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Nico Rosberg«Ich hoffe, dass noch viele Siege folgen»

Mit seinem Erfolg beim GP von China sorgte Nico Rosberg für einen historischen Triumph - nicht nur für sich selber, sondern auch für sein Team. Der Deutsche hat aber noch lange nicht genug.

20'671 Tage. Oder fast 57 Jahre. So viel Zeit verstrich, bis erstmals seit dem 11. September 1955, als Juan Manuel Fangio, der fünffache Weltmeister aus Argentinien, in Monza vor Teamkollege Piero Taruffi gewann, wieder ein Mercedes-Fahrer einen Grand Prix in der Königsklasse des Motorsports als Sieger beendete. Der Mann, der den Bann gestern brach, hat sich in seiner Karriere ebenfalls in Geduld üben müssen. In 110 Rennen seit dem Debüt vor sechs Jahren schauten für Nico Rosberg zwar fünf Podestplätze heraus. Mit dem ersten Sieg klappte es für den 26-jährigen Deutsch-Finnen aber erst in Schanghai.

«Jetzt hoffe ich, dass noch viele Siege folgen werden», sagte Rosberg nach seinem bisher grössten Erfolg. Mercedes war mit seinem Werkteam in der ganzen letzten Saison nie auf dem Podest vertreten, was für die mit der Übernahme des damaligen Weltmeister-Rennstalls Brawn im Hinblick auf die WM 2010 lancierte «deutsche Nationalmannschaft» einer indiskutablen Bilanz gleichkam. Wasser auf die Mühlen der Kritiker aus Betriebsrat und Aktionariat, denen das Formel-1-Engagement des Daimler-Konzerns ein Dorn im Auge ist, war, dass Mercedes an den ersten beiden GP-Wochenenden dieser WM-Saison zwar in den Qualifyings, nicht aber in den Rennen überzeugte.

Dem Team gelang es jeweils nicht, das Auto so abzustimmen, dass sich der Reifenverschleiss in Grenzen hielt. «Wir waren bisher die Reifenfresser, jetzt sind wir die Reifenflüsterer», nannte Sportchef Norbert Haug den Schlüssel zum Erfolg, der auch ein Befreiungsschlag war. Teamchef Ross Brawn, der seine Schlüsselfunktion nach dem Besitzerwechsel behalten hatte, machte die erstmals über drei Tage konstanten Wetterbedingungen für die Fortschritte verantwortlich. Rosberg, der neben Teamkollege Michael Schumacher und vor Sauber-Fahrer Kamui Kobayashi erstmals aus der Pole-Position losgefahren war, stach Jenson Button und Lewis Hamilton mit einer riskanten Zwei-Stopp-Strategie aus.

Kein Doppelerfolg nach Schlamperei

Das McLaren-Duo musste sich hinter dem ungefährdeten Sieger mit den Rängen 2 und 3 zufrieden geben. Button hätte Rosberg höchstwahrscheinlich auch dann nicht gefährden können, wenn seiner Boxencrew der dritte Reifenwechsel gelungen wäre. Immerhin konnte Hamilton den nur neuntklassierten Ferrari-Fahrer Fernando Alonso als WM-Leader ablösen und zwei Punkte vor Button und acht vor dem Spanier die Führung übernehmen. Mercedes vergab die Chance auf einen Doppelerfolg beim ersten Boxenstopp von Michael Schumacher, als der siebenfache Weltmeister zurück auf die Strecke geschickt wurde, noch bevor sein rechtes Vorderrad richtig festgeschraubt war. Schumacher musste ausrollen lassen, seinem Team wurden 5000 Euro Busse aufgebrummt.

Red Bull Racing kam nicht über die Ränge 4 für Mark Webber und 5 für Sebastian Vettel hinaus. Weltmeister Vettel, wie Rosberg mit einer Zwei-Stopp-Strategie angetreten, lag fünf Runden vor Schluss noch im 2. Zwischenrang, musste dann aber wegen stark nachlassender Pneus der Reihe nach Button, Hamilton und Webber vorbeiziehen lassen. Der mit französischer Lizenz fahrende Genfer Romain Grosjean gewann in seinem elften Rennen als Sechster erstmals WM-Punkte. Der Lotus-Mann klassierte sich vor dem überraschend starken Williams-Duo Bruno Senna/Pastor Maldonado, das sich von den Startplätzen 14 und 13 in die Punkteränge verbesserte.

Ernüchterung bei Sauber

Im Sauber-Team kehrte am Tag nach der grossartigen Vorstellung im Qualifying Ernüchterung ein. Die Ausbeute beschränkte sich auf einen WM-Punkt durch Kamui Kobayashi, der den 10. Platz sechs Runden vor Schluss seinem Stallgefährten Sergio Perez abjagte. «Wir waren im Rennen ganz einfach nicht schnell genug und unsere Strategien gingen auch nicht auf - beide Fahrer blieben im Verkehr stecken», fasste Geschäftsführerin Monisha Kaltenborn zusammen. Kobayashi fiel schon beim Start vier Plätze und unmittelbar hinter Perez auf Position 7 zurück. «Wir haben schon oft nach einem schlechten Qualifying im Rennen aufgeholt, diesmal lief es andersrum», sagte Kobayashi.

Der Japaner holte mit der ersten Schnellsten Runde eines Sauber-Fahrers in der 16. Formel-1-Saison als Privatteam einen Trostpreis. Während der vierjährigen Ära mit BMW hatte das zweimal Nick Heidfeld geschafft. Sergio Perez tat drei Wochen nach dem Exploit in Malaysia (2. Platz) wieder etwas für seine Statistik, indem er das Rennen während drei Runden anführte. Beim Mexikaner hatte die Umstellung von einer Drei- auf eine Zwei-Stopp-Strategie während des Rennens nicht den gewünschten Effekt. Beim ersten Boxenhalt büsste Perez zwei Positionen wegen eines Problems mit der Kupplung ein.

Die Reaktionen der Protagonisten zeigen, dass die Ansprüche nach dem tollen Saisonstart auch teamintern gestiegen sind. Doch wenn von den vier Teams mit rund drei- bis viermal grösseren Budgets als Sauber (Ferrari, Red Bull, McLaren und Mercedes) sieben Fahrer die Zielflagge sehen und sechs punkten, bleibt für den Mittelstand nicht mehr viel übrig. In diesem Mittelstand Spitze zu sein ist das grosse Saisonziel der Hinwiler Equipe. Im WM-Klassement belegt Sauber immer noch den 4. Zwischenrang - noch vor Mercedes. (si)

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