzepte und Lehrpläne entwickeln, um die Gendermedizin schweizweit in die Ausbildung zu verankern.

*Name geändert

«Die Rolle der Frauen in der Medizin müsste gestärkt»

Catherine Gebhard, Kardiologin und Expertin für Gendermedizin

Catherine Gebhard, Kardiologin und Expertin für Gendermedizin

Daniel Kellenberger

Wie oft werden Frauen falsch diagnostiziert oder sterben sogar aufgrund der Gender-Datenlücke?

Man weiss, dass etwa jüngere Frauen unter 55 Jahren mit Herzerkrankungen ein sieben Mal höheres Risiko haben, eine Fehldiagnose zu erhalten als gleichaltrige Männer. Insgesamt werden Frauen mit Herz- oder Lungenerkrankungen häufiger fehldiagnostiziert als Männer. Andererseits wird aber zum Beispiel die Osteoporose bei Männern oft nicht erkannt, da sie als typische Frauenkrankheit angesehen wird. Der Gender-Bias kann also beide Geschlechter betreffen.

Welche anderen Gründe für Fehldiagnosen fallen ausser der Gender-Datenlücke ins Gewicht?

Im klinischen Alltag werden kaum soziokulturelle Unterschiede zwischen Männern und Frauen berücksichtigt. Hierzu gehört, dass Männer und Frauen unterschiedlich kommunizieren. Beispielsweise reden Frauen ausführlicher über ihre Symptome. Wenn man das als Ärztin oder Arzt nicht berücksichtigt, gehen oftmals wichtige Informationen verloren und es entstehen Fehldiagnosen.

Wie wichtig ist für Mediziner*innen heutzutage die geschlechtsspezifische Therapie?

Die geschlechtersensible Medizin wird im klinischen Alltag noch kaum umgesetzt. Unser Studiengang zur Gendermedizin soll für mehr Sensibilisierung beim Gesundheitspersonal sorgen.

Warum kommt man erst jetzt darauf, dass Männer und Frauen auf Krankheiten verschieden reagieren?

Das ist schon seit Jahrzehnten bekannt, es wird nur nicht umgesetzt. Einer der Gründe ist die Unterrepräsentation von Frauen in medizinischen Führungspositionen. Es interessieren sich hauptsächlich Medizinierinnen für die geschlechtsspezifische Medizin. Um diese zu stärken, müsste also auch die Rolle der Frauen in der Medizin gestärkt werden. Hier stehen wir in der Schweiz noch am Anfang.

Eigentlich müssten Prinzipien der Gendermedizin auch allgemein in der Medizin angewendet werden, zum Beispiel, wenn es um Unterschiede bezüglich Alter oder Körpergewicht geht.

Das stimmt. Die Gendermedizin ist ein Teilgebiet der individualisierten – oder personalisierten – Medizin. Vieles wird dabei schon berücksichtigt, wie etwa das Gewicht von Patientinnen. und Patienten. Das Problem ist, dass beispielsweise gerade ältere Frauen – die meistens deutlich weniger wiegen als der typische 70- bis 80-Kilogramm-Mann – in Forschungsstudien unterrepräsentiert sind und uns hierzu verlässliche Daten fehlen.

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