Paranoide Schizophrenie - «Ich hörte Stimmen und dachte, die Wohnung ist verwanzt»
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Paranoide Schizophrenie«Ich hörte Stimmen und dachte, die Wohnung ist verwanzt»

Jens Jüttner erkrankte als junger Mann an paranoider Schizophrenie. Nun hat er über seine Erfahrungen ein Buch geschrieben.

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Im Alter von 23 Jahren begann Jens Jüttner plötzlich das Verhalten seiner Mitmenschen zu analysieren und Blicke von anderen Menschen auf sich zu beziehen.

Im Alter von 23 Jahren begann Jens Jüttner plötzlich das Verhalten seiner Mitmenschen zu analysieren und Blicke von anderen Menschen auf sich zu beziehen.

Pinguletta Verlag/Maria Stratmann
«Beim Einkaufen im Supermarkt, dachte ich darüber nach, was sich die Dame an der Kasse denn denkt, wenn ich das kaufe», sagt Jens Jüttner. 

«Beim Einkaufen im Supermarkt, dachte ich darüber nach, was sich die Dame an der Kasse denn denkt, wenn ich das kaufe», sagt Jens Jüttner.

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«Und wenn ich in der Fussgängerzone spazierte, hatte ich das Gefühl, die Leute würden sich nach mir umdrehen und flüstern, weil sie mich erkennen und alles über mich wissen.»

«Und wenn ich in der Fussgängerzone spazierte, hatte ich das Gefühl, die Leute würden sich nach mir umdrehen und flüstern, weil sie mich erkennen und alles über mich wissen.»

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Darum gehts

  • Jens Jüttner lebt mit der Diagnose paranoide Schizophrenie.

  • Dass er krank ist, war ihm lange Zeit nicht bewusst.

  • Heute hilft er akut Kranken bei der Genesung.

  • In seinem Buch «Als ich aus der Zeit fiel» erzählt er seine Geschichte und klärt über Mythen und Vorurteile rund um psychische Erkrankungen auf.

Er war 23 Jahre alt und mitten im Jus-Studium, als er begann das Verhalten seiner Mitmenschen zu analysieren und Blicke von anderen Menschen auf sich zu beziehen, erzählt Jens Jüttner: «Ich sass in der Bibliothek und hatte das Gefühl, die Leute würden mich ansehen und über mich flüstern», so der heute 45-Jährige. «Auch beim Einkaufen im Supermarkt, dachte ich darüber nach, was sich die Dame an der Kasse denn denkt, wenn ich das kaufe und wenn ich in der Fussgängerzone spazierte, hatte ich das Gefühl, die Leute würden sich nach mir umdrehen und flüstern, weil sie mich erkennen und alles über mich wissen.»

Jüttner sprach aber mit niemandem über diese Gedanken. Selbst zu Hause konnte er nicht entspannen. Denn er war davon überzeugt, dass seine Wohnung verwanzt ist und Agenten ihn abhören würden: «Ich dachte, die wissen alles.» Als er zusätzlich begann, Stimmen zu hören, «schob ich es auf die Nachbarn, die mal wieder etwas lauter seien und die Wohnung ja so hellhörig sei.» Niemals hätte er gedacht, dass er sich das einbilde, denn «es war Realität – meine Realität.»

Gespräche mit den Eltern

Parallel dazu begleitete den gebürtigen Düsseldorfer ständige Anspannung und Unsicherheit. Trotzdem ging er weiter seiner Arbeit als Jurist nach, war verheiratet und kümmerte sich um seinen kleinen Sohn. Seine Frau war aufgrund ihres Berufs als Flugbegleiterin viel unterwegs. «Ab und an habe ich zu ihr gesagt, sie solle nicht so laut reden oder vom Fenster weggehen. Aber da dachte sie sich nichts dabei», erzählt Jüttner. «Erst als auch meinen Eltern meine dauernde Anspannung auffiel und ich auch Gesprächen nicht mehr aufmerksam folgen konnte, ging ich zur Psychiaterin.» Die Diagnose: Paranoide Schizophrenie.

Für Jüttner zunächst unglaublich, «aber als nach drei Wochen die Neuroleptika zu wirken begannen, fiel es mir wie Schuppen von den Augen, womit ich die letzten Jahre meine Zeit verbracht hatte.» Die Stimmen in seinem Kopf verklangen und die Verfolgungsgedanken verschwanden. Seine volle Lebensqualität kam damit aber noch nicht zurück.

Alles Roger?

Wer bemerkt, dass es seinem Gegenüber nicht gut geht oder sich dieser verändert hat, steht nicht selten vor der Frage, wie er das Thema ansprechen soll. Abhilfe bieten da die ensa-Erste-Hilfe-Kurse der Stiftung Pro Mente Sana. In diesen erfahren Laien, wie sie auf Betroffene mit psychischen Schwierigkeiten zugehen und Erste Hilfe leisten können. Auch das Ansprechen von möglichen Suizid-Gedanken ist Teil des Programms.

