Wer sich exponiert, wird beschimpft – «Ich hoffe, du stirbst!» – Pandemie-Fachleute ziehen im Netz Hass auf sich
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Wer sich exponiert, wird beschimpft«Ich hoffe, du stirbst!» – Pandemie-Fachleute ziehen im Netz Hass auf sich

In der Corona-Pandemie sind Einschätzungen von Fachleuten in Medien und Online-Netzwerken an der Tagesordnung. Für einige von ihnen hat das sehr ernste Folgen, wie eine Umfrage zeigt.

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Beschimpft, bedroht und tätlich angegriffen: Viele Fachleute, die sich öffentlich zu Themen rund um die Covid-19-Pandemie äussern, haben diese Erfahrung gemacht: So etwa der deutsche Virologe Christian Drosten. 

Beschimpft, bedroht und tätlich angegriffen: Viele Fachleute, die sich öffentlich zu Themen rund um die Covid-19-Pandemie äussern, haben diese Erfahrung gemacht: So etwa der deutsche Virologe Christian Drosten.

Michael Kappeler/dpa
Auch Krutika Kuppalli, eine Spezialistin für Infektionskrankheiten wurde persönlich angefeindet. Gleich nach ihrer ersten öffentlichen Äusserung wurde sie mit dem Tod bedroht. 

Auch Krutika Kuppalli, eine Spezialistin für Infektionskrankheiten wurde persönlich angefeindet. Gleich nach ihrer ersten öffentlichen Äusserung wurde sie mit dem Tod bedroht.

Screenshot Twitter/@KrutikaKuppalli
Dasselbe erlebt regelmässig der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. 

Dasselbe erlebt regelmässig der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach.

Kay Nietfeld/dpa

Darum gehts

  • Fachleute, die sich öffentlich zum Coronavirus Sars-CoV-2 oder Covid-19 äussern, werden danach häufig mit Hass überhäuft. Auch körperliche Angriffe kommen vor.

  • Das zeigt eine Umfrage des Fachjournals «Nature», an der 321 Expertinnen und Experten unterschiedlicher Fachrichtungen teilnahmen.

  • Demnach ist jeder zweite Corona-Experte oder -expertin von Anfeindungen betroffen – ganz egal, woher sie kommen.

Ärzte und Virologen vor der Kamera und Epidemiologen, die auf Twitter-Studien kommentieren: In der Pandemie ist das alltäglich geworden. Fachleute beziehen Stellung zu Fragen rund um Corona. Eine Umfrage der Fachzeitschrift «Nature» unter mehr als 300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus mehreren Ländern wirft nun ein Schlaglicht auf die oft negativen Reaktionen, die ein Teil von ihnen wegen der Präsenz in der Öffentlichkeit erfahren hat. Es geht nicht nur um Hassbotschaften, sondern auch um Morddrohungen und seltener sogar körperliche Angriffe.

321 Erfahrungsberichte

Vorweg: Es handelt sich nicht um eine wissenschaftlich begleitete, repräsentative Umfrage. Das Ausmass des Problems lässt sich damit nicht exakt bemessen. Die Zeitschrift «Nature» versandte Fragebögen an Expertinnen und Experten und arbeitete dabei in mehreren Ländern mit Einrichtungen zusammen, die unter anderem Wissenschaftler-Statements an Medien verschicken (Science Media Centers). Es beteiligten sich 321 Expertinnen und Experten, die mit Medien über die Pandemie gesprochen hatten. Die meisten von ihnen kamen aus Grossbritannien, Deutschland und den USA.

Gut die Hälfte der Befragten gab an, manchmal, in der Regel oder immer nach Medienauftritten Troll-Kommentare oder persönliche Angriffe erlebt zu haben (siehe Instagram-Post – ob Melanie Brinkmann zu den Umfrage-Teilnehmerinnen und -Teilnehmern zählt, ist nicht bekannt). Die negativen Folgen der medialen Präsenz reichen demnach bis hin zu Morddrohungen in 47 Fällen, sechs Wissenschaftler gaben an, körperlich attackiert worden zu sein. Einzelne berichten auch von aggressiven Mails, gehackten Accounts oder Websiten und Beschwerden an den Arbeitgeber.

«Wenn du in meiner Nähe wärst, würde ich dich erschiessen»

In einem «Nature»-Artikel mit Fallbeispielen werden Reizthemen deutlich: Der australische Epidemiologe Gideon Meyerowitz-Katz etwa nannte zum einen – erwartbar – Impfungen. Die meisten Drohungen aber habe er überraschenderweise von Menschen bekommen, die das Anti-Wurmmittel Ivermectin als angebliches Präparat gegen Covid-19 verteidigten. «Leute mailen mir anonym von komischen Accounts ‹Ich hoffe, du stirbst› oder ‹Wenn du in meiner Nähe wärst, würde ich dich erschiessen›», wird Meyerowitz-Katz zitiert, der sich auch zur Sterblichkeit durch Sars-CoV-2 und zur Sinnhaftigkeit von PCR-Tests geäussert hat. Auch die Frage des Virusursprungs ist laut Bericht ein heisses Eisen.

Woher kennt man Ivermectin?

