Test-Verweigerer: «Ich hatte Symptome und liess mich nicht testen»
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Test-Verweigerer«Ich hatte Symptome und liess mich nicht testen»

Einige Schweizer sträuben sich gegen einen Corona-Test. Zwei Betroffene erläutern ihre Gründe – während der Infektiologe vor einer immer grösseren Dunkelziffer warnt.

von
Joel Probst
Michelle Muff
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Fast jeder fünfte Schweizer will nicht freiwillig zum Corona-Test. Das zeigt eine nicht repräsentative Leserumfrage von 20 Minuten.

Fast jeder fünfte Schweizer will nicht freiwillig zum Corona-Test. Das zeigt eine nicht repräsentative Leserumfrage von 20 Minuten.

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Ganze 15 Prozent der über 7200 Teilnehmer würden sich auch bei Symptomen nicht auf Corona testen lassen.

Ganze 15 Prozent der über 7200 Teilnehmer würden sich auch bei Symptomen nicht auf Corona testen lassen.

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Einer, der sich trotz Kontakt mit einem Infizierten und Corona-Symptomen nicht testen liess, ist der 23-jährige Kaufmann F. D. aus Zürich.

Einer, der sich trotz Kontakt mit einem Infizierten und Corona-Symptomen nicht testen liess, ist der 23-jährige Kaufmann F. D. aus Zürich.

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Darum gehts

  • Eine nicht repräsentative Leserumfrage zeigt, dass 15 Prozent der über 7200 Teilnehmer sich auch bei Symptomen nicht auf Corona testen lassen würden.

  • Ein Test-Verweigerer erzählt, er habe nicht seinen gesamten Betrieb in Quarantäne schicken wollen.

  • Für den Infektiologen Andreas Cerny ist dieses Verhalten unverständlich.

  • Er sieht das grosse Problem aber bei der Überlastung des Schweizer Testsystems.

Fast jeder fünfte Schweizer will nicht freiwillig zum Corona-Test. Eine nicht repräsentative Leserumfrage von 20 Minuten zeigt, dass 15 Prozent der über 7200 Teilnehmer sich trotz Corona-Symptomen nicht testen lassen würden.

Einer der vielen Test-Verweigerer ist der 23-jährige Kaufmann F. D.* aus Zürich. «In meinem Fussballteam sind drei Personen positiv getestet worden. Zur gleichen Zeit hatte ich ebenfalls leichte Corona-Symptome.» Dennoch entschied er sich bewusst dazu, sich nicht auf Corona testen zu lassen. Der Grund: «Wäre ich positiv getestet worden, hätte der gesamte Betrieb in Quarantäne gemusst, und wir hätten den Betrieb für zehn Tage schliessen müssen. Das hätten wir uns finanziell nicht leisten können», sagt D.

15 Prozent der über 7200 Teilnehmer einer 20-Minuten-Leserumfrage würden sich auch bei Symptomen nicht auf Corona testen lassen (Stand 4. November, 17.30 Uhr).

15 Prozent der über 7200 Teilnehmer einer 20-Minuten-Leserumfrage würden sich auch bei Symptomen nicht auf Corona testen lassen (Stand 4. November, 17.30 Uhr).

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«Test ist schmerzhaft»

Statt sich testen zu lassen, habe er deshalb während zehn Tagen Homeoffice gemacht oder sei erst abends im leeren Büro arbeiten gegangen. Nur seiner Familie und seinen besten Freunden habe er von seiner möglichen Infektion erzählt: «Sie hielten während der zehn Tage Abstand zu mir, andere Menschen habe ich nicht getroffen.» D. resümiert, dass letztendlich alles gut ausgegangen sei: «Es hat niemand in meinem Umfeld Symptome entwickelt, und ich war nach wenigen Tagen wieder ganz gesund.»

Auch die 33-jährige L. E.* würde erst wieder zum Corona-Test gehen, wenn sie Fieber und Atemnot hätte. Sie liess sich letzte Woche testen, da sie an Halsweh litt – mit negativem Resultat. «Man muss nicht wegen jeder Kleinigkeit zum Test gehen», findet sie. Denn der Test sei nicht nur schmerzhaft und unangenehm, sondern auch teuer für den Staat.

Infektiologe kritisiert Verhalten scharf

E. ist der Meinung, man solle sich nicht zu stark einschüchtern und zum Test drängen lassen: «Ich bin sowieso vom Herbst bis in den Frühling erkältet. Da darf ich bei etwas Halsschmerzen auch davon ausgehen, dass es kein Corona ist.» In Zukunft will sie ihre Symptome zuerst beobachten und dabei nur wenige fremde Personen treffen.

Für den Infektiologen Andreas Cerny ist dieses Verhalten unverständlich: «Nimmt man diese Krankheit nicht ernst und lässt sich nicht testen, gefährdet man sich selber und andere – oder trägt zumindest zur Weiterverbreitung des Virus bei.»

«Das Testing ist überlastet»

Das grosse Problem bei der Schweizer Teststrategie liegt laut Cerny aber an einer anderen Stelle: «Unsere Testkapazität kommt dem explosiven Anstieg der Infektionen nicht mehr nach.» Cerny weiss von Kantonen, wo symptomatische Personen ihre Testresultate erst nach bis zu fünf Tagen erhalten. «Das System ist überlastet.»

Der Tessiner Infektiologe ist sich deshalb sicher: «Im Moment gibt es sehr viele Personen, die das Virus haben und nichts davon wissen.» Die hohe Dunkelziffer zeige sich auch an der hohen Testpositivitätsrate, am Mittwoch betrug sie 27,7 Prozent. Die Fallzahlen repräsentierten das tatsächliche Infektionsgeschehen immer schlechter. «Nur Schnelltests könnten diese Lücken teilweise füllen.» Klar ist für Cerny: «Die Zahlen müssen bald wieder abflachen.»

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556 Kommentare
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Udo und das Panikorchester

06.11.2020, 08:58

Bald ist die Dunkelziffer die ganze Schweiz. Aber wir leben trotzdem immer noch.

Nischi

06.11.2020, 08:56

In Wien werden die Leute mit dem Gurgeltest getestet. Dieses Verfahren ist schmerzfrei lediglich 1 min gurgeln mit NaCl ( Kochsalzlösung) ist nötig. Wer das kann kann den Test zu Hause selbst durchführen und anschliessend wird er in‘s Labor versendet! Ganze Schulklassen wurden so getestet. In der Schweiz hört man von diesem Test kein Wort weshalb ist meine Frage an die Infektiologen und Virologen?! Es bräuchte keine Warteschlangen vor den Testzentren, das Spitalpersonal würde entlastet werden! Anscheinend ist das Testverfahren nicht weniger genau als der Nasenabstrich!

Dauerwelle

06.11.2020, 08:56

Hört endlich auf gegen eine Mauer zu kämpfen. Das Virus lässt sich nicht eindämmen. Durchseuchung ist die einzige Möglichkeit je zu einem normalen Leben zurückzufinden. Der Natur ist es dabei allerdings völlig egal ob ihr das jetzt, in 5 oder in 10 Jahren einseht.