Im Gespräch mit Menschen, die mit psychischen Problemen zu kämpfen haben, empfiehlt die Ensa den «Roger»-Massnahmenplan. Die fünf Schritten sollen dabei helfen, das Gespräch aufzubauen:

  • Reagiere: Die Situation ansprechen und einschätzen und der Person beistehen.

  • Offen und unvoreingenommen zuhören und kommunizieren.

  • Gib Informationen und Unterstützung.

  • Ermutige zu professioneller Hilfe.

  • Reaktiviere die Ressourcen der Person.

Schizophrenie tritt schubweise auf

Weil Schizophrenie in Schüben auftritt, wechselten sich diese mit einer depressiver Symptomatik (Negativsymptomatik) ab. «Die Negativsymptome müssen nicht bei jedem Betroffenen auftreten, aber es kommt oft vor», erklärt Jüttner. Jeder Tag sei eine Qual gewesen, weil er sich zu nichts aufraffen oder motivieren konnte.

Die Krux an der Sache: Antidepressiva, die bei Depressionen verschrieben werden, helfen im Falle dieser Symptomatik bei Schizophrenie nicht, weil die Ursache der depressiven Symptome eine andere ist. «Erst als ich später Mood Stabilizer verschrieben bekam, verbessert sich mein Zustand rapide und der Lebenshunger kehrte zurück», schildert er.

Nun hilft er Erkrankten

Der Deutsche kündigt seinen Job als Rechtsanwalt und schreibt sein autobiografisches Sachbuch «Als ich aus der Zeit fiel». Darin erzählt er seine Geschichte und klärt über Mythen und Vorurteile rund um psychische Erkrankungen auf. Zusätzlich macht er eine sogenannte Ex-In-Ausbildung als Genesungsbegleiter. Dabei werden ehemalig psychisch Kranke in die Behandlung akut Kranker mit einbezogen. Der Vorteil liegt auf der Hand: Als Schizophrenie-Betroffener kann Jüttner sich gänzlich in die Situation anderer Erkrankter hineinversetzen und «ich bin aus Patientensicht glaubwürdiger als jeder Arzt. So gelingt es mir, das Vertrauen der Erkrankten zu gewinnen – eine sehr schwierige Sache, vor allem, wenn dieser sich gerade in einer Psychose befindet.» Mit rationalen Argumenten finde man dann so gut wie kein Durchkommen, erzählt der Autor. Heute arbeitet er mit jeder Form von psychisch Erkrankten – eine Arbeit, in der er Sinn sieht und die ihn erfüllt.

Angehörigen von Schizophrenen rät er, sich um das Vertrauen des oder der Betroffenen zu bemühen und ihn oder sie so zu ärztlicher Betreuung zu bewegen. Die Thematisierung des Leidensdrucks des oder der Kranken könnte noch am ehesten zum Erfolg führen, so Jüttner. «Auf keinen Fall sollte man den Betroffenen sagen, dass das nicht stimmt, was sie zu sehen oder hören glauben. Denn das löst nur eine Abwehrhaltung aus und führt nirgendwo hin. Es kann den Betroffenen sogar in seinem oder ihrem Wahn bestärken.»

Nicht heilbar, aber gut behandelbar

Die Prognose des Krankheitsverlaufs ist individuell. Seit Schizophrenie-Patienten und Patientinnen mit einer Kombination aus Neuroleptika und Psychotherapie behandelt werden, hat sich die Prognose der Krankheit deutlich verbessert. Circa 20 bis 25 Prozent der Patienten werden mit dieser Behandlung wieder ganz gesund. Aber auch wenn die Patienten nicht vollständig geheilt werden, reicht häufig eine ambulante Betreuung aus, um trotz der Schizophrenie ein weitgehend normales Leben zu führen. Manche Patienten erleben nur eine einzige akute Krankheitsphase, bei anderen ist der Verlauf schwerwiegend und mündet in eine chronische Schizophrenie. Wiederum andere haben immer wieder schizophrene Phasen, die Dank der Behandlung aber auch wieder abklingen. Meist werden die akuten Symptome im Laufe der Zeit schwächer, sodass manchmal sogar die Medikation abgesetzt werden kann.

Jens hat in Absprache mit seinem Arzt versucht, die Dosis schrittweise zu reduzieren - auf gerade soviel wie nötig. Ab einer gewissen Dosis merkt er, wie die Gedanken sich wieder anschleichen. Mittlerweile ist er medikamentös gut eingestellt und merkt von seiner Krankheit nichts mehr. Dennoch warnt er eindringlich davor, die Dosis eigenmächtig zu reduzieren oder die Medikamente ganz abzusetzen: «Das muss immer in Absprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen. Sonst hat das unschöne Folgen, die ich auch selbst erlebt habe.»

Hast du oder hat jemand, den du kennst, eine psychische Erkrankung?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Kinderseele Schweiz, Beratung für psychisch belastete Eltern und ihre Angehörigen

Verein Postpartale Depression, Tel. 044 720 25 55

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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