Ivermectin, das zur Gruppe der Avermectine zählt, wurde ursprünglich in den 1970er Jahren entdeckt und zunächst als Tierarzneimittel verwendet, um innere und äussere Parasiten bei Haustieren und Nutztieren abzutöten. Verabreicht wird es unter anderem bei einem Befall mit Fadenwürmern und Krätzmilben. Die Effekte beruhen auf der Bindung an Chloridkanäle, was zur Lähmung und zum Tod der Parasiten führt. Derzeit wird es auch zur Behandlung von Parasiteninfektionen bei Menschen eingesetzt. Etwa bei Kopfläusen.

Bereits im Frühjahr 2020 warnte die US-Arzneimittelbehörde FDA davor, Ivermectin zum Schutz vor Covid-19 einzunehmen – insbesondere von jenen Präparaten, die aus der Veterinärmedizin stammen, sollte man die Finger lassen: «Sie können bei Menschen ernsthafte Schäden verursachen.» Es drohten Krampfanfälle, Koma, Lungen- und Herzprobleme, mitunter auch der Tod. Eine US-Apotheke liess sich im Jahr zwei der Pandemie sogar Fotos von Pferden zeigen, wenn jemand Ivermectin kaufen wollte. Wissenschaftlich anerkannte Belege dafür, dass das Medikament eine positive Wirkung gegen das Coronavirus hat, gibt es derzeit nicht.

In der Fachwelt wird befürchtet, dass Hassbotschaften zu Rückzug und Selbstzensur von Expertinnen und Experten führen und deren Kollegen abschrecken könnten, selbst öffentlich aufzutreten. In der Umfrage gaben besonders häufig von persönlichen Angriffen und Troll-Kommentaren Betroffene auch am ehesten an, dass dies ihre Gesprächsbereitschaft mit Medien enorm beeinflusst habe.

So reagieren die Bedrohten

Zu den individuellen Bewältigungsstrategien von Forschenden, die online beschimpft werden, gehören der Versuch, die Beschimpfungen zu ignorieren, das Filtern und Blockieren von E-Mails und Social-Media-Trollen oder – bei Beschimpfungen auf bestimmten Social-Media-Plattformen – die Löschung ihrer Konten. Aber das ist nicht einfach.

«Es ist sehr erschütternd, wenn man jeden Tag seine E-Mails oder Twitter öffnet und Todesdrohungen und Beschimpfungen erhält, um seine Arbeit zu untergraben», sagt Andrew Hill, Pharmakologe am Institut für Translationale Medizin der Universität Liverpool. Die Beschimpfungswelle gegen ihn startete, nachdem er und seine Kollegen im Juli eine Metaanalyse zu Ivermectin veröffentlicht hatten, diese aber zurückzogen und sie überarbeiteten, weil eine der grössten Studien, die sie einbezogen hatten, wegen ethischer Bedenken hinsichtlich ihrer Daten zurückgezogen wurde. Daraufhin wurde Hill mit Bildern von Erhängten und Särgen belagert, und die Angreifer behaupteten, er würde «Nürnberger Prozessen» ausgesetzt und er und seine Kinder würden «in der Hölle schmoren». Es kostet viel Zeit, die Nachrichten durchzugehen und die Diffamierer herauszufiltern, sagt er. Deshalb habe er beschlossen, sein Twitter-Konto zu löschen.

Krutika Kuppalli, die nach Aussagen zur möglichen Booster-Impfung und der verheerenden Pandemie-Welle in Indien mit dem Tod bedroht wurde und die heute für die WHO in Genf arbeitet, hat ihre Social-Media-Präsenz beibehalten, ist aber vorsichtiger im Umgang mit ihr. Ihre Regel ist nun, nicht auf Kommentare oder Beiträge zu antworten, wenn sie verärgert oder wütend ist, oder in manchen Fällen überhaupt nicht zu antworten. «Ich lese die Kommentare einfach nicht und lasse mich nicht darauf ein.»

Pandemie als doppeltes Brennglas

Um ein neues Phänomen handelt es sich laut Kommunikationsexperten zwar nicht. «Die Pandemie wirkte jedoch wie ein doppeltes Brennglas. Alle Dynamiken, die wir in der Forschung bereits beschrieben hatten, traten nun in hoher Konzentration und Blitzgeschwindigkeit zutage», erklärte Konstanze Marx von der Universität Greifswald. Sie sehe Handlungsbedarf im «generellen Diskursklima», also auch in Medien und Politik. Gebraucht werde ein Klima der Wissenschaftsfreundlichkeit.

Die «Nature»-Umfrage war zwar anonym, in Deutschland gibt es aber bekannte Betroffene, die massive Anfeindungen bereits vor einiger Zeit selbst öffentlich gemacht haben. Dazu gehört neben dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach etwa der Virologe Christian Drosten. Auch hatten Unbekannte im Oktober 2020 laut Polizei Brandsätze auf ein Gebäude des Robert Koch-Instituts (RKI) in Berlin geworfen.

Charité-Wissenschaftler Drosten berichtete vor rund einem Jahr bei einem Kongress in Berlin, welche Kehrseiten die Bekanntheit bis in den Alltag hinein hat: Da es ihm «ziemlich unangenehm» sei, beim Einkaufen angestarrt zu werden, gehe er mit Sonnenbrille und Mütze raus, um nicht erkannt zu werden. Zu seinem Umgang mit Hass sagte Drosten damals: «Alles, was ich da machen kann, ist, das möglichst auszuklammern.»

Ein Trost bleibt, wie die Umfrage zeigt: Nach positiven Erfahrungen nach Medienauftritten gefragt, stimmten 83 Prozent der Aussage zu, sie hätten ihre Botschaft an die Öffentlichkeit bringen können.

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Